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Doppelt gebrannte Untertasse - Friedrich Buschmann erinnert sich an Luftangriff

Doppelt gebrannte Untertasse - Friedrich Buschmann erinnert sich an Luftangriff

Vor mir steht eine kleine Schale aus Meissner Porzellan. Es ist die Untertasse zu einer Kaffeetasse mit dem bekannten Blümchen-Muster. Doch die kleinen Blumen leuchten nicht mehr. Sie sind grau und schwarz.

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Quelle: Privat

Ihre Farben sind erloschen. Diese Untertasse wurde zweimal gebrannt - einmal in der Porzellanmanufaktur in Meißen und ein zweites Mal am 4. Dezember 1943 in Leipzig. Die kleine Schale ist an diesem Tag durch das Feuer gegangen.

Als Kind von sechs Jahren erlebte ich den schweren Luftangriff aus der Sicht eines Schulanfängers. Ich ging seit vier Monaten in die Schule. Das Notgepäck stand immer hinter der Wohnungstür. Die Eltern nahmen Ausweise, Dokumente und Zahlungsmittel mit, ich trug meinen Schulranzen bei Fliegeralarm in den Luftschutzkeller. Bis Dezember 1943 waren nur wenige Luftangriffe auf die Reichsmessestadt geflogen worden.

Marienbrunn war eine grüne Siedlung im Süden Leipzigs, abseits von Industrie. Im kleinen Luftschutzraum saßen fünf Personen und ich. Bis alle Erwachsenen dort angekommen waren erfolgten schon krachende Explosionen von Sprengbomben in der Nähe. Die Kellertüren konnten dem Luftdruck nicht standhalten und wurden aus den Angeln gerissen. Das Inferno des Bombenhagels war ohrenbetäubend. Alle hatten Angst. Als mein Vater nach einer Weile einen Kontrollgang in das erste Stockwerk machte, stand sein Arbeitszimmer schon in Flammen. Die Brandbomben hatten das Dach durchschlagen und im Bücherschrank reiche Nahrung gefunden. Die Rauchentwicklung war beträchtlich. Mit Gasmasken ausgerüstet versuchten die Erwachsenen zu löschen. Der Wasservorrat aus der Badewanne war schnell verbraucht. Aus der Leitung kam kein Wasser.

Von einem Nachbarhaus aus sah ich wie sich die Flammen in unserem Zweifamilienhaus ausbreiteten. Es war nicht mehr möglich, Sachen aus dem ersten Stock zu retten, denn das Treppenhaus brannte. Auch aus dem Erdgeschoss konnten nur wenige Dinge in Sicherheit gebracht werden. Die Decken drohten unter der Last des brennenden Dachs einzustürzen. Die einzelnen Brandherde wurden schnell zu einer riesigen Lohe mit großer Hitzeentwicklung.

Nach kurzer Zeit wurde klar: Das brennende Haus war nicht zu retten. Hilfe war nicht zu erwarten. In unserem kleinen Weg brannten vier von insgesamt zwölf Häusern. Eine Bombenschneise war entstanden. Auch umliegende Gebiete waren betroffen, mehrere Sprengbomben hatten dort die Häuser vollständig zum Einsturz gebracht.

Meine Eltern konnten sich dem brennenden Haus nicht mehr nähern, denn Teile des Daches fielen außen herun- ter. Sie mussten hilflos mit ansehen, wie ihr gesamtes Hab und Gut von den Flammen verzehrt wurde. Die Mutter hatte Angst, dass sich der Vater den Flammen zu sehr näherte. Er rief: "Mein Lebenswerk, mein Lebenswerk!" Beide konnten sich nur in letzter Zuflucht zueinander finden, sich umarmen und weinen.

Der Morgen kam langsam, aber es wurde nicht hell. Rauch und Brandwolken lagen über der Stadt. Der eigentliche Angriff war schon lange vorbei. Die Bewohner der betroffenen Häuser waren zu Ausgebombten geworden. Innerhalb von wenigen Minuten war all das den Flammen zum Opfer gefallen, was den Menschen einen Tag vorher noch vertraute und lieb gewordene Umgebung darstellte. Gerettet waren in unserer kleinen Hausgemeinschaft die Menschen. Aber diese Menschen hatten nur das, was sie auf dem Leibe trugen - ein später viel gebrauchter Satz. Die Nachbarn der heil geblieben Häuser boten heißen Tee und einen Brotimbiss an. Im Angesicht des Infernos standen die Menschen hilflos daneben. Das Feuer würde noch lange brennen oder weiterschwelen. Auch das Kellergeschoss konnte nicht betreten werden. Der heiße Brandschutt drohte die Decke zu durchbrechen.

Am Ort des Geschehens gab es nichts mehr zu tun. Wie Zehntausende anderer "Volksgenossen" meldeten sich meine Eltern in einer Auffangstelle. Sie erhielten eine "Betreuungskarte für fliegergeschädigten Haushaltungsvorstand". Darin wurde amtlich bestätigt, dass die betreffenden Personen durch einen Fliegerangriff "Sach- und Nutzungsschaden erlitten haben und die Wohnung räumen" mussten. Die Zuteilung der Lebensmittelmarken wurde geregelt, Bezugsscheine für wichtigste Kleidungs- stücke wurden ausgestellt. Das Chaos war organisiert. Heute ist dieser Schein abgegriffen, oft geknickt und in Teilen verblichen und unleserlich. Damals diente er für viele Behördengänge und Anmeldungen in Behelfsunterkünften. Er stellte den amtlichen Ausweis für bombengeschädigte Leipziger dar, die sich damit das Lebensnotwendigste zu beschaffen versuchten. Etwa 140 000 Personen waren betroffen.

Unsere kleine Familie wurde aus- einandergerissen. Der Vater fand Unterkunft bei seinem Vetter in der Nähe, die Mutter und ich wurden bei einem weit entfernt lebenden Onkel untergebracht. Alles war provisorisch. Aber das Leben ging weiter. Schon vor Ende des Krieges fingen meine Eltern an, das bis auf die Grundmauern ausgebrannte Haus zu enttrümmern. Eimer für Eimer wurde der Schutt aus dem Erdgeschoss herausgetragen und hinter dem Haus aufgehäuft. Alle ein bis zwei Wochen holte ein Pferdewagen diese Reste ab. Dabei bargen die Eltern einige noch brauchbare Töpfe, Besteckteile und Kleiderhaken aus dem Trümmerschutt. Zu ihrer großen Überraschung stieß meine Mutter auf eine einzige, heil gebliebene Untertasse aus ihrem früheren Kaffee-Service mit den gekreuzten Schwertern. Die zwei Schwerter sind heute noch gut sichtbar, sogar der feine Goldrand ist zu erkennen.

Die kleine Schale steht vor mir - zweimal gebrannt. Einmal in Meißen, einmal in Leipzig.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.12.2013

Friedrich Buschmann

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