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Dramatische Stunden in der Leitstelle

Dramatische Stunden in der Leitstelle

Viele Leipziger waren fassungslos, als am Mittwoch um 17 Uhr der Straßenbahnverkehr komplett zum Erliegen kam und die 150 im Einsatz befindlichen Wagenzüge in ihre Depots gerufen wurden.

Der Entscheidung waren dramatische Stunden in der Leitstelle der Verkehrsbetriebe vorausgegangen. Dort versuchte eine Handvoll Disponenten vergeblich, den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Einer von denen, die das Geschehen in der Leitstelle hautnah miterlebten, war Chefdisponent André Luck. Er hatte seinen Dienst im Straßenbahnhof Angerbrücke planmäßig um 11.30 Uhr angetreten und dort seinen Platz in der Leitstelle eingenommen. "Die Tage davor waren schon nicht ohne", berichtet er. "Wir hatten zu diesem Zeitpunkt bereits die Winterdienststufe II - das heißt, es war zusätzliches Personal im Einsatz, das in der Nacht die Gleise abfuhr."

Dass es noch härter kommt, deutete sich um 13 Uhr an, als in der Volbedingstraße ein Wasserrohr brach und dort die LVB-Gleise unpassierbar wurden. Luck und die anderen Disponenten hatten mit einem Schlag alle Hände voll zu tun, einen Schienenersatzverkehr zu organisieren. "Wir haben Fremdunternehmen im Umland angerufen, um von ihnen Busse zu leihen."

Gegen 14 Uhr fiel auf einmal der größte Teil der elektronischen Anzeigetafeln an den Haltestellen aus. "Einige zeigten gar nichts mehr an, andere ließen sich nicht mehr beschriften", erzählt Luck. Der Dienstleister aus Schaffhausen in der Schweiz konnte auch nicht helfen.

Dann krachte es in der Georg-Schumann-Straße. Dort waren zwei Autos mit einem Sattelschlepper zusammengestoßen und auf die Gleise geraten. "Ein PKW hatte sich so unter dem Aufleger verkeilt, dass wir Hilfe anfordern mussten, um die Gleise wieder frei zu bekommen", so Luck.

Ab 15.30 Uhr ging dann ein Eisregen auf Leipzig nieder, wie er in den vergangenen 22 Jahren nicht vorgekommen war. "Über unser ganzes Netz verteilt meldeten die Bahnen Probleme beim Anfahren." Denn die Oberleitungen waren binnen Sekunden mit einem mehrere Zentimeter starken Eispanzer umgeben - die Stromversorgung vieler Bahnen brach zusammen.

Dann ging es Schlag auf Schlag: In der Karl-Heine-Straße war die erste Oberleitung komplett defekt; um 15.44 Uhr wurde aus Markkleeberg ein Elektro-Schaden gemeldet. Um 16.16 Uhr riss in der Volbedingstraße die erste Fahrleitung durch und fiel auf die Fahrbahn, um 16.28 Uhr brach in der Georg-Schumann-Straße eine Oberleitung und krachte funkensprühend auf die Straße.

Um 16.30 Uhr griff Luck zum Telefonhörer und alarmierte den technischen Geschäftsführer Ronald Juhrs über die dramatische Entwicklung. "Wir haben zunächst darüber gesprochen, ob wir die Winterstufe II auf die Stufe III anheben", berichtet der Chefdispatcher. "Dadurch hätten wir mehr Einsatzkräfte für das Abstumpfen der Eisflächen in den Haltestellen aktiviert - sie wären allerdings erst am Abend aktiv geworden."

Während beide sprachen, blieben immer mehr Straßenbahnen stehen, und den Disponenten in der Leitstelle gelang es nicht, als Ersatz dafür Busse aus den Außenbereichen des LVB-Netzes in die Krisengebiete der Stadt zu dirigieren: Auch die Busse liefen zunehmend Gefahr, durch den Eisregen von den Fahrbahnen zu rutschen. Schließlich bemühten sich die Disponenten, Fahrzeuge aus dem inneren Stadtgebiet von den Linien 80 und 90 abzuziehen, um mit ihnen die Lücken im Straßenbahnnetz zu schließen.

Doch als dutzende Bahnen nicht mehr fahren konnten, war auch das vergebens. "Deshalb habe ich Ronald Juhrs vorgeschlagen, den Straßenbahnbetrieb komplett einzustellen", erzählt Luck. "Er bat um zwei Minuten Bedenkzeit - dann gab er seine Zustimmung." Alle Wagenzüge wurden in die Depots gerufen; hunderttausend Leipziger mussten aussteigen und zu Fuß gehen.

Andreas Tappert

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