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Lokales Drei neue Glocken für die Leipziger Propsteikirche gegossen
Leipzig Lokales Drei neue Glocken für die Leipziger Propsteikirche gegossen
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21:55 15.12.2017
Am Donnerstag wurde in Innsbruck die Glocke gegossen. Quelle: Dominic Welters
Innsbruck

Die Mariahilfglocke des Doms zu St. Jakob im Herzen der österreichischen Stadt Innsbruck ist die zweitgrößte historische Kirchenglocke Tirols. Sie wurde 1846 von der ortsansässigen Glockengießerei Grassmayr gefertigt. Jeden Freitag um 15 Uhr erinnert sie an die Todesstunde Jesu Christi. Das war auch gestern so. Etwa um dieselbe Zeit befanden sich 50 Katholiken aus der Leipziger Propsteigemeinde St. Trinitatis mit ihrem Pfarrer Gregor Giele nur wenige Kilometer weiter südlich auf dem Gelände des Traditionsbetriebs Grassmayr. Um dort den Guss von drei Glocken mitzuerleben, die ab Mai 2018 im Turm ihrer neuen Kirche hängen sollen. Weil „selbst Gott Werbung braucht“, wie der französische Schriftsteller Aurelien Scholl im 19. Jahrhundert feststellen musste.

Am Freitag wurden in Innsbruck drei neue Glocken für die Propsteikirche gegossen - in Anwesenheit von 50 Katholiken, die extra aus Leipzig angereist waren.

„So ein Schauspiel erlebst du nicht oft in deinem Leben. Bei Altar- und Glockenweihen war ich ja schon dabei, bei einem Glockenguss aber noch nie“, war Gemeindemitglied Werner Unverricht (73), von Beruf Steinmetz, voller Vorfreude. Geht es um Kirchenglocken, wird die 1100 Grad Celsius heiße, flüssige Bronze – bei Grassmayr ein Gemisch aus 80 Prozent Kupfer und 20 Prozent Zinn – immer nur freitags ab 15 Uhr in die aufwendig vorbereiteten Formen aus Lehm gegossen. In Erinnerung an das Leiden und Sterben des Messias am Kreuz. Seniorchef Christoph Grassmayr (79), der die Arbeit seines Sohnes Peter und die dreier Mit-arbeiter moderierte, bat die Gläubigen aus dem Sächsischen deshalb zunächst einmal um Fürsprache beim lieben Gott. Und so stand am Anfang des Knochenjobs eine kurze Andacht, die Propst Giele und sein Kollegen, Krankenhauspfarrer Christoph Behrens, leiteten. Es wurde gesungen und gebetet – und dann gingen der Meister und seine Mitstreiter frisch ans Werk. In der Hoffnung auf Segen von oben, um es mit Friedrich Schiller, dem Schöpfer des „Liedes von der Glocke“, zu sagen. „Heute muss die Gocke werden ...“

Und sie dürften alle drei tatsächlich etwas geworden sein, wie der Fachmann glaubt. „Technisch ist alles gut gelungen“, lautete das Fazit von Grassmayr senior eine Viertelstunde nach der letzten von Giele vorgetragenen Fürbitte. „Entmantelt werden die beiden kleineren Glocken sicher noch vor Weihnachten, die große aber erst nach dem Fest“, teilte das Oberhaupt des 1599 gegründeten Familienunternehmens den sichtlich bewegten Gästen von der Pleiße mit.

Das Geläut der neuen Propsteikirche wird fürs Erste aus fünf Glocken bestehen – und hätte eigentlich längst bimmeln sollen. Am Donnerstag neu geschaffen wurden die Glocken 1, 2 und 5. Die Gocken 3 und 4 existieren bereits, hingen bis Ende November im Turm des entwidmeten Vorgängergotteshauses am Rosental. Die Nummer eins ist zugleich die tiefste Glocke. Ihr Ton ist c', sie wiegt circa 1700 Kilogramm und hat einen Durchmesser von etwa 1,50 Meter. In einer Abstimmung hatte sich die Trinitatisgemeinde für den Glockenspruch „Wir brauchen die Gnade der Einheit“ entschieden – ein Satz des in Leipzig zur stadtbekannten Berühmtheit gereiften Dominikanerpaters Gordian Landwehr (1912–1998). Auf der Rückseite der Einheitsglocke lautet der Schriftzug: „Anno Domini 2017“ (Im Jahr des Herrn 2017). In sich trägt der schwerste der neu gegossenen Klangkörper Bronze der im September 2016 von Dieben zerstörten kleinen Glocke, die einst Teil der im Krieg zerstörten ursprünglichen Propsteikirche und später Ausstellungsstück im alten Gemeindezentrum am Rosental war. Glocken-Neuguss Nummer zwei (Ton es'; etwa 1150 Kilogramm schwer) ersetzt die alte, einge-schmolzene d'-Glocke aus dem Turm an der Emil-Fuchs-Straße, Neuguss Nummer drei (Ton b'; circa 490 Kilo-gramm) die ebenfalls defekte alte a'-Glocke.

„Für alle Opfer ungerechter Gewalt“

Auch das kleinste frisch gegossene Instrument – eine Glocke trägt schließlich bis zu  200 Töne in sich – erhält eine bemerkenswerte Inschrift: „Für alle Opfer ungerechter Gewalt“. Als diese fünf Worte aus dem Munde des Moderators durch die Werkhalle schwangen, kamen Barbara Bielfeldt die Tränen. „Ich musste in diesem Moment an meine älteste Tochter Saskia denken, die als einzige Deutsche bei dem Terroranschlag von Nizza ums Leben gekommen ist“, sagte die Leipzigerin mit erstickter Stimme. Tränen der Rührung löste die Nennung der Inschrift auch bei Werner Holzgräbe aus. „Die gesamte Zeremonie und dann diese Widmung: Das alles ist mir sehr nahe gegangen“, erzählte der 78-Jährige. „Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit, dafür habe ich mich mein Leben lang immer einzusetzen versucht.“ In Christel Drechsler (74) löste der Guss eine Riesenfreude aus: „Auf unser Geläut haben wir so lange gewartet. Zum Weihetag am 5. Mai 2018 habe ich schon jetzt meine Familie und orthodoxe Freunde eingeladen, die ich aus der Flüchtlingsarbeit kenne.“

Und was sagt der geistliche Vorstand der Trinitatis-Katholiken? „Als die Glockenbronze floss, dachte ich: Jetzt sind wir auf der Zielgerade!“, schilderte Propst Giele seine Emotionen. „Ich verspüre heute vor allem Ehrfurcht vor diesem altehrwürdigen Handwerk, in dem geballtes Menschheitswissen und sehr viel Frömmigkeit stecken.“ Auf Grassmayr gesetzt zu haben, sei goldrichtig gewesen. „Die Chemie stimmte vom ersten Tag an.“

Jetzt müssen sie nur noch was geworden sein, die drei Glocken aus Innsbruck ...

Von Dominic Welters

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