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Lokales „Du kannst Suppe kochen oder Politik machen“
Leipzig Lokales „Du kannst Suppe kochen oder Politik machen“
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14:03 23.12.2018
Sebastian Schauer (44) hat am Donnerstag ein Weihnachtsessen für Obdachlose organisiert. Für ihn ist es der krönende Abschluss des Jahres, in dem er begonnen hat, sich als Privatperson für Bedürftige zu engagieren. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Dass am Donnerstag 30 Obdachlose im Altenpflegeheim am Auwald ein Drei-Gänge-Menü genießen konnten, ist in gewisser Weise Frank Zander zu verdanken. Dessen jährliches Weihnachtsfest für Obdachlose inspirierte Sebastian Schauer, irgendwann dasselbe zu tun. Am 20. Dezember konnte er diesen „Traum“, wie er es nennt, endlich wahr machen.

Es ist der krönende Abschluss jenes Jahres, in dem Schauer begonnen hat, den Wohnungslosen vor Ort zu helfen. Die Initialzündung kam im Februar, als das Quecksilber schlagartig ins Bodenlose fiel. Während im Stadtrat noch über die Einführung eines Kältemobils diskutiert wurde, schuf der 44-Jährige Tatsachen – und rief selbst eines ins Leben. In Eigeninitiative und als Privatperson, gemeinsam mit Frau Simone und Tochter Julia.

Hilfe von allen Seiten

Auf dem Speiseplan stehen an diesem Abend Ingwer-Karotten-Suppe und Gänsekeule mit Klößen, zum Nachtisch Götterspeise. Die Zutaten haben Privatpersonen und Firmen gespendet, zubereitet wurden sie in der Leipziger Kochschule „Kochen & Kunst“.

Die Obdachlosen nehmen an zwei langen Tafeln Platz, es warten Stollen, Lebkuchenherzen und Plätzchen. Schauer – ein großer Mann mit akkurat rasiertem Bart, mit Schiebermütze, beigefarbener Weste und dunkler Schlaghose – hält eine kurze Ansprache, blickt zurück auf 2018 und macht sich dann mit seinen Helfern an die Essensausgabe. Es ist nicht das erste Mal, dass er Obdachlosen etwas serviert.

Sebastian Schauer (44, hinten) organisiert ein Weihnachtsessen für Obdachlose am 20.12.2018 in Leipzig (Sachsen). Quelle: Christian Modla

Sachspendenausgabe zwischen Weihnachtseinkäufen

Rückblick: Erster Advent. Beginn der weihnachtlichen Shoppingsaison. Der erste verkaufsoffene Sonntag des Monats. Das erste Wochenende, an dem sich die Leipziger zwischen Glühwein, Handbrot und Flammlachs über den Weihnachtsmarkt drängen. Wer sich all das leisten kann, ärgert sich über das trübe, regnerische Wetter. Wer es sich nicht leisten kann, sitzt zu Hause. Wer sich gar nichts leisten kann, sitzt auf der Straße.

Schauer und seine Frau stehen an diesem Abend vor dem Ost-Eingang des Hauptbahnhofs – erneut. Viermal pro Woche rücken sie aus: Montag, Mittwoch, Freitag, Sonntag. Kofferraum und Rückbank ihres schwarzen SUVs sind vollstopft mit Schlafsäcken, Decken, Hygienebeuteln. Dazu zwei Töpfe: Linsensuppe mit Würstchen. Schauer füllt sie eilig in Styroporschüsseln ab. Seine Frau legt Löffel und zwei Scheiben Toast dazu, reicht sie dann an die Bedürftigen weiter, die bereits eine Schlange bilden. „Erst gibt’s was zu essen, um den Pegel zu senken. Dann können wir reden“, sagt Schauer.

Nähe suchen, Vertrauen aufbauen

Der Leipziger ist einer jener Menschen, deren Körpersprache unmittelbar Vertrauen schafft. Sofort baut er Nähe auf, persönliche wie körperliche, legt die Hand auf die Schulter seines Gegenübers, ganz so wie ein alter Freund. „Na, willst du was zu essen? Brauchst du sonst was? Decke? Handschuhe? Nimm ruhig mit!“ Seine Stimme übertönt die anmutigen Klänge von Johann Sebastian Bach, die aus den Lautsprechern am Eingang schallen.

Unter den Bedürftigen finden sich Menschen aller Altersklassen, hauptsächlich Männer, ungepflegte ebenso wie fitte. Dazwischen eine Frau, kaum älter als 25, mit dicken Eyeliner-Strichen um die Augen. Da ist Helmut. „Der hat jahrelang gearbeitet, aber seine Existenz durch einen Leberschaden verloren“, erzählt Schauer. Da ist ein Somalier mittleren Alters. „Der hat bei der Krankenpfleger-Prüfung Noten bekommen, da fällst du um.“ Da ist ein Junge, höchstens 14, mit einer großen Schnittwunde auf der Wange. „Ist von zu Hause weggelaufen und lebt jetzt auf der Straße“, sagt er. Eine andere Obdachlose hat sich des Jungen angenommen. Kontaktiert Schauer einfach das Jugendamt, würde er sämtliches Vertrauen verlieren, das er aufgebaut hat.

Sebastian Schauer bei der Ausgabe von Suppe und Sachspenden an Obdachlose am Hauptbahnhof am 1. Advent 2018 Quelle: Christian Neffe

„Re-Integration funktioniert nur über die eigenen Wurzeln.“

Als ausgebildeter Coach weiß Schauer, wie wichtig dieses Vertrauen ist. Er bekleidete Führungspositionen in mehreren Unternehmen, ist Instructor im Porsche Werk. Und er weiß, dass man Menschen motiviert, indem man ihre Stärken reaktiviert. Jemanden in ein unbekanntes Arbeitsumfeld zu stecken, bringe nichts. „Die Re-Integration funktioniert nur über die eigenen Wurzeln.“ Auch um seine eigenen Stärken weiß er. Das Politische zählt nicht dazu. „Du kannst Suppe kochen oder Politik machen. Ich bin jemand, der Suppe kocht.“

Besagte Suppe ist nach 30 Minuten vergriffen. Für einen hungrigen Nachzügler zaubert Schauer einen Schokoriegel aus seiner Jackentasche. Mit heißem Wasser gefüllte Thermoflaschen tauscht er mitsamt Teebeuteln gegen leere ein. „Unser Pfandsystem“, sagt er, nicht ohne Stolz in seinem Lächeln. Es folgt die Ausgabe der Sachspenden: Schlafsäcke, Taschenlampen, Handschuhe und vor allem Hygieneartikel sind heute gefragt – Monatsanfang ist schließlich Behördenzeit.

Lieber hungrig als keinen Schlafplatz

Sobald sie haben, was sie benötigen, ziehen die meisten Obdachlosen schnell ab, um einen Platz für die Nacht zu finden. „Lieber hungrig als keinen Schlafplatz“, erklärt Schauer. Die städtischen Einrichtungen? „Für’n Arsch!“, platzt es aus einem Mittzwanziger heraus – zu teuer. Fünf Euro müsse er dort bezahlen, erlaubt sind dort außerdem nur Männer. Seine Freundin, ebenfalls obdachlos, müsste eine andere Einrichtung aufsuchen. Eine Frau in den Vierzigern erzählt, dass sie sogar sieben Euro zahlen müsse und dass sie deshalb, wie so viele andere, in einer leerstehenden Baracke hinter dem Bahnhof untergekommen ist. Doch auch dort sei der Platz begrenzt, es komme zu Reibereien, kürzlich sei sie bestohlen worden.

Nach einer knappen Stunde liegen im Kofferraum des SUVs nur noch leere Kartons und Tüten, die Wohnungslosen sind verschwunden. Die meisten seien „ganz liebe Menschen, die nur überleben wollen“, sagt er. Das Problem: „Sich aus dem Sog herauszuziehen, ist so gut wie unmöglich. Liegt nicht daran, weil sie keine Lust, sondern weil sie einfach nicht die Kraft dazu haben.“ Vier Menschen immerhin konnte er bereits aus dieser Abwärtsspirale befreien.

Sebastian Scheuer organisiert ein Weihnachtsessen für Obdachlose am 20.12.2018 in Leipzig (Sachsen). Quelle: Christian Modla

Feedback in sozialen Netzwerken

Die Ergebnisse seiner Arbeit präsentiert Schauer auf Facebook, auch das Weihnachtsessen überträgt er live ins Netz. Das schaffe Transparenz, gebe den Spendern Feedback. „Damit sie sehen, dass ihre Sachen auch ankommen.“ Auf diese Sachspenden ist Schauer angewiesen. Regelmäßig teilt er in kurzen Videos mit, was benötigt wird, lässt manchmal aber auch nur seine Emotionen sprechen. Kürzlich verkündete er seinen Unmut darüber, dass die Obdachlosen von den Abluftgittern am Bahnhof vertrieben wurden, aus denen eine warme Brise weht und die im Winter deshalb solch begehrte Schlafplätze sind.

Stadt will Hilfeangebote ausweiten

Die Stadtverwaltung hat ihr Vorhaben von Beginn des Jahres derweil wahr gemacht – bisher allerdings nur auf Papier. Am 12. Dezember bewilligte der Stadtrat eine neue Strategie des Sozialdezernats zur Erweiterung des Hilfsangebots. Unter anderem sollen die 94 verfügbaren Schlafplätze während des Winters aufgestockt werden, auch ein Hilfebus kommt. „Künftig soll mehr Geld für Unterstützungsangebote bereitgestellt werden – allein 2019 soll es knapp 580 000 Euro mehr geben“, so Sozialbürgermeister Thomas Fabian (SPD). Schauer begrüßt das.

Doch unabhängig vom Erfolg der praktischen Umsetzung will der Leipziger weitermachen, ab 2019 dann unter dem Banner des Vereins Assisto. „Wir fahren dann vielleicht raus an die Messe und sind am Wochenende im Einsatz. Staatliche Stellen müssen einer bestimmten Order folgen. Ich kann vielleicht schneller ans Ziel kommen.“ Eines seiner persönlichen Ziele hat Schauer mit dem Weihnachtsessen jedenfalls schon mal erreicht. Die Stimmung ist besinnlich, einer der Obdachlosen bricht ob der Gastfreundschaft gar in Freudentränen aus. Der Heilige Abend wird für die meisten von ihnen ein Tag wie jeder andere sein, sagen sie: Man trifft sich, raucht, trinkt, quatscht miteinander. Schauer hat bis dahin noch viel zu tun: Am 24. wird er Geschenke verteilen. Inhalt: Campingkocher, Wärmelampen und mehr. „Im Weihnachtsmannkostüm wird man mich aber nicht sehen“, feixt er.

Von Christian Neffe

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