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Lokales Dunkel, kalt, Notdurft im Zug: Horrortrip mit der S4
Leipzig Lokales Dunkel, kalt, Notdurft im Zug: Horrortrip mit der S4
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00:18 30.10.2016
Smartphone-Lampen waren lange die einzige Lichtquelle.  Quelle: privat
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Leipzig

„Eigentlich wollte ich mit der S 4 nach Leipzig, um von dort weiter nach Hannover zu fahren. Gegen 17.58 Uhr stoppte die Bahn kurz vor dem Bahnhof Nord und blieb auf der Bahnstrecke in einem Tunnel stehen“, berichtete der Brandenburger. Das Licht sei – aufgrund des Batteriebetriebs – gedimmt worden. Lüftung und Heizung waren aus. „Nach einiger Zeit wurde durchgesagt, dass es aufgrund technischer Probleme zu einer Verspätung von 30 bis 45 Minuten kommt“, so Kittler.

Nach einer Stunde sei es stickig im Zug geworden – weil Fahrgäste rauchten. Die Notrufsprechstelle im Zug blieb am anderen Ende stumm. Beim wiederholten Versuch „reagierte vermutlich der Lokführer auf den Ruf mit der Info, dass eine andere Lok gleich kommt“, erzählte Kittler. „Desweiteren habe ich aufgrund der stickigen Luft gebeten, die Lüftung anzuschalten. Dies wurde abgelehnt, da der Zug ja auf Akkubetrieb laufen würde. Jedoch wollte der Lokführer kommen, um die Fenster aufzuschließen – nichts passierte“, so der ziemlich genervte Fahrgast.

Die Luft wurde immer schlechter und es wurde kalt. Ein Anruf bei der Polizei unter der 110 blieb erfolglos. „Nachdem ich der Polizei die Lage schilderte und mitteilte, dass wir bereits seit zwei Stunden eingesperrt sind, teilte er nur mit, dass man nicht zuständig sei und sich die Bahn kümmern müsse“, berichtete Kittler. Ein Bahn-Mitarbeiter unter den Fahrgästen habe dann wenigstens die Fenster öffnen können – wodurch es aber immer kälter wurde.

Zwischenzeitlich betraten Bundespolizisten den gestrandeten Zug, liefen durch – und verschwanden wieder. Gegen 20.30 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung, hielt am Bahnhof Nord, aussteigen durfte aber niemand. Die S-Bahn fuhr ein Stück weiter, dann fiel der Strom komplett aus, Türen funktionierten überhaupt nicht mehr – drei Stunden waren schon vergangen. „Die Notdurft wurde nun im Fahrgastraum verrichtet. Fahrgäste machten sich gegenseitig auf die Exkremente aufmerksam, um nicht hereinzutreten“, schilderte der frustrierte Passagier. Die Bitte um heiße Getränke und Decken verpuffte. „Gegen 21.43 Uhr kam der Zug im Hauptbahnhof an und der Albtraum hatte ein Ende“, sagte der Angestellte. Gab es dann wenigstens dort Unterstützung durch die Bahn – heiße Getränke, eine Entschuldigung oder ähnliches? „Fehlanzeige“, lautet Kittlers Antwort, der seine Fahrt nach Hannover abbrechen musste und mangels Verbindung zurück nach Bad Liebenwerda die Nacht privat in Dresden verbrachte.

„Wir bedauern die Geschehnisse außerordentlich und müssen eingestehen, dass die Bergung des liegen gebliebenen Zuges und die Evakuierung der Reisenden sehr unglücklich gelaufen sind“, erklärte Bahn-Sprecher Jörg Bönisch auf LVZ-Anfrage. Dafür wolle man sich bei den betroffenen Reisenden entschuldigen. „Die Ereignisse werden zum Anlass genommen, das Evakuierungs- und Abschleppkonzept zu überarbeiten“, kündigte Bönisch an.

Der Bahn-Sprecher bestätigte, dass die S 4 zwischen Thekla und Leipzig Nord in einem stromlosen Abschnitt liegen blieb. „Für solche Fälle ist entsprechende Vorsorge getroffen. So ist im Havariekonzept vorgesehen, dass eine weitere S-Bahn die liegen gebliebene abschleppt und mit Energie versorgt.“ Dies sei auch so geschehen, doch konnte der Ersatzzug „den Havaristen nicht erreichen, ohne selbst in den stromlosen Abschnitt einzufahren“.

Die Reisenden in Sicherheit zu bringen, hätten die baulichen und topographischen Bedingungen auf der freien Strecke jedoch nicht zugelassen. „So musste eine Diesellok angefordert werden, um den havarierten Zug zum Hauptbahnhof abzuschleppen“, so Bönisch. Weiteres Problem: „Die Diesellok ist bauartbedingt mit der Energieversorgung der S-Bahn nicht kompatibel.“ Absicht sei es dann gewesen, den Zug bis zum Hauptbahnhof zu schleppen, um die Reisenden dort „aus ihrer misslichen Lage“ zu befreien, so Bönisch. Ein Ausstieg in Leipzig Nord sei nicht in Erwägung gezogen worden, da hier die Bedingungen für die Evakuierung auch nicht optimal sind.

Die Nachfrage der LVZ, ob es für die betroffenen Passagiere beim – sicher ernst und ehrlich gemeinten – Bedauern bleibt, oder ob für sie in irgendeiner Form eine Entschädigung (Freifahrt oder ähnliches) rausspringt, ließ der Bahn-Sprecher unbeantwortet.

Von Martin Pelzl

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