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Lokales E-Mails von Neandertalern
Leipzig Lokales E-Mails von Neandertalern
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11:05 29.11.2018
Großer Mann in noch größerem Anzug: Svante Pääbo, 63. Quelle: André Kempner
Leipzig

Angeblich zählt der Prophet zu Hause nicht viel. Falls das Sprichwort stimmt, ist Svante Pääbo aber die Ausnahme von der Regel. Seit 1997 forscht und lehrt der Schwede in Leipzig – wenn er nicht gerade eine Höhle in Kroatien oder Frankreich oder sonstwo in Augenschein nimmt oder irgendwo auf der Welt einen Preis entgegennimmt. Als Pääbo jetzt in seiner Wahlheimatstadt einen Vortrag hielt, zählte der Prophet rund 600 Gäste.

Ganz links sitzt er in der ersten Reihe, während sich das Paulinum allmählich füllt und hinten bald auch ein paar Leute stehen müssen. Als sich Pääbo selbst für ein Foto erheben soll, sieht man erst, was für ein großgewachsener Mann der 63-Jährige ist. Sein Anzug ist noch größer und schlabbert ihm um die schmale Hüfte. Vor zwei Jahren besuchte das schwedische Königspaar Leipzig, damals umknotete auch mal eine Krawatte Pääbos Kragen. Ebenso, als er im September in Hamburg den hochdotierten Körber-Preis und im Oktober in Oviedo die wichtigste spanische Auszeichnung erhielt – den Prinzessin-von-Asturien-Preis. Doch jetzt, mit Hemd über der Hose, wirkt der Forscher weit lässiger. In seinem Institut trägt er meistens Holzschuhe. Er strahlt Gutmütigkeit aus. Ein junger Mann holt sich ein Autogramm.

Als Pääbo wieder sitzt, schnappt sich Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange den Stuhl daneben. Am Rednerpult wird sie gleich die „große Tragweite“ seiner Forschung loben, seine weltweite Reputation und das große öffentliche Interesse an der Paläogenetik, als deren Begründer Pääbo gilt. Das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, an dem er seit der Gründung 1997 einer der Direktoren ist, hat den Vortrag zusammen mit der Universität Leipzig und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina organisiert. „Sie haben unser Verständnis von der Entstehung des Menschen wirklich revolutioniert“, empfängt Rektorin Beate Schücking den Hauptredner, der auch Honorarprofessor an der Leipziger Uni ist. Für Leopoldina-Präsident Jörg Hacker ist sein Akademie-Kollege Pääbo „ein hervorragendes Beispiel für die Internationalität der Region und das Funktionieren unseres Wissenschaftssystems“.

Zwei Prozent Neandertaler-Erbgut

„Funktioniert mein Mikrofon?“ Das tut es, und Pääbo widmet sich ansatzlos dem Thema, bei dem er sich augenscheinlich wohler als bei den ganzen Lobreden fühlt: der Forschung. „Ich sage Ihnen etwas, das Sie schon wissen“, beginnt er und erklärt, dass die DNS in Form einer Doppelhelix aufgebaut ist. Richtig, das hat man mal gehört – schön, dass man es jetzt wieder weiß, wo es irgendwie wichtig wird, um auch den Rest zu verstehen.

Im Prinzip dürften auch Pääbos eigene Forschungsergebnisse den meisten Menschen im Saal bekannt sein. Im 2014 erschienenen populärwissenschaftlichen Buch „Die Neandertaler und wir“ erzählt er überaus anschaulich, wie er mit seinen Kollegen herausgefunden hat, dass der moderne Mensch jenseits von Afrika durchschnittlich zwei Prozent Neandertaler-Geninformationen im Blut trägt. Und wie sie 2010 eine bis dahin unbekannte prähistorische Menschenart identifizierten: die Denisovaner. Es gibt an diesem Abend keine brandneuen Forschungsergebnisse, aber trotzdem jede Menge Aha-Erlebnisse.

„Wir lernen fast jeden Monat etwas Neues“, sagt Pääbo und berichtet, dass 80 Prozent der Tibeter ein Denisovaner-Gen aufweisen, durch das ihr Blut mehr Sauerstoff aufnimmt. Ein bestimmtes Neandertaler-Gen wiederum mache 25 Prozent der Asiaten anfällig für Typ-2-Diabetes. Vermutlich war die Genvariation von Vorteil, als die Menschen immer mal wieder längere Hungerperioden durchstehen mussten. In einer Überflussgesellschaft wirkt sich der Hang zu erhöhtem Blutzucker hingegen negativ aus. Verteilt auf alle heute lebenden Menschen haben nach Pääbos Schätzung stolze 40 Prozent des Neandertaler-Erbguts überlebt. Vielleicht, mutmaßt er, sei die Menschenart vor 40 000 Jahren also ebenso wenig wirklich ausgestorben wie die Denosivaner. „Vielleicht sind sie in den modernen Menschen, die viel mehr waren, aufgegangen.“

Was den modernen Menschen ausmacht

Einige Neandertaler haben den Forschern sogar E-Mails geschickt, berichtet Pääbo. „Vor allem Männer.“ Schelmisch deutet er auf ein Diagramm. Aber auch Frauen haben sich gemeldet. Das zeigt ein weiterer Balken. „Sie behaupten, mit einem Neandertaler verheiratet zu sein.“ Wobei offenbar sogar ein Fünkchen Wahrheit in dieser Alberei steckt: Tatsächlich stammen wohl mehr der heute noch existierenden Gene von Neandertalern als von Neandertalerinnen, so Pääbo.

Stärker interessiere ihn aber die Frage, „was sie nicht beigetragen haben – was also den modernen Menschen ausmacht“. Spätestens hier wird die Paläogenetik zur Gegenwartswissenschaft. Die Fähigkeit, technologischen Fortschritt der Vorfahren weiterzuentwickeln, zeichne den modernen Menschen aus, sagt Pääbo. Das Werkzeug der Neandertaler vor 400 000 unterscheide sich kaum von dem vor 40 000 Jahren, dagegen ist der technische Fortschritt der vergangenen 100 000 Jahre offensichtlich. Doch in welchen Genen steckt diese Lernfähigkeit? Es ist eine von Pääbos derzeit drängendsten Forschungsfragen.

Auch wenn nicht alles gut ist, was der Mensch in 100 000 Jahren gelernt hat. Seit Anfang der Woche verbreitet sich die Nachricht, dass in China angeblich genmanipulierte Zwillinge mit einer HIV-Resistenz geboren sind. „Die Nebeneffekte einer solchen Genveränderung wären unvorhersehbar“, warnt Pääbo. „Das Risiko ist riesig. Ich würde das keinem Menschen antun.“ In Leipzig haben die Worte des Propheten Gewicht. Auf dem Weg nach China werden sie wohl verhallen.

Von Mathias Wöbking

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