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Lokales Ehrenamtliches Hospiz-Projekt in Leipziger Kitas
Leipzig Lokales Ehrenamtliches Hospiz-Projekt in Leipziger Kitas
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00:33 04.12.2015
Der Projektabschluss: Die Vorschulknirpse berichten den Eltern über ihre „Reise“-Tage mit den Socken Juna und Norwin. Quelle: Foto: Wolfgang Zeyen
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Leipzig

Die eigene Vergänglichkeit. Sollte man, was für Große an sich schon eine schmerzhafte Geschichte ist, Kindern zumuten? „Es gehört auch zu ihrem Leben“, sagt Susan Graf. Die Projektchefin der gemeinnützigen Hospizium Leipzig GmbH und Mitstreiterinnen Claudia Chilcott und Stephanie Hübner ziehen aktuell mit dem Thema Abschied, Sterben und Tod in hiesige Kitas. Verpackt in einem altersgerechten Konzept: Zwei Stricksockenpuppen, Juna und Norwin, nehmen die Steppkes mit auf eine „Reise durchs Leben“. „Wir haben nicht gezögert, das Projekt ins Haus zu holen“, versichert Janka Künzel, Erzieherin in der Schleußiger FAIRbund-Kita Zwergenland. „Gewiss, es sind Tabuthemen. Aber es passiert.“ Sechs Projekttage Zeit hatten sich Juna und Norwin im Zwergenland genommen, um sich mit Fünf- und Sechsjährigen der schweren Kost sensibel zu nähern. Und gleich vorweg: Die 16 jungen Teilnehmer haben es unbeschadet absolviert, wie sich beim Abschlussfest zeigte, wo die Knirpse für Eltern das Erlebte Revue passieren ließen:

So packt das Socken-Paar am Projekttag
die Koffer für diese „Reise“. Norwin ist aufgeregt – Anlass, zunächst Gefühle zu sortieren. „Gefühlsmonster“ helfen. „Ich hab’ ein fröhliches“, winkt Helena. „Meins ist ängstlich“, meldet Ole. „Meins weint“, druckst Clara. „Es ist wichtig, Gefühle zu zeigen“, ermuntert Graf. „Damit andere wissen: Wenn ihr müde seid, wollt ihr ins Bett. Wenn ihr traurig seid, wollt ihr getröstet werden.“ Per Lied umgesetzt, stampft denn auch der kleine Trupp engagiert mit den Füßen, als das „Wütendsein“ dran ist.

Tag 2 machen sich die Socken mit den Kindern auf die Socken. Gen Spielplatz. „Was habt ihr da entdeckt?“, fördert Graf den Erzählfluss. „Alte Omis und Opas mit Krücken auf der Bank“, sagt Ole. Womit die Kurve zur „Lebenskurve“ genommen ist: Vom werdenden Menschlein im Bauch. Vom Kleinkind zum Teenager. Karl hält dazwischen ein Hochzeitsbild hoch. Dann zeigen Fotos Großeltern … die irgendwann halt die Welt verlassen. Aber da ist der Knirpsen-Zirkel schon dabei, das Thema breiter zu diskutieren. Anhand der Pusteblume. „Der geht’s ja auch so“, sagt Anton: Erst die Blüte, dann das Vertrocknen, dann pustet man die Samen weg, dann ist sie tot.

Tag 3: Socke Norwin macht schlapp. Eine Ärztin kommt. Eine richtige. Sie macht klar, woran man merkt, ob ein Mensch – im Gegensatz zu einem Wollhaufen wie Norwin – lebt oder nicht. „Also, wenn wir leben“, doziert Leo in Richtung Eltern, „dann sind wir warm.“ Ein Kumpel rät zum Taschenspiegel. „Den musst du jemandem vor den Mund halten, und wenn da dann so Nebel drauf ist, pustet er nämlich noch Luft raus und lebt. Sonst nicht!“

Tag 4 thematisiert nun schon Abschied und Tod. Abgehandelt zunächst an der Tierwelt. „Tiere, die gestorben sind müssen auch beerdigt werden“, erinnert Graf. „Welche könnten das sein?“: „Igel!“, „Mäuse!“, „Amsel!“ rufen die einen. „Die toten Fische aus dem Kühlschrank!“, ein anderer. Am Ende wird im Kita-Garten eine Biene bestattet. „Zwei Kinder sammeln Steine, zwei heben eine kleine Grube aus, einer hält eine Rede, alle singen ein Lied“, so Graf über die Zeremonie.

Tag 5 wird es echt ernst. Ausflug zum Südfriedhof. Erzieherin Künzel meint dankbar: „Wir konnten da sogar ein vorbereitetes Grab anschauen, haben eine Trauergesellschaft gesehen.“ –„Und einen ganz großen Stein! Und so eine Stelle, wo viele Platz haben und so eine Kirche“, fügt Leo hinzu – noch ein großes Familiengrab, das Kolumbarium und die Trauerhalle vor Augen, in dem sich Menschen von Angehörigen verabschieden. „Was war noch interessant für euch?“, hakt Graf nach. Ein kleiner technikaffiner Knirpsenkreis ist sich einig: „Der Fahrstuhl mit dem Sarg!“

Am letzten Tag geht’s ums Trösten. Trauer als gesunde Reaktion auf Verlust, wie es die Projekt-Akteure nennen. Clara, Leo, Anton, Ole & Co. suchen Tröst-Ideen. Demnach kann man also, wenn man ganz doll traurig ist, gestreichelt werden, ein Spiel machen, reden, mit dem Kuscheltier kuscheln. Leo rät zum Naschen. Oder „Rauslaufen und auf einen Baum klettern“.

Es sei nach all dem nun keineswegs so gewesen, dass ihr Sohn mit seinen fünf Lenzen abends nicht hätte einschlafen können, sagt hinterher Finns Mutti Kathrin Dräger. „Ich denke eher, es hat ihn sehr interessiert. Und gut fand ich, dass da eben nicht nur über Tod, sondern über die Lebenskette geredet wurde. Ohne Scheu. Auf spielerisch-kindgemäße Art. Es wurde ein natürliches Thema in den Kontext zum Leben gestellt und so dem Tod auch etwas das Unheimliche genommen.“ Finn bilanziert seine Projektteilnahme auch: „Wir haben eine Katze. Ich weiß jetzt, dass die krank werden kann. Nur, sterben wird sie noch nicht! Die ist nämlich noch jung!“

Sich mal mit Tod und Abschied in der Kita zu befassen, davon profitiere auch ihresgleichen, denkt Erzieherin Künzel. „Es gibt ja Tage, wo Kinder recht emotional belastet kommen.“ Weil sich Eltern trennten, ein Elternteil dann offenbar ,weg‘ ist. Weil Haustier, Oma oder Opa verstarben. „Damit müssen dann auch wir irgendwie umgehen“, so Künzel. Und Kindern völlig vorenthalten ließen sich heute auch nicht mehr die Katastrophenmeldungen dieser Welt. „Wir erlebten das, als der Selbstmörder-Co-Pilot der Lufthansamaschine das Flugzeug in Frankreich gegen einen Berg gesetzt hatte. Seinerzeit ging ein Junge in unsere Kita, dessen Eltern mit dem Piloten befreundet waren. Der Kleine brachte die Geschichte freilich mit – die ganze Gruppe war völlig aufgewühlt!“

Von Angelika Raulien

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