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Eigentlich sollte es nur 1,5 Stunden dauern: „Flugverbot 2010“ - wir waren dabei

Eigentlich sollte es nur 1,5 Stunden dauern: „Flugverbot 2010“ - wir waren dabei

Ein Kurztrip sollte es werden. Vom 14. bis 17. April wollten wir von Berlin aus an die englische Küste nach Brighton reisen. Nach dreieinhalb Tagen sollte es entspannt zurückgehen, schließlich liegt Brighton keine Stunde entfernt vom Flughafen London Gatwick und anderthalb Stunden Flugzeit nach Berlin sind ja auch schnell vorbei.

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LVZ-Online-Mitarbeiter Holger Günther kam wegen des Vulkanausbruchs in Island und dem darauf folgenden Flugverbot nur über Umwege zurück nach Leipzig.

Quelle: Kristin Blechschmidt

Brighton/Leipzig. Mitten im Urlaub sind überall „Breaking News“ zu hören: Eine Vulkanwolke verhindert sämtlichen Flugverkehr über England und großen Teilen Europas. Vielleicht verzieht sie sich doch noch, denken wir, schließlich soll die Stimmung nicht getrübt werden, denn meine Begleitung hat Geburtstag. Wir verdrängen die Bilder von Fluggästen, die auf unbequemen Sitzgelegenheiten die Nächte verbracht haben und all die Horrorgeschichten von verpassten Hochzeiten oder Sportwettkämpfen, die gerade noch auf BBC News über den Hotelfernseher flimmerten. Stattdessen spazieren wir entlang der Kreidefelsen, die sich von Brighton nach Rottingdean erstrecken und genießen die warmen Sonnenstrahlen.

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Brighton/Leipzig. Ein Kurztrip sollte es werden. Vom 14. bis 17. April wollte LVZ-Online-Mitarbeiter Holger Günther mit seiner Freundin von Berlin aus an die englische Küste nach Brighton reisen. Doch der Vulkanausbruch auf Island legte den Flugverkehr in ganz Europa lahm. Hier berichtet unser Mitarbeiter, wie er nach einer fast 40-stündigen Odyssee quer duch West-Europa wieder nach Hause kam.

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Aufgetankt mit positiver Energie schalten wir Stunden später den Fernseher wieder an. Dann der Dämpfer: Es heißt, bis zum Morgen des 17. Aprils sind alle Flugzeuge „grounded“. Unser Flug sollte eigentlich um 15.40 Uhr starten. Die Nervosität ist wieder da. Falls sie wieder abheben, möchte man ja nicht einem der ersten Flieger sitzen, schließlich können die Vulkanpartikel die Triebwerke blockieren, lehrte uns der Nachrichtensprecher soeben. Am Samstagmorgen herrscht Gewissheit, nichts geht mehr. Von „mehreren Tagen“ Flugsperre ist die Rede. Wir sind also „gezwungen“, den Urlaub zu verlängern. Unser Hotel in Brighton ist am Sonntag nicht mehr frei, also reisen wir weiter nach Eastbourne, erleben noch mehr Küsten-Flair, können aber nicht abschalten. Im Hinterkopf nagt die Nervosität. Berichte von überfüllten Fähren, riesigen Schwarzmarktpreisen für Tickets der Eurotunnelzüge und die Gewissheit, dass alles noch eine Weilt andauern wird, trügen den schönen Eindruck dieses Küstenortes mit den typischen Bunten Strandhütten und mit seiner in die Jahre gekommen Seebrücke.

An einem Sonntag ist es in dieser ruhigen Stadt schwer, Internetzugang zu bekommen. Gegen Mittag öffnet das einzige Internetcafé. Keine Veränderungen, die Flugzeuge bleiben unten und wir nervös. Zwei Stunden eifrigen Suchens bringen wenig Ergebnisse. Tickets für den Eurostar sind nach ständiger Neueingabe der Namen der Reisenden in Onlineformulare dann doch ausverkauft, die Fähren großer Häfen nehmen keine Fußpassagiere mehr mit und ob es sich lohnt, ein Auto zu mieten, um dann vielleicht doch vor einer überfüllten Fähre zu stehen, ist die große Frage. Also nach weiteren Häfen mit Fährverkehr suchen: Newhaven ist eine reichliche halbe Stunde von Eastbourne entfernt. Von dort können Zu-Fuß-Reisende immerhin nach Dieppe in Frankreich übersetzen. Die Fähre geht um 21.30 Uhr. Wir machen uns also auf den Weg und sind auf etliche Stunden Wartezeit eingestellt.

Am Hafen des verschlafenen Städtchen bietet sich dann keinesfalls das Bild, das man aus den Nachrichten kennt. Gerade einmal vier Personen schlafen auf den herumstehenden Sitzgelegenheiten. Der Ticketkauf ist ebenfalls problemlos. Jetzt müssen nur noch gute sechs Stunden herumgebracht werden, bis das Schiff ablegt und der eigentliche Teil der Reise losgeht. Im Pub sind auch noch die Muffins alle, aber der Cappuccino macht uns wieder ein wenig wacher. Die Zeit vergeht nur schleppend, also beschließen wir, das verschlafene Städtchen noch einmal kurz zu verlassen. Mit dem Bus geht’s zu den nahegelegenen Seven Sisters, einer imposanten Klippenformation bestehend aus sieben Bergen, die sich nahe von Eastbourne erstrecken.

Schon als wir vor einer Stunde auf dem Weg nach Newhaven bereits an Seven Sisters vorbeifuhren, blickten wir neidisch auf all die Leute, die im Gras des Wandergebietes lagen, die Natur genossen und denen die Flugsperrungen völlig egal waren. Jetzt liegen auch wir dort. Egal ist uns unsere Situation nicht, aber warum sollten wir nicht das Beste daraus machen. Der Rucksack wird zwar immer schwer, doch die Natur mit ihrem saftigen Grün, geschwungenen Flussarmen und fantastischen Ausblicken entschädigen und motivieren, weiter zu laufen.

Ein stärkendes Essen später – wer weiß zu diesem Zeitpunkt schon, wann es das nächste geben wird – stehen wir pünktlich um 19.08 Uhr an der Bushaltestelle, um zurück zur Schiffsanlegestelle zu fahren. Dumm nur, dass der Bus nicht für uns hält, denn gewohntermaßen stehen wir auf der rechten Straßenseite. Der Bus fährt allerdings links und die dazugehörige Haltestelle liegt einige Meter weiter hinten. Natürlich, wir sind ja noch in England. Also rüber und zurück, in den späteren Bus und ab nach Newhaven.

Hier bietet sich jetzt ein Bild wie es in den News zu sehen war: Leute, Koffer und Beine, wohin man auch blickt. Verbrauchte Luft und Neonlicht bestimmen den Raum. Überall klicken Fotoapparate. Gesprächsfetzen, die man aufschnappt handeln von weiteren Reiseplänen, ob sich Mietwagen lohnen und natürlich von der großen Vulkanwolke. Auf der Fähre nach Dieppe – die wenigsten Reisenden haben diesen Namen wohl vorher schon einmal gehört – fällt ein Großteil der Besucher in den Halbschlaf. So auch wir, schließlich müssen vier Stunden Fahrtzeit überbrückt werden und viel zu sehen vom Meer gibt es in einer pechschwarzen Nacht sowieso nicht.

In Dieppe angekommen scharen sich die Fährreisenden im Ticketbüro des Hafens, das nicht größer ist als ein mittlerer Supermarkt. Gäste, die nach England wollen, kommen dazu und ergänzen die Menge der Wartenden. Apropos warten: In Dieppe pendeln gegen 3 Uhr früh gerade einmal zwei Taxis zum Bahnhof. Mit großem Entsetzen stellen wir fest, dass dieser sowieso erst um 6 Uhr öffnet. Das wird knapp, denn neben uns müssen noch ungefähr 50 Reisenden ihre Zugtickets lösen.

Zweieinhalb Stunden später am Bahnhof angekommen, sehen wir bekannte Gesichter von der Fähre und freuen uns mit ihnen, dass der Bahnhof schon etwas früher geöffnet wird. Die Reste des Schulfranzösischs reichen aus, um den Ticketautomaten zu verstehen, die EC-Karte wird akzeptiert und schon halten wir die Fahrscheine nach Paris in der Hand.

Viel von unserer Fahrt durch die Normandie beim Sonnenaufgang bekommen wir jedoch nicht mit. Ein extrem geheizter Zug und die Müdigkeit lassen uns bis Rouen schlafen. Dann umsteigen in den Schnellzug der SNCF – den Namen der französischen Bahngesellschaft kennen wir noch aus den Schullehrbüchern –, der uns und hunderte weitere Reisende nach Paris bringt. Wieder dösen wir ein, nur um dann von Null auf Einhundert zu schalten. Am Bahnhof Paris Saint-Lazare trampeln hunderte eiliger Beinpaare, Menschen kreuzen einander. Die Orientierung fällt schwer. Bloß gut, ein deutschsprachiges Schild weist auf den Ticketschalter für innerstädtische Fahrten hin. „Parlez vous anglais ?“ – Die Grundkenntnise reichen, um ein Ticket zum Gare du Nord zu bekommen. Paris Nordbahnhof liegt nur einen Halt mit dem Expresszug entfernt.

Im riesigen Bahnhof kommt die erste Ernüchterung. Die schnellste Verbindung nach Köln ist restlos ausgebucht. Ein Umweg über Brüssel ist die einzige Lösung. Wir holen einmal tief Luft, greifen für die einstündige Fahr mehr als tief in die Tasche und hoffen, das alles gut wird. Gut drei Stunden müssen wir nun in Paris überbrücken, bis es um 12.25 Uhr nach Brüssel weiter geht. Einen Kurztrip in die Stadt der Liebe hatten wir uns anders vorgestellt. Aber was soll’s, beginnen wir also mit dem Touristenklischees: Ein französisches Frühstück ist sowieso mehr als nötig. Bei Café au Lait, Crossaint und Orangensaft beschließen wir, wenigsten eine Touristenattraktion zu besuchen. Das Zeitkontingent ist knapp, in gut anderthalb Stunden müssen wir wieder am Gleis stehen.

Der Eiffel-Turm ist zu weit, den Louvre von außen zu sehen lohnt auch nicht, aber Notre Dame ist in der Nähe. Zwei Schnellzugstationen später, sehen wir die Kathedrale, machen das unvermeidliche Beweisfoto und fahren zurück zum Gare du Nord, kaufen noch schnell ein Baguette und quetschen uns in den Thalys-Zug, um in zwei Stunden im Chaos von Brüssels Hauptbahnhof zu stoppen.

Vorbei an kreischenden Kindern, Bergen von Koffern und Massen von Orientierungslosen Touristen bahnen wir uns unseren Weg zum Ticketschalter. Automaten für internationale Tickets finden wir erst gar nicht. Ein Bahnmitarbeiter empfiehlt uns, schnell in den Zug nach Liège zu springen, eh wir am Ticketschalter für internationale Fahrten bedient würden, seien alle Züge in Richtung Deutschland weg. Also schnell auf Gleis zwölf.

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Keine Zeit für Sightseeing. Aber die Spitze des Atomiums von Brüssel war vom Zug aus zu sehen.

Quelle: Holger Günther

Der Zug rollt los. Aus dem Fenster sehen wir immerhin die Spitze des Atomiums und lassen Brüssel hinter uns. Auf nach Liège und dann in den Zug nach Aachen. Drei Wagons sind etwas wenig, um all die Reisenden mit ihren Rollkoffern zu beherbergen. Man rutscht zusammen, klagt sich sein Leid. Zwei Mädchen, die nun mit dem Zug nach Prag reisen müssen, meinen, wir hätten Schokolade verdient, da wir schon so lange unterwegs sind. Sie reichen großzügig die Packung herüber.

Mittlerweile ist es kurz vor 16 Uhr und der letzte Zug – ein ICE nach Berlin – ist nur noch eine knappe Stunde entfernt. Wir machen uns auf nach Köln und hetzen zu Gleis zwei, noch immer ohne etwas Festes zu essen oder ein Getränk in der Hand.

In Köln trennen uns jetzt nur noch knapp sechs Stunden vom letzten Stopp. Im Bordrestaurant des ICEs stillen wir den Hunger der anstrengenden Reise, die am Berliner Hauptbahnhof leider noch nicht ganz zu Ende ist. Schließlich steht unser Auto samt Wohnungsschlüssel noch am Flughafen Schönefeld. Fast alleine reisen wir um 22.30 Uhr raus zum Flughafen, um dann wieder in die Stadt zu fahren.

Nach 38 Stunden auf den Beinen und davon 28 Reisestunden, in denen wir vier Landesgrenzen überschritten, fallen wir nicht ganz so entspannt, wie der Urlaub eigentlich werden sollte, ins Bett. Vollgesogen mit Impressionen folgt der Tiefschlaf. Und einen Tag später ging es dann wieder nach Leipzig, mit einem Loch von knapp 250 Euro in der Reisekasse aber mit einer Geschichte, die wir sicher noch oft erzählen werden.

Holger Günther

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