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Leipzig Lokales Ein Feinbäcker holt Kultur ins Haus
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14:40 17.09.2018
Organisator, Bäcker und bei Bedarf auch Führer durch die Capa-Ausstellung: der Leipziger Thomas Eigler im eigenen Café im Capahaus am Ende der Jahnallee. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Es scheint, als übernehme das Café Eigler die Aufgaben des geschlossenen Revuetheaters Am Palmengarten, das bis vor Ende 2017 schräg gegenüber die Sparten Kabarett und Kleinkunst pflegte. Auf jeden Fall wird das Lokal im Capa-Haus an der Angerbrücke mehr und mehr zu einem Hort der Kultur.

Monatlich finden hier etliche Veranstaltungen statt, unter anderem die zu Beginn des Jahres von vielen skeptisch beäugte „Stadtführung im Sitzen“ mit Cornelia Schnoy und Henner Kotte – ein echter Renner und am Mittwoch wieder auf dem Plan. Oder „Das litterarische Leipzig“ mit Stadtführer Frank Baacke, der aktuell aus Albin Kutschbachs 1926 erschienenen „Erinnerungen eines alten Leipzigers“ vorträgt. Baacke, Stadtführer wie Schnoy und Kotte, liest jeweils genau eine Stunde lang, dann legt er einen Zettel ins Buch – Fortsetzung folgt.

Erwin Leister, früher Oberspielleiter an der benachbarten Musikalischen Komödie, war hier und kommt wieder, am 18. Oktober nämlich. Meigl Hoffmann und Karsten Wolf aus dem Central-Kabarett gastieren am 8. November, und die Crazy Doctors, ein Ableger der Losen Skiffle Gemeinschaft Leipzig-Mitte, schon am 27. September. Bei gut 50 Plätzen im Gastraum und noch einmal 30 im Wintergarten sind die Zuschauer jeweils nah an den Künstlern und die Künstler nah am Publikum. Als Leiter und Wirt fungiert Thomas Eigler, der seit Januar 2016 am Tor zu Lindenau ansässig ist und sich bereits in seinem vorherigen Stötteritzer Café kulturell umtriebig zeigte. Dort hatte er beispielsweise eine Lesereihe mit Verleger Elmar Faber installiert.

Aber wer ist eigentlich dieser Thomas Eigler? Ein Bäcker, ein Leipziger, ein Café-Betreiber. Die ersten sieben Jahre seines Lebens verbrachte er im Haus der Persilfrau an der Kreuzung von Zschocherscher Straße und Karl-Heine-Kanal. Das war in den Siebzigern. Anschließend zog die Familie in die Endersstraße, der Sohn besuchte die Helmholtzschule, die Eltern schufteten in der Gastronomie. Doch als der jugendliche Thomas später erklärte, er wolle Koch werden, hieß es: „Um Gottes willen, bloß nicht!“

Alternativ erlernte er von 1987 bis ’89 bei Meister Gravenstein in der William-Zipperer-Straße den ehrbaren Beruf eines Feinbäckers mit Konditor-Kenntnissen, um 1991 doch in der Gastronomie anzuheuern – ausgerechnet bei den Eltern in der Stötteritzer Gaststätte Sonnenwinkel. „Da habe ich alles mitgemacht“, erzählt Thomas Eigler, „vom Kochen bis hin zum Servieren – bis 1997 ein Café in der Nähe ausgeschrieben wurde.“ Der Leipziger Feinbäcker bewarb sich und war von nun an mit dem kleinen Treff im Matthäistift nahe des Völkerschlachtdenkmals selbstständig. „Das Café konnte man von der Straße aus nicht sehen. Aber wer einmal drin gewesen ist, der kam immer wieder.“ Bis 2015 backte und bediente Thomas Eigler dort, tauschte bei den Bewohnern ringsum auch mal Glühbirnen aus, kümmerte sich um Fahrstuhlinsassen in Not und wurde langsam, aber sicher für seine Variante der Spinattorte berühmt.

Im Januar 2016 kehrte er in den Stadtteil seiner Jugend zurück und verlegte das Café Eigler ins frisch instandgesetzte Capa-Haus. Kurz darauf wurde in einem Nebenraum die Ausstellung über den Fotografen Robert Capa eröffnet. Eigler übernimmt bei Bedarf Führungen für Gruppen und Schulklassen und erzählt dabei vom berühmten Bild „Der letzte Tote des Zweiten Weltkriegs“, das genau hier entstand. Auf den mittlerweile 73 Jahre alten Fotografien sind das Haus und die Umgebung unzweifelhaft zu erkennen.

Und es gibt noch mehr zu sehen im Café, eine umfangreiche Sammlung von Kaffeekannen, -tassen und -mühlen, zu großen Teilen von den Gästen zusammengetragen. Eigler hatte schon in Stötteritz einen kleinen eigenen Grundstock zur Schau gestellt. „Sie sammeln wohl?“, wurde er in schöner Regelmäßigkeit gefragt und meist gleich beschenkt. „Die Kannen verwenden wir bei Geburtstagsfeiern im Lokal zum Eingießen“, sagt er.

Ein Gast brachte ihm überdies filigrane Papierarbeiten, „3D-Scherenschnitte“ von Leipziger Sehenswürdigkeiten sowie vom Capa-Haus. Sie zieren die grünen Wände neben historischen Aufnahmen vom Café des Westens und der Tanzbar Melodie, zwei Vorgänger-Einrichtungen des Cafés. All das passt zur Stadtgeschichte, die hier behandelt wird, und zum geselligen Leipziger Leben, das bei Kaffee und Kuchen oder bei Bier, Wein und Herzhaftem stattfindet.

Privat mit Frau und Tochter ist der alte Lindenauer Thomas Eigler in Stötteritz heimisch geworden. An freien Tagen fahren die Drei von dort aus mit dem Sachsen-Ticket in die Städte der Umgebung. Ein „schönes Kaffeetrinken“ in den Cafés oder Konditoreien vor Ort gehört auf jeden Fall dazu.

Nächster Termin am Mittwoch um 18 Uhr, „Stadtführung im Sitzen“, Jahnallee 61; weitere Infos auf www.cafeeigler.de.

Von Bert Hähne

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