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Ein Fotograf des Oktober '89 – Wie der Leipziger Michael Korcz die Proteste in Bildern festhielt

Ein Fotograf des Oktober '89 – Wie der Leipziger Michael Korcz die Proteste in Bildern festhielt

Geschichte in Kisten: Der Leipziger Michael Korcz (49) hat beim Aufräumen im Keller eigene Fotos von den Montagsdemos wiederentdeckt. Sie entstanden seinerzeit versteckt und mit viel Angst.

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Vom damaligen Karl-Marx-Platz in Leipzig zogen die Menschen um den Ring.

Quelle: Michael Korcz

Leipzig. Zu sehen sind nicht Gesichter der Revolution. Die bislang unveröffentlichten Bilder zeigen den Menschenstrom.

Geschichte geht nicht verloren. Sie ist passiert, hat Spuren hinterlassen. Auch in Form von Zeitdokumenten wie Fotos. Bei Michael Korcz sind es Kisten. Schwarze, mittelgroße Kisten voller Historie. Sie hatten sechs Umzüge und zwei Wohngemeinschaften überstanden. 24 Jahre lang meist ungeöffnet. "Ich wusste immer, dass es sie gibt", sagt der 49-jährige Leipziger. Manchmal hatte er ein Foto an Freunde verschenkt. Zuletzt lagen die Kisten irgendwo im Keller. Als der jüngst aufgeräumt werden musste, lüfteten seine Jungs einen Deckel und zogen neben Fotos vom kletternden Papa auch andere hervor. Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit vielen Menschen - Tausenden, Zehntausenden - mitten in Leipzig. Nachts, auf den breitesten Straßen. "Papa, was is'n das?", fragten die Jungs erstaunt. Und der erzählte.

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Leipzig. Die Stadt Leipzig hat sich im Streit um die Markenrechte am Revolutionsspruch von 1989 „Wir sind das Volk“ durchgesetzt. Zwei Männer aus Norderstedt (Schleswig-Holstein) hatten den Spruch mit den Initialen WSDV als Zusatz beim Deutschen Patent- und Markenamt markenrechtlich schützen lassen. Nach Angaben der Stadt Leipzig hat das Markenamt dem Einspruch der Kommune stattgegeben und wegen fehlender Unterscheidungskraft die Löschung der Wortmarke „Wir sind das Volk WSDV“ verfügt.

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Die Fotos hat er selbst aufgenommen im Herbst 1989. Sie zeigen den Protest gegen das unfreie Leben, den diktatorischen Überwachungsstaat, die alles bestimmende Partei. Michael Korcz war damals 25 und gerade als Industriefotograf ausgebildet. "Ich war im Sommer '89 sechs Wochen zum Urlaub auf der Krim und hörte am Flugplatz vor der Rückreise schon unglaubliche Dinge, die zu Hause angeblich passierten", erinnert er sich. Menschen würden über Ungarn in den Westen flüchten, Leipziger sich zum Friedensgebet versammeln und still demonstrieren.

Schlägertrupps gegen die Demonstranten

Er hatte davon nichts mitbekommen in der Ferne. Zuhause ging er sofort am nächsten Montag in die Innenstadt. Mitte September, da war er noch ohne Kamera unterwegs und überrascht über die massive Polizeigewalt, und wie sich Menschen ihr mutig entgegenstellten. Prompt wurde er mit seiner Schwester und anderen vor der Thomaskirche umzingelt. Polizei-Laster von der einen, bestellte Schlägertrupps, die mit Gummiknüppeln zur Einschüchterung auf die Schilde schlugen von der zweiten, und eine Hundestaffel von der dritten Seite trieben Hunderte Leipziger in die Enge. "Wir wollten uns verstecken. Ich drückte am Hinterausgang des Kino Capitol eine Klinke. Die Tür ging sogar auf. Die Menge flüchtete durch die laufende Vorführung im Kinosaal und vorne wieder raus auf die Petersstraße", erinnert sich Korcz. Dort patrouillierte eine kleine Polizeistaffel, die ob der plötzlich auftauchenden Menschen nun ihrerseits flüchtete. "Wegen der Präsenz der Masse", staunt Korcz noch heute. Damals entschied er: Das musst du im Bild festhalten.

Am folgenden Montag zog er Sportschuhe an. "Ich war ein guter Ausdauerläufer, hatte schon Wettkämpfe gewonnen. Wenn ich rannte, kriegte mich keiner." In die tiefen Taschen seines Parka steckte er Kamera, Wechselobjektiv und Reservefilme. So war er beweglich und fiel nicht als Fotograf auf. Dennoch traute er sich Ende September nicht, die Kamera auch zu benutzen. Am 7. Oktober ging er wieder in die Stadt. Ein Sonnabend, Republikgeburtstag. Viele Menschen waren unterwegs und sehr viel Polizei. "Die machte Jagd auf jede große Menschengruppe", erinnert er sich. Er fotografierte erstmals. Er vermied es, Menschen erkennbar zu erwischen. "Ich wollte vermeiden, dass man mich für einen Stasi-Knipser hält. Gleichzeitig sollte niemand auf den Filmen identifizierbar sein, falls ich festgenommen würde", begründet er.

Kurt Masur bringt Hoffnung

Zwei Tage später sollte der 9. Oktober alles verändern. Sein Betrieb, der VEB Metallurgieofenbau, schickte die Leute mittags nach Hause. Sie sollten die Innenstadt meiden. "Mir war schon klar, dass es blutig werden könnte wie in Peking auf dem Platz des himmlischen Friedens. Erst als Kurt Masur sprach, wuchs die Hoffnung, dass es friedlich bleibt." Dennoch blieb die Kamera auch an diesem Tage tief in der Parkatasche. Die Angst siegte ein letztes Mal.

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Tausende Menschen kommen 1989 im Leipziger Stadtzentrum zusammen, um gegen die Umstände zu protestieren.

Quelle: Michael Korcz

Dann fotografierte er an jedem weiteren Montag. Immer leicht bekleidet mit Sportschuhen und Parka. Er schoss aus der Hüfte. Unauffällig. Ohne Blitz. Seine Kamera war gut: eine Praktika EE3. Er verwendete ein lichtstarkes Objektiv mit großer Blende und belichtete bis zu einer Achtelsekunde. Die Film-Empfindlichkeit von 27 DIN genügte für Nachtaufnahmen eigentlich nicht, deshalb trieb er sie künstlich hoch. Er hatte gelesen, wie das geht. Er bedampfte die Streifen mit Quecksilber. Dafür zerbrach er ein Thermometer und gab die giftige Flüssigkeit mit den Filmkapseln in eine Dose. Es funktionierte, er kam auf ungefähr 33 DIN. Den Rest holte er im Labor heraus.

Blick vom Wintergartenhochhaus

Michael Korcz ging nah ran an die Kerzen vor der Runden Ecke. Er ging rein in die Masse auf dem Ring. Er stieg aufs Wintergartenhochhaus und schoss die Totale. "Dort wohnte mal eine Freundin von mir. Deshalb wusste ich, dass Türen vom Treppenhaus zu den obersten Balkonen offen waren. Ich drückte Klingelknöpfe. Einer machte immer auf", erzählt er. Nachts, als sich die Menge zerstreute, ging er ins Labor und entwickelte die Fotos.

Gezeigt hat er sie bisher nur ein paar Mal. Und nur wenigen Leuten. Am 17. Oktober 1989, dem Dienstag nach einer Demo-Nacht. Er hängte drei frisch entwickelte Fotos an die Wandzeitung im Betrieb. "Drei Stunden später waren die weg und ich wurde zum Parteisekretär zitiert", erinnert er sich. Doch sein Betriebsdirektor kam dazwischen. "Die Bilder sind gut. Ich will mehr", sagte der nur. Fortan hingen jeden Dienstag frische Beweise vom Aufbegehren der Leipziger an der Wandzeitung.

Seine Fotos zeigen immer wieder die stoische Entschlossenheit einer Menschenmasse. Selten lassen sich Gesichter erkennen, man sieht wenig Individuelles. Die Bilder zeigen den Demonstrationszug und Leute, die ihn beobachten. Staunend, auch ängstlich. Aber vor allem den großen, unbezwingbaren Menschenschwarm.

"Ich war kein Oppositioneller"

Für Michael Korcz haben die Leipziger im Herbst '89 das vollendet, was die Oppositionellen vorbereitet hatten. "Für mich waren die Demonstranten gar keine Helden. Das waren andere, die Prügel einstecken mussten, die inhaftiert und des Landes verwiesen wurden. Vorher. Die Demonstranten waren ganz normale Leute, die einfach nicht mehr hinnehmen wollten, dass alles immer so weitergeht", sagt er. Das galt nun auch für ihn.

"Ich war nicht unpolitisch. Aber ich war kein Oppositioneller", sagt er. Die DDR hatte ihm das Abitur verwehrt, weil er sich als Schüler weigerte, Offizier zu werden. Damit war das Verhältnis für ihn geklärt. Der Staat wollte ihn nicht. Also ignorierte er ihn auch. Er ging zu keiner Mai-Demo mehr, feierte keinen DDR-Geburtstag mit und verweigerte einmal sogar die Wahl. "Ich wollte mich nicht erpressen lassen." Er wusste, wie verlogen und unfrei das Leben war. Seine Sehnsucht nach Freiheit stillte er beim Klettern in der Sächsischen Schweiz. Er tauchte in die Felswände, verschwand in den Nischen des Gesteins. Und dennoch: "Ich fühlte mich in diesem Land wie lebendig begraben. Dabei wollte ich doch die Welt kennenlernen."

Die Fotokisten im Keller sollten dort eigentlich schlummern, bis er sie als Großvater mal für seine Enkel öffnen würde. "Ich habe immer gern meinem Opa zugehört, wenn der aus seinem Leben erzählte", sagt er. Die Kinder hätten ein Recht, zu erfahren, was gewesen ist. Also geht er mit seiner Familie auch wieder zum Lichtfest, um die Erinnerung aufzufrischen. Für sein aktuelles Leben hat der Herbst '89 keine Bedeutung mehr. Er ist froh, dass es damals passiert ist. Er hat sich mit Familie und kleiner Firma in der Freiheit eingerichtet.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.10.2013

Andreas Friedrich

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