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Lokales Leipziger Wohngebiet „Straße des 18. Oktober“ wird 50
Leipzig Lokales Leipziger Wohngebiet „Straße des 18. Oktober“ wird 50
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11:38 20.06.2018
Das Rollerrennen durfte bei keinem Hausfest fehlen. Ganz rechts, Haig Latchinian, eher im Mittelfeld, dessen Vater Sarkis für ein Foto sogar in die Knie geht. Quelle: privat
Leipzig

Erwachsene, die zu später Stunde in den Himmel starren und immer wieder rufen: Siggi, Siggi, Sigiiiie! Nein, die Männer waren nicht sternhagelvoll. Sie waren aus dem Häuschen und grüßten ihren Kosmonauten Sigmund Jähn. Als hell leuchtender Punkt düste er in seiner Sojus gerade über unser Wohngebiet. Ich erinnere mich, wenig später besuchte dieser Siggi unsere Schule, deren Name Programm war: POS „Juri Gagarin“.
Vorausgegangen war eine – zumindest für Siggis Rücken – harte Landung. Doch sie musste weicher ausgefallen sein als die des riesigen Gesteinsbrockens, der noch immer vorm Kindergarten liegt. Unter uns Jungs hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass der „kleine Kletterfelsen“ aus den unendlichen Weiten des Weltalls kommt und genau zwischen unseren Blöcken einschlug. Was für eine Maßarbeit! Dass die Elf- und Sechzehngeschosser fast genauso jung wie wir Dreikäsehochs waren, ahnte damals keiner, nicht mal Heiner. Wir glaubten an Naturgewalten, die unsere Wohnstätten erschufen und dachten, sie stünden schon ewig da.

Das Wohngebiet „Straße des 18. Oktober“ wird in diesem Jahr 50 – Eindrücke von der Leipziger Messemagistrale.

Wenn ich im vierten Stock der Nummer 22 aus dem Fenster schaute und den Hals gaaanz lang machte, konnte ich mit etwas Glück den schwarzen Wuschelkopf meines persönlichen Sigmund Jähn entdecken: Überflieger Wolfram Löwe, Stürmer-Star des 1. FC Lok, wohnte schräg unter uns und schnappte offenbar auch gern frische Luft. Die schnupperte nicht immer gut, in manchen Nächten stank es streng nach faulen Eiern. Jedenfalls, wenn der Wind aus Richtung Borna kam. Wirklich atemberaubend. Und meine Bronchien pfiffen auf dem letzten Loch.
Doch nach ein, zwei Tagen hatte ich wieder genug Puste, um Fußball zu spielen. Gekickt wurde immer und überall. Auf dem Sportplatz, zwischen Bänken und Wäschestangen. Auch wenn es die Frauen im Waschstützpunkt nicht gern sahen: Torsten „Toki“ Tok, Torsten Döhring, Barnet Prokupek, Jörg Theile, Jens Döhler, Hendrik Schmidt und wie meine Freunde noch alle hießen – sie jagten dem runden Leder hinterher wie der Hund dem Leckerli. Die flatternden, blumig duftenden Unterhosen und Oberhemden hielten wir im Eifer des Gefechts für Fahnen unserer Fans.

Rollerrennen bei jedem Hausfest

Unvergessen die Hausfeste mit Keulenweitwurf, Pflastermalen und – dem Rollerrennen. Wir fühlten uns als kleine Hans-Joachim Hartnicks, es war unsere ganz persönliche Friedensfahrt: Die Eltern schossen spektakuläre Fotos, allerdings nur dann, wenn sie zeitgleich nicht als Stationsleiter bei Sackhüpfen oder Slalomlauf eingeteilt waren. Was hatten die Mamas und Papas, die Roßbachs und Roßbergs nicht alles aufgeboten – ein Reitpferd war zu besteigen, ein Tigerbaby zu bestaunen.
Und doch war das Leben im 18. Oktober kein Streichelzoo. Mitten im Sandkasten stand ein steinerner Elefant, der Rutschi, auf dessen Rüssel sich nur Tollkühne wagten. Mit Ästen statt Äxten verteidigten wir Ritter auf dem Tobeplatz unsere Burgen. Meine Freundinnen Brit „Britschi“ Jacobs, Heike Unger und Jacqueline Endres spielten Gummihuppe und Kreiseln – wir Milchbärte dagegen Indianer. Und weil die keinen Schmerz kennen, schrie ich auch nicht wie am Spieß, als sich auf der Baustelle ein starker Draht durch meinen Oberschenkel bohrte. Herr Fuchs, nicht der vom Sandmann, sondern der Medizinstudent aus unserem Eingang, der öfter unter seinem VW-Bus lag als er damit tuckerte, schraubte einmal mehr am Nobel-Hobel und reagierte sofort. Stark wie „Gojko“ trug er mich, die kleine Rothaut, bis hoch zu meinem Vater. Auf unsere Nachbarn war Verlass. Als sich meine Mutter unfreiwillig selbst aussperrte, die Haustür hinter ihr ins Schloss fiel und dummerweise der Schlüssel innen noch steckte, brauchte sie nur gegenüber zu klingeln. Vater Bunsen, der Sportler, kletterte prompt über die Brüstung, hangelte sich in luftiger Höhe die Fassade entlang und stieg über unseren Balkon ein, um nur Sekunden später meiner bass erstaunten Mutter zu öffnen.

Der Balkon als Tribünenplatz

Ja, ja, der Balkon. Zweimal im Jahr wurde er zum Tribünenplatz. Dann gab es ein besonderes Schauspiel auf der Straße des 18. Oktober. Erst ebbte der Verkehr ab, um kurz darauf so richtig loszufluten: Schwarze Karossen, rote Rundumleuchten. Erich Honecker auf seinem Weg zur Messeeröffnung. Nicht der einzige starke Mann, den es in unser Wohngebiet verschlug. Karl Marx nächtigte im Hotel Hochstein, Lenin sprach in der Nähe des Bayerischen Bahnhofs und ein gewisser Thomas Gottschalk – Wetten, dass ..? – jobbte bei seinen Verwandten, den Gebrüdern Schumann. Unweit ihrer Gurkenfabrik befand sich ein mysteriöser unterirdischer Gang, der den Dösener Weg mit der Kohlenstraße verband – ein finsterer, aber umso feuchterer Tunnel, der an einen Agentenkrimi erinnerte.
Der Kalte Krieg und seine kleinen Kundschafter des Volkes: Mein bester Freund, Chris England, wohnte im Nachbarblock. Irgendwann beschlossen wir, uns eine konspirative Telefonleitung zu legen. Das Einzige, was wir brauchten: zwei leere Cremedosen und eine Angelschnur. Das Zupfen wie an der Gitarrensaite – es war Musik in unseren Ohren. Außerdem sammelten wir wie wild Autonummern. Wir wussten, dass die Kennzeichen des Bezirkes Rostock mit „A“ anfingen und die aus Cottbus mit „Z“. Stolz wie Oskar waren wir, wenn wir sogar Exoten aus Polen und Bulgarien in unseren immer dickeren Büchern erfassen konnten. Den Vogel aber schoss ich ab: Zwischen Schwimm- und Turnhalle ging mir ein Westauto aus Chile ins Netz. Dachte ich jedenfalls. Auf die Idee, dass der Halter des unbekannten Zielobjekts mit der Länderkennung „CH“ ein Schweizer sein könnte, kamen wir Bengels nicht. Wie auch. Chile lag uns näher, schließlich bolzten wir Hobby-Fußballer oft mit Studenten aus aller Welt, die in den Internaten gegenüber wohnten: mit Chilenen, Arabern, Afrikanern, ja sogar Chaoten, so glaubten wir Kinder zunächst verstanden zu haben. Als wir später genauer hinhörten, entpuppten sich die karateartig Stürmenden als Laoten, also Studenten aus Laos.

Das Wohngebiet als Nabel der Welt

Immer am 1. Mai versammelten sich die jungen Ausländer hinter ihren Landesfahnen. Spätestens jetzt war mir klar: Unser Wohngebiet muss der eigentliche Nabel der Welt sein. Wir hatten hier Menschen mit weißer, schwarzer, gelber Haut, sogar Frauen mit roten Haaren und goldenen Zähnen. Es waren Sowjetbürgerinnen, die zur Messezeit in den Studentenheimen logierten und uns mit Snatschki (Anstecknadeln) dekorierten. Dennoch, die Straße des 18. Oktober hatte und hat allen Unkenrufen zum Trotz nichts mit der Oktoberrevolution zu tun. Der Name bezieht sich auf die Völkerschlacht gut 100 Jahre zuvor. Das trutzige Denkmal ist in Sichtweite, genauso wie die Russische Kirche. Zwischen Kirche und Klinik befand sich der Friedhof, der zum Friedenspark wurde. Mir fiel es lange schwer, so beschwingt wie die anderen auf der Wiese herumzutollen – die vielen Beerdigten, die konnten sich doch nicht in Luft aufgelöst haben, dachte ich.
Auf der anderen Straßenseite schlug das heimliche Herz des Wohngebiets, die endlich fertig gestellte Kaufhalle. Unzählige Male legten wir den guten Kilometer von unserem Block bis dorthin zurück. Meine Eltern und Geschwister huckten die vollen Taschen und Netze, ich trug die Verantwortung. Dafür wurden wir beim Autowaschen entlastet, konnten die Eimer wie alle anderen auch im Erdgeschoss mit Wasser füllen. Hinzu kam, dass wir anfangs nicht mal den Abfall bis ganz nach unten schleppen mussten. In der dritten Etage erwartete uns der Müllschlucker. Ein Ungeheuer mit großer Klappe. Das seltsame Wesen war gefräßig und roch widerlich. Immer wenn es seine Ration bekam, lauschte ich noch eine Sekunde lang, wie es in seinem Schlund brummte und grummelte, ehe die Ladung polternd und scheppernd den Magen erreichte. Dann suchte ich das Weite, um nicht als Nachtisch verspeist zu werden.
Das Urvieh blieb bis zuletzt ein Rätsel. Aber ich fragte nicht nach. Der Müllschlucker schien genauso selbstverständlich wie das heiße Wasser, das aus der Wand und die warme Luft, die aus der Heizung kam. Genauso selbstverständlich wie der Riesenstein, der angeblich vom Himmel gefallen war, und der Kosmonaut, der nach erfolgreicher Mission ausgerechnet uns Kindern die Hände schüttelte.

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