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Lokales “Ein kleiner Garten Eden“ für die Begräbniskultur
Leipzig Lokales “Ein kleiner Garten Eden“ für die Begräbniskultur
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00:36 08.04.2018
Die Paul-Benndorf-Gesellschaft hat seit 2018 eine eigene Grabstätte auf dem Südfriedhof. Dort finden Mitglieder die letzte Ruhe.
Leipzig

Seit Januar hat die Gesellschaft eine eigene Grabstätte, um ihre verstorbenen Mitglieder zu bestatten. „Dort demonstrieren wir, wie wir uns eine angemessene Bestattungskultur vorstellen“, sagt Alfred E. Otto Paul, der Interessierte seit vielen Jahren regelmäßig über Friedhöfe führt, um sein vielfältiges Wissen rund um die Historie des Leipziger Begräbniswesens weiterzugeben. Mit 22 Mitstreitern hat Paul im April 2008 die Paul-Benndorf-Gesellschaft zu Leipzig gegründet, etwa um verfallene Grabkunst zu restaurieren. Benannt hat sie sich nach Studienrat Paul Benndorf (1859-1926)t, der in akribischer Fleißarbeit die Geschichte des Alten Johannisfriedhofes erforschte.

Inzwischen gibt es 191 Mitstreiter. Mit ihrer Tatkraft hat die Gesellschaft den seit über 30 Jahren bestehenden Förderverein des weltgrößten Parkfriedhofes Hamburg-Ohlsdorf längst überflügelt. Hinsichtlich der Mitgliederzahl nimmt sie deutschlandweit nach dem Südwestkirchhof Berlin-Stahnsdorf den zweiten Platz ein und betreibt sogar seit November 2014 ehrenamtlich ein eigenes Trauer-Café, für das Mobiliar gekauft wurde.

„Durch bürgerschaftliches Engagement haben wir dazu beigetragen, das Flächendenkmal Südfriedhof zu bewahren“, sagt Paul nicht ohne Stolz. Die Stadt, als Betreiber des Friedhofes, ist auch Mitglied der Gesellschaft, die Wert auf Pluralität und weltanschauliche Neutralität legt. Vom Musiker über Architekten, Historiker, Kunsthandwerker bis zum Ingenieur sind viele Berufsgruppen vertreten.

Die Bilanz der ersten zehn Jahre kann sich sehen lassen: 70 Arbeitseinsätze, an denen durchschnittlich jeweils 25 Mitglieder beteiligt waren, wurden zur Pflege des Südfriedhofes absolviert. Mehr als 40 umfängliche Restaurierungen an Werken der Grabmalkunst sind abgeschlossen.

„Unsere Arbeit ist daher mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir machen weiter, um im kollektiven Schulterschluss mit der Stadt dieses Flächendenkmal Südfriedhof zu retten“, sagt Paul, der zwölf Jahre als technischer Direktor auf dem Friedhof am Fuße des Völkerschlachtdenkmals gearbeitet hat, bevor er sich 1997 mit einem Fachbüro für Sepulkralkultur selbstständig machte. N

och gibt es viele Grabkunstwerke mit trauernde Frauen, Betenden oder Grabengeln für die Nachwelt zu erhalten. Dafür werden auch Denkmalfördermittel akquiriert. „Bevor die Friedhofsverwaltung Gräber einebnet, werden wir inzwischen gefragt, welche davon bewahrenswert sind“, sagt der Friedhofsforscher. Die gültige Liste, was kulturhistorisch bedeutsam ist, stammt von Anfang der 1990er-Jahre. Inzwischen ist die Forschung aber weiter. Nach Ablauf von Nutzungsrechten könne nun „in vernünftiger Partnerschaft“ abgesichert werden, dass nichts verschwindet. Das wurde am Beispiel des Schulreformers Adolf von Brause gerade praktiziert. Um solche „Fälle“ kümmert sich künftig ein Sachverständigenrat.

Geplant ist auch, eine Begräbnisstätte für Geologen zu errichten. Dafür wurde beispielsweise der Geologe Robert Lauterbach (gestorben 1995), der einst das Uni-Institut für Geophysikalische Erkundung leitete, exhuminiert und umgebettet. Er liegt nun unmittelbar neben der Grabstätte des Geheimen Bergrates Professor Franz Kossmat. Heinrich Credner (gestorben 1876), der das gesamte Königreich Sachsen kartierte, soll ebenfalls dort hin. Dessen Grab auf dem ehemaligen Neuen Johannisfriedhof muss allerdings erst per Suchschachtung aufgestöbert werden. „Dann haben wir die wichtigsten Geologen Deutschlands an einer Stelle auf dem Südfriedhof.“

Warum eine eigene Begräbnisstätte für die Gesellschaft? „Jeder Zweite verzichtet auf ein Individualgrab, viele kommen mit oder ohne namentliche Nennung in Gemeinschaftsurnenanlagen“, sagt Paul: „Das dünnt diesen Friedhof aus.“ Deshalb solle die Grabstätte ein Beispiel sein, wie zeitgenössische Bestattungskultur sein kann.

Voraussetzung, um dort unter die Erde zu kommen, ist eine fünfjährige aktive Mitgliedschaft in der Gesellschaft sowie eine Trauerfeier in einer der Kapellen. Auch einen „kleinen Garten Eden“ mit Rosenbeeten wird es geben.

Am 7. April findet um 11 Uhr in der Hauptkapelle des Südfriedhofes eine öffentliche Festveranstaltung zum 10. Geburtstag der Gesellschaft statt. Erwartet werden Bürgermeister Heiko Rosenthal (Linke), Vertreter der Nationalen Akademie Leopoldina, der Religionsgemeinschaften und viele andere. Gäste sind willkommen.

Von Mathias Orbeck

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