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Lokales „Eine Katastrophe“ – Zehn Zentimeter Schnee legen den Leipziger Hauptbahnhof lahm
Leipzig Lokales „Eine Katastrophe“ – Zehn Zentimeter Schnee legen den Leipziger Hauptbahnhof lahm
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17:27 17.03.2018
Einsatz mit Schneeschiebern: Bahnmitarbeiter mussten immer wieder Weichen freischaufeln. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

 „Vorsehen bitten, treten Sie zurück! Nutzen Sie den gesamten Gleisbereich! Bitte nicht mehr einsteigen, die Bahn ist überfüllt. Auf Gleis 1 fährt die nächste Bahn Richtung Messegelände ein!“

Laut und schon von Weitem deutlich vernehmbar gibt am Sonnabendvormittag eine Frauenstimme an der Straßenbahnhaltestelle vorm Hauptbahnhof Kommandos. Ein dicker Pulk Wartender, die meisten im dicken Winterlook, sehr viele aber auch in freizügigen bunten Manga-Kostümen, drängen sich hier. Es scheint, als wollen alle, die aus dem Bahnhof per Rolltreppe herauf- und über die Straße herüberströmen, zur Buchmesse.

300 Minuten Verspätung

Hier draußen ist nicht zu spüren, dass zeitgleich im Bahnhof der Verkehr fast komplett zum Erliegen gekommen ist. Warten auch drinnen. Aber zugleich viele ratlose, fragende Gesichter. Wann und wo fährt mein Zug? Von endlosen Verspätungen ist auf den Anzeigetafeln zu lesen: 160 Minuten, 300 Minuten… Die Ansagen über Lautsprecher verhallen, im Gegensatz zu den klar und deutlich verständlichen Hinweisen an der Straßenbahn, im Bahnhof meist ungehört. Überall werden Handys gezückt.

Der Wintereinbruch am Buchmessesonnabend hat in Leipzig für ein Verkehrschaos gesorgt.

Jeder Bahnmitarbeiter, ob im Servicepoint, vor dem die Schlangen nicht abreißen, oder auf dem Querbahnsteig unterwegs, wird gefragt. Allseits Achselzucken. „Das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen“, bedauert eine Frau in blauer Uniformjacke mit roter Strickmütze. „Es pendeln aber Busse zwischen Halle und Leipzig. Wann genau, da muss ich leider passen.“

Zu spät zur Goldenen Hochzeit

Dirk Binder hört‘s mit Fassung. Er will zur Goldenen Hochzeit seines Onkels nach Elsterwerda, erzählt der 46-Jährige. 11.58 Uhr sollte der Zug von Gleis 4 abfahren. „Daraus wird wohl nichts“, glaubt der Lehrer. „Ich nehm‘s gelassen, trag es keinem nach. Es kann doch niemand etwas für so viel Schnee. Hauptsache, es passiert nichts Schlimmes. Ach ja, und dass sich die Besucher trotzdem in Leipzig wohlfühlen“, sagt‘s und rennt los. Da fährt wohl doch einer…

Lukas Müller (23) wartet auf seine Mutter. Quelle: Dirk Knofe

Lukas Müller muss sich hingegen noch gedulden. Der Student erwartet mit zwei Freunden seine Mutter, die aus Erfurt anreist. Die sitzt aber immer noch in Markranstädt fest, wie es soeben über sein Handy erfährt. „Die Züge stehen wohl vorm Hauptbahnhof Schlange“, berichtet der 23-Jährige. Die Kumpel, denen sich der Buchmessebesucher gerne angeschlossen hätte, starten derweil alleine in Richtung Messegelände. „Ich hoffe, trotzdem noch Gregor Gysi zu erleben, der sein neues Buch vorstellt. Außerdem interessieren mich Publikationen zu den Konflikten rund um den persischen Golf. Es wird schon klappen. Ich kann auf die Bahn jedenfalls nicht sauer sein. So eine Menge Schnee Mitte März ist doch was anderes als Verspätungen wegen Eis und Schnee im Dezember oder Januar.“

In Taucha gestrandet

Rosi Gutschwager sucht vergeblich eine Verbindung nach Erfurt. „Ich komme aus Cottbus, bin erst einmal in Taucha gestrandet, von dort mit Bus und Bahn endlich hier angekommen. Doch ich will weiter, zu einer Tagung der katholischen Frauengemeinschaft“, erzählt die 64-Jährige. Das Quartier sei ja auch schon gebucht…

Ingrid Vetter (73) will nach München. Quelle: Dirk Knofe

„Eine Katastrophe“, ärgert sich Ingrid Vetter, die ebenfalls aus Cottbus kommt, und sucht die Anzeigetafel nach einer Verbindung ab, die sie nach München bringt. „Mein Enkel hat morgen Geburtstag. Hier, sehen Sie, die Blumen hab ich vorhin noch gekauft, weil ich nicht wusste ob die Zeit dafür in Leipzig reicht. Nun stehe ich hier und warte.“ Lediglich für einen Kurzbesuch habe sie sich eingerichtet. „Am Montag wollte ich bereits zurück. Wäre ich doch bloß im Zug sitzengeblieben und gleich wieder zurückgefahren“, hadert die 73-Jährige. „Im Zug wurden wir zumindest informiert, wie es weitergeht. Aber hier auf dem Bahnsteig, da verstehe ich gar nichts, wenn eine Ansage ertönt.“ Irgendwo drinnen einen warmen Kaffee trinken, das traut sie sich nicht. „Ich will nicht verpassen, wenn es weitergeht.“

Von Cornelia Lachmann

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