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Eine „Welle“ hinterließ in Leipzig ihre leuchtenden Spuren

Die Väter von Löffelfamilie & Co. Eine „Welle“ hinterließ in Leipzig ihre leuchtenden Spuren

Sie nannten sich „Unda“ und brachten viele Orte im Stadtgebiet zum Leuchten: Wie Theo Hesselbarth und Jürgen Mau die Löffelfamilie, „Mein Leipzig lob‘ ich mir“ und andere Neon-Kunstwerke entwarfen, lesen Sie im zweiten Teil unserer Leuchtreklamen-Serie.

Die Künstler Theo Hesselbarth (links) und Jürgen Mau schufen die Entwürfe für viele Leipziger Leuchtreklamen wie die Löffelfamilie oder "Mein Leipzig lob' ich mir".

Quelle: Dirk Knofe / Familienarchiv

Leipzig. Ihre wohl berühmteste Leuchtreklame hat Theo Hesselbarth und Jürgen Mau längst überlebt. Unersättlich löffeln ihre Protagonisten Abend für Abend auf dem Feinkost-Gelände in der Südvorstadt ihre Suppe aus. Der Hunger von Vater, Mutter, Tochter und Sohn ist auch 44 Jahre, nachdem die Löffelfamilie an ihrem Küchentisch an der Karl-Liebknecht-Straße Platz genommen hat, nicht zu stillen. Die berühmte Werbeanlage, 1973 erbaut und zuletzt 2011 saniert, lässt sich inzwischen per Telefon-Hotline einschalten. Eine Webcam überträgt ihre leuchtende Mahlzeit live in alle Welt.

Geburtstort dieser und vieler anderer bekannter Leipziger Leuchtreklamen war zunächst ein Atelier am Lindenauer Markt, später ein Hinterhaus in der Gohliser Menckestraße 7, direkt neben der Gosenschenke. Hier hatten die Gebrauchsgrafiker Theo Hesselbarth (1938-2006) und Jürgen Mau (1941-2015) ihre Werkstatt eingerichtet. Die 1967 von ihnen gegründete Künstlergruppe Unda – lateinisch für „Welle“ oder „Strömung“ – war eine der aktivsten Keimzellen für die Gestaltung von Neonwerbeanlagen in Leipzig, vielleicht in der gesamten DDR. Unda schuf Entwürfe für leuchtende Kunstwerke, die über Jahrzehnte das Bild der Messestadt prägten. Ihr Name ist heute aber weitgehend in Vergessenheit geraten.

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Ende der 1960er kam die „Welle“ ins Rollen: Vom VEB Stadtbeleuchtung Leipzig war Unda zunächst damit beauftragt worden, eine Anlage für „Schüngel-Chemie“ neben dem ehemaligen Hotel International am Ring zu gestalten. Mehr als 20 weitere Leuchtreklamen folgten bis zur Wende, wie Hesselbarths Töchter Sybille (51) und Susann Hesselbarth (53) und seine Witwe Ingrid Hesselbarth (74) der LVZ jetzt berichteten. Sie wühlten zusammen mit dem Sohn von Jürgen Mau, Robert Mau (51), in Privatarchiven und stießen dabei auch auf eine Skizze für die Löffelfamilie – damals noch mit fünf statt vier Mitgliedern.

Eine der ersten Skizzen für die Löffelfamilie, gemalt auf ein Foto: Am Ende saßen nicht fünf, sondern vier Mitglieder am Tisch.

Eine der ersten Skizzen für die Löffelfamilie, gemalt auf ein Foto: Am Ende saßen nicht fünf, sondern vier Mitglieder am Tisch.

Quelle: Familienarchiv Mau/Hesselbarth

Für die Löffelfamilie gab es 660 Mark – abzüglich Steuer

„Ungemein ulkig löffelten sie wie ein Rudervierer, weil aus Kostengründen oder Gründen des Know how keine ‚realistische vielphasige Vierpersonenlöffelfolge‘ zustande kam“, erinnerte sich Mau 2003. Als Inspiration diente ihm und Hesselbarth der Zigarette-rauchende Cowboy „Vegas Vic“ aus Las Vegas, der seinen Arm bewegte. Für die Gestaltung bekamen die Schöpfer der Löffelfamilie 1973 ein Honorar von 660 Mark – abzüglich 20 Prozent Künstlersteuer.

Mau und der in Wilchwitz bei Altenburg geborene Hesselbarth, die an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) unter anderem bei Werner Tübke und Gerhard Kurt Müller studierten, saßen oft stundenlang im Ring-Café, wie sich Witwe Ingrid Hesselbarth erinnert. Dort brachten beide ihre Ideen zu Papier. „Die Wände in der Menckestraße waren über und über in mehreren Schichten mit Zeichnungen und Entwürfen gefüllt.“ Auch Frank Ruckhäberle und Johannes Keller gehörten anfangs zum Künstlerkollektiv. Vor der Hochphase des Schaffens in den 1970er-Jahren stieg Keller aus der Gruppe aus. Ruckhäberle unternahm mit seiner Frau einen Fluchtversuch in den Westen und saß dafür jahrelang in Haft.

Robert Mau und Sybille Hesselbarth vor dem bekanntesten Werk ihrer beiden Väter. Für den Entwurf der "Löffelfamilie" bekamen Jürgen Mau und Theo Hesselbarth 660 Mark.

Robert Mau und Sybille Hesselbarth vor dem bekanntesten Werk ihrer beiden Väter. Für den Entwurf der "Löffelfamilie" bekamen Jürgen Mau und Theo Hesselbarth 660 Mark.

Quelle: Dirk Knofe

SED hatte Bedenken gegen „Mein Leipzig lob‘ ich mir“

1974, und damit deutlich später als allgemein angenommen, entstand der Entwurf für das größte Unda-Projekt – wahrscheinlich aus einem Scherz heraus. Mau und Hesselbarth waren damit beauftragt worden, für die 1967 errichteten Plattenbau-Wohnblöcke am Brühl eine leuchtende Grußbotschaft an Gäste aus aller Welt zu kreieren. Ein viersprachiges „Willkommen in Leipzig“, so die später auf fast 100 Metern Länge umgesetzte Idee, sollte Besucher beim Verlassen des Hauptbahnhofs anstrahlen.

Von den 1970er-Jahren bis 2007 war die historische Goethe-Leuchtreklame "Mein Leipzig lob' ich mir" ein Wahrzeichen der Stadt. Nun soll der berühmte Schriftzug an den Brühl zurückkehren.

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Beim zweiten Teil des Entwurfs gab es zunächst Bedenken in der SED. Zum einstigen Sachsenplatz – dem heutigen Standort des Bildermuseums – sollte das Goethe-Zitat „Mein Leipzig lob‘ ich mir“ erstrahlen. Der Dichterfürst hatte seinen Spruch im „Faust“ dem trinkenden Studenten Frosch in den Mund gelegt, der im Nebensatz ironisch über das „Klein-Paris“ sinnierte, das seine Leute bilde. Erst nach einer fast ein Jahr dauernden Debatte, ob ein Vergleich der Messemetropole mit der zu Goethes Zeiten verkommenen französischen Hauptstadt passe, sprach die lokale Parteispitze ein Machtwort.

"Mein Leipzig lob' ich mir" erzählt seine ganz eigene Geschichte. Weithin sichtbar prangte der Schriftzug mit der Silhouette Johann Wolfgang von Goethes seit den 1970ern auf den Wohnblöcken am Brühl.

"Mein Leipzig lob' ich mir" erzählt seine ganz eigene Geschichte. Weithin sichtbar prangte der Schriftzug mit der Silhouette Johann Wolfgang von Goethes seit den 1970ern auf den Wohnblöcken am Brühl.

Quelle: Gerd Dachsel

„Was ist denn schon dabei“, soll der Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung, Horst Schumann, gesagt haben und genehmigte damit den Bau der Riesen-Reklame, erinnert sich Erbauer Gerd Dachsel. Er stellte mit der damaligen PGH Elektro Thalheim aus der Nähe von Chemnitz den Leucht-Riesen her. Kurz nach der Wende wurde der Reklame aus Kostengründen das Licht abgeschaltet. Seit dem Abriss der Brühl-Blöcke 2007 lagert „Mein Leipzig lob‘ ich mir“ in einem Depot in Neukieritzsch bei Leipzig. Nach der geplanten Sanierung soll sie voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2018 wieder strahlen – dann auf den Höfen am Brühl.

„Sie haben die Kunst an die Häuser gebracht“

Auch an vielen anderen prominenten Stellen im Stadtgebiet hinterließ die Unda-Welle ihre leuchtenden Spuren. Hesselbarth und Mau entwarfen die Leuchtstreifen am inzwischen abgerissenen Robotron-Gebäude am Tröndlinring, den alten Zoo-Aufsteller mit kletternden Affen vor dem Naturkundemuseum, „Erforscht, erprobt, bewährt“ für den VEB Nünchritz in der Gerberstraße, die Neon-Schriftzüge der einstigen Mokka- Milch-Eisbar am Fuß des Wintergartenhochhauses und des Hotels Astoria – samt der leuchtenden Sterne. Älteren Leipzigern noch gut in Erinnerung sein dürfte die Giebelwand mit aufleuchtenden Schriftzügen der Theater und Kinohäuser am nördlichen Ende der Nikolaistraße. Die 1977 für rund 500.000 Mark errichtete Reklame ist heute wie die meisten Anlagen verschrottet. Erhalten sind dagegen noch die 1977 in der Richard-Wagner-Straße angebrachten Meißner Schwerter, sie fristen heute jedoch ein rostiges Schattendasein.

Die Leuchtreifen am Robotron-Firmensitz in der Gerberstraße waren ein Werk der Künstlergruppe Unda. Nach dem Abriss des Gebäudes wurde hier ein Hotel errichtet.

Die Leuchtreifen am Robotron-Firmensitz in der Gerberstraße waren ein Werk der Künstlergruppe Unda. Nach dem Abriss des Gebäudes wurde hier ein Hotel errichtet.

Quelle: Archiv Familie Hesselbarth / LVZ-Archiv, Volkmar Heinz

„Es ging bei den Projekten immer auch um Prestige“, erinnert sich Ingrid Hesselbarth. „Die anderen Künstler haben große Bilder gemalt und sie haben die Kunst an die Häuser gebracht“, so die 74-Jährige. Mau und Hesselbarth hinterließen Werke, denen es an Aufmerksamkeit nicht mangelte, die im sozialistischen System aber anders als ihre Leucht-Pendants im Westen nicht zum Konsum anregen sollten, sondern eher repräsentative und bestenfalls ästhetische Funktionen erfüllten.

Es gab aber auch Neonslogans, die nach hinten losgingen. Eine große Reklame in der Petersstraße – die Kollegen von Unda entwarfen – warb mit dem Versprechen „prickelnd frisch“ für Margon-Mineralwasser. Zu kaufen gab es das Getränk zu DDR-Zeiten aber selten – was den Durst beim Gang durch die City nur noch vergrößerte. Inzwischen ist das Wasser in nahezu jedem Supermarkt erhältlich. Die Leuchtwerbung ist wie viele der alten DDR-Anlagen jedoch verschwunden. Heute steht an dieser Stelle der Petersbogen.

Von Robert Nößler

Wie das Doppel-M auf das Leipziger Wintergartenhochhaus kam und warum es dort fast verschwunden wäre, lesen Sie im dritten Teil unserer Leuchtreklamen-Serie.

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