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Lokales „Eine andere Welt“: Seelsorger verlässt Gefängnis
Leipzig Lokales „Eine andere Welt“: Seelsorger verlässt Gefängnis
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10:05 14.02.2019
Blumen als Dankeschön: Seelsorger Mike Bauer ist nach gut zehn Jahren Tätigkeit in der Justizvollzugsanstalt Leipzig von Superintendent Martin Henker und Gefängnischef Rolf Jacob (von rechts) verabschiedet worden. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Zwischen 50 und 80 Insassen kommen regelmäßig zum Gottesdienst – in der Leipziger Justizvollzugsanstalt (JVA). Womöglich werden es an diesem Samstag sogar noch mehr sein, denn es ist der definitiv letzte mit Pfarrer Mike Bauer, bei dem er nicht nur predigt, sondern auch Gitarre spielt und mit den Häftlingen über Gott und die Welt redet. Bereits am Mittwoch ist der evangelische Gefängnis­seelsorger offiziell in der kleinen Kirche im Knast – einem würdevoll gestalteten Andachtsraum – verabschiedet worden. Am 1. März tritt er seine neue Stelle als Seelsorger im Leipziger Uni-Klinikum an.

„Sie haben hier für den guten Ton gesorgt“, spielte JVA-Chef Rolf Jacob denn auch gleich auf die Rockband an, die der Seelsorger jahrelang in der Haftanstalt geleitet hat. Für den 54-Jährigen handelte es sich dabei um ein Herzensprojekt mit Häftlingen, denn „Musik ist eine schöne Form von Therapie“.

„Das Einsperren bessert Menschen nicht“

Vor gut zehn Jahren, im Oktober 2008, hatte Mike Bauer seinen Dienst hinter Gittern begonnen. Zuvor war er Pfarrer in Pegau und bis Mai 2008 zudem Jugendpfarrer für den Kirchenbezirk Borna. Er war gespannt darauf, nunmehr „Menschen in Extremsituationen zu begleiten“.

Ein Jahrzehnt später resümiert er: „Ich habe eine andere Welt kennengelernt. Brüchige Lebensläufe, Insassen ohne Schulabschluss, ohne Ausbildung. Viele Gefangene sind mir – in ihrer Not – ans Herz gewachsen.“ Es sei erschreckend, wie viel Hilflosigkeit es gebe – unter den Menschen, aber auch in der Gesellschaft. Diese sei nicht so sozial wie sie in Sonntagsreden gern präsentiert werde. Und: „Das Einsperren bessert Menschen nicht.“ Sein Plädoyer: Viel mehr Therapie-Angebote, viel mehr Begleitung, viel mehr soziale Bildung schon im Kindergarten. Bereits dort müsste „das meiste Geld reingepumpt werden“, so der verheiratete Familienvater von drei Kindern im Alter zwischen 18 und 24 Jahren.

Bauer hätte seine Tätigkeit in der JVA gern weitergeführt, doch die Sonderseelsorge – etwa bei Polizei, Justiz oder im Krankenhaus – ist befristet. „Nach maximal zwölf Jahren soll ein Perspektivwechsel erfolgen“, so Superintendent Martin Henker. Er dankte dem Seelsorger für die „Früchte seines Wirkens“, wobei er „nicht die Probleme dieser Welt lösen“ könne. Das Gefängnis sei „ein besonderer Arbeitsort, kein wirklich schöner“, meinte Oberkirchenrat Frank del Chin. Gerade da brauche es gut ausgebildete und motivierte Leute – wie eben Bauer einer ist.

Aktuell 470 Insassen in JVA

Für den 54-Jährigen handelte es sich um eine Teilzeitstelle in der JVA, sodass er über viele Jahre zudem noch an verschiedenen Leipziger Schulen als Religionslehrer gearbeitet und zeitweise auch in der Gastronomie ausgeholfen hat. JVA-Chef Jacob indes hält bei all den Problemen in einem Gefängnis eine Vollzeitstelle für dringend nötig. Aktuell sitzen 470 Insassen in der Haftanstalt Leipzig, rund 40 Prozent sind Ausländer. In den Gottesdienst kämen gelegentlich auch Muslime, so Mike Bauer. Wobei er als den wichtigsten Teil seiner Tätigkeit die Einzelgespräche mit Gefangenen betrachtet hat.

Einen Nachfolger gibt es noch nicht, zunächst aber eine Vertretung. Die Stelle wird ausgeschrieben. Ende 2018 kam mit Dirk Metzig ein katholischer Seelsorger hinzu, der die kurze gemeinsame seelsorgerische Zeit als „himmlisch“ bezeichnete. Und Christian Beyer, Seelsorger in der JVA Torgau, gab Bauer mit auf den Weg: „Du bleibst einer, der weiter die Seele der Menschen berühren wird.“

Von Sabine Kreuz

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