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Lokales „Eingesargt“: Wie Muslime in Leipzig die letzte Ruhe finden
Leipzig Lokales „Eingesargt“: Wie Muslime in Leipzig die letzte Ruhe finden
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00:20 18.08.2017
Detail des muslimischen Grabfeldes auf dem Leipziger Ostfriedhof. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Bereits seit 20 Jahren gibt es auf dem Leipziger Ostfriedhof ein muslimisches Grabfeld, das den Bestattungsregeln des Korans entspricht: Die Gräber sind ausschließlich für Muslime vorgesehen, werden in „jungfräulicher“, unverbrauchter Erde ausgehoben und sind so ausgerichtet, dass die Toten mit Blickrichtung gen Mekka gebettet werden können. Ein wesentliches Ritual ist jedoch nicht möglich: die Tuchbestattung.

Nach islamischer Tradition werden Tote in weiße Leichentücher gehüllt und ohne Sarg beigesetzt. Dem steht das sächsische Bestattungsgesetz entgegen. Dort heißt es: „Leichen sind nach Abschluss der Leichenschau unverzüglich einzusargen.“ Anschließend erlaubt das Gesetz nur zwei Bestattungsarten: Feuer- oder Erdbestattung, beides mit Sarg.

Muslime wie Nasir und Nila wundern sich über das „kleine Holzhaus“, wie sie den Sarg behelfsweise nennen. Vor drei Jahren verstarb die Tochter des irakischen Ehepaars nach langer Krankheit in Leipzig. Der Imam ihrer Gemeinde riet zur Überführung des Leichnams in ihr Heimatdorf, wo Nasir bereits vor der Flucht nach Deutschland ein Familiengrab erworben hatte. Aufgrund ihres Asylstatus hätten die beiden jedoch nicht ohne Weiteres aus- und wieder einreisen können.

6000 Quadratmeter am Friedhofsrand

Jetzt kommen sie jeden Sonntag zum Ostfriedhof, um das Grab der Tochter auf dem islamischen Grabfeld zu besuchen. Abgeschirmt von Hecken und Bäumen liegt das fast 6000 Quadratmeter große Areal etwas versteckt am Rand der Friedhofsanlage. Im Gegensatz zu christlichen Gräbern sind die muslimischen Grabstätten meist nur spärlich dekoriert. Über einige Tote wachen nur noch leblose Halme, ihre Ruhestätten scheinen vergessen und der Natur übergeben. „Im Islam ist es nicht üblich, Gräber zu pflegen oder zu schmücken“, erklärt Nila. „Es gibt meist nur einen Grabstein mit Namen und Daten des Verstorbenen.“ Dass in Deutschland die meisten Bestattungen im Sarg erfolgen, wussten die beiden zwar; dass diese Bestattungsart verpflichtend ist, erstaunte sie aber sehr.

„Manche wissen gar nicht, dass es überhaupt ein muslimisches Grabfeld in Leipzig gibt“, berichtet Udo Portner von der Firma Ananke Bestattungen. „Bei einem Todesfall ist für die muslimischen Angehörigen der Imam der erste Ansprechpartner, der dann die Planung der Beisetzung übernimmt.“ Portners Bestattungsinstitut organisiert seit der Einrichtung des Grabfelds islamische Begräbnisse auf dem Ostfriedhof. Sein Eindruck ist, dass sich die Kundschaft mit der Sargpflicht arrangiert. „Um die gesetzliche Norm zu erfüllen, wählen Muslime keine teuren Särge, sondern eher schlichte Modelle.“

Auch in anderen Punkten werden Kompromisse nötig. Das für muslimische Gräber geltende „ewige“ Ruherecht wird auf dem Ostfriedhof nicht gewährt. Nasir und Nila müssen das Grabnutzungsrecht deshalb jeweils nach Ablauf von 20 Jahren verlängern. Zudem akzeptierten sie, dass eine Beisetzung im Freistaat frühestens nach 48 Stunden möglich war, nach islamischer Vorschrift Tote dagegen innerhalb eines Tages bestattet werden sollen. Vor der Beerdigung wurde der Leichnam gewaschen, in Leichentücher gewickelt und – aufgrund des sächsischen Rechts – in einen Sarg gelegt. Oft wird Erde mit in den Sarg geschüttet, um zumindest eine symbolische Verbindung zum Boden herzustellen.

Was im Erdreich passiert, wenn Menschen nur im Tuch bestattet werden, ist umstritten. Befürworter der Sargpflicht befürchten die Bildung von Wachsleichen – Leichname, auf denen sich aufgrund mangelnder Luftzufuhr eine Wachsschicht bildet und die dadurch konserviert werden. Auch die These, durch Leichenflüssigkeiten könne das Grundwasser verunreinigt werden, hält sich hartnäckig. Hans-Jörg Vogel, Leiter des Departments Bodenphysik am Umweltforschungszentrum Leipzig, sieht in beiden Fällen keine Probleme: „Mit oder ohne Holz funktioniert die mikrobielle Zersetzung im Boden zuverlässig. Friedhöfe liegen außerdem meist an grundwasserfernen Standorten.“

Neben der Hygiene wird auf die Tradition verwiesen. „Bei uns überwiegt das christliche Erbe in der Bestattungskultur, da ist es nun mal so, dass Menschen im Sarg erdbestattet werden“, meint Udo Portner. Nicht von ungefähr sind zudem in den drei Bundesländern, in denen noch immer Sargpflicht gilt – Sachsen, Sachsen-Anhalt und Bayern – konservative Parteien seit langer Zeit stärkste Kraft. In den anderen Bundesländern müssen Tote bis zum Grab zwar auch in einem Sarg transportiert werden – aus religiösen Gründen ist ein Begräbnis anschließend jedoch ohne diesen möglich.

Gleichberechtigtes Sterben

Trotz Skepsis und ablehnender Haltung der CDU möchte sich Marion Junge im sächsischen Landtag dafür einsetzen, dass im Freistaat neben dem Friedhofszwang auch die Sargpflicht abgeschafft wird. Die Abgeordnete der Linken plant, im nächsten Jahr eine Novellierung des seit 1994 kaum geänderten Bestattungsgesetzes im Parlament einzubringen. Sie sagt: „Wenn wir wollen, dass alle Religionsgruppen hier gleichberechtigt leben können, dann gehört auch das Sterben dazu.“

Blickt man auf die wenigen islamischen Gräber auf dem Ostfriedhof, scheint der Tod in den muslimischen Gemeinden der Stadt bisher allerdings kaum eine Rolle zu spielen. Und tatsächlich wurden seit Einführung der Grabstätte 1997 erst 87 Bestattungen vorgenommen, fast 500 Plätze sind noch frei. Auf den zwei weiteren muslimischen Grabfeldern Sachsens, in Dresden und in Chemnitz, sieht es ähnlich aus.

Das liegt vorwiegend an den Wünschen der Gemeindemitglieder. „Wenn ich sterbe, sind nur meine Frau und meine Kinder hier“, beschreibt Muhammad Seckin, Leiter der Takva-Moschee im Leipziger Osten, die familiäre Lage vieler Muslime in Leipzig. „Der Großteil der Verwandten lebt in der Türkei. Deshalb wollen die meisten in ihren Familiengräbern beerdigt werden.“ Von der Sargpflicht hört er indes zum ersten Mal. „Der Sarg ist kein Thema bei uns. Wir sind eine relativ junge Gemeinde, es gab erst sechs Todesfälle, die alle in die Heimat überführt wurden.“

Auch Marion Junge weiß, dass der Bedarf an muslimischen Begräbnissen derzeit gering ist. „Das hängt auch von der Möglichkeit der Integration in Sachsen ab. Wenn man die Muslime gut integriert, sie hier vielleicht ein Leben mit ihrer Familie aufbauen, wird sicherlich der Zeitpunkt im Alter kommen, dass sie sich doch für eine Bestattung in Sachsen entscheiden.“

Die Frage der letzten Ruhe scheint deshalb auch eine Generationenfrage zu sein. Islamwissenschaftler wie Martin Zabel von der Universität Leipzig gehen von einem Anstieg muslimischer Bestattungen in Sachsen aus. „Viele Muslime fühlen sich zunehmend verwurzelt, weil sie hier geboren wurden und keine starken Bezüge zur Heimat ihrer Eltern haben.“ Die Abschaffung der Sargpflicht wäre insofern ein staatliches Signal des Entgegenkommens an hier lebende Muslime, die ihrerseits versuchen, ihre Bestattungstradition mit den hiesigen Gegebenheiten in Einklang zu bringen.

Übernahme deutscher Begräbniskultur

So wie Nasir und Nila. Wenn es schon nicht möglich war, die Tochter im irakischen Familiengrab zu beerdigen, hätten sich die beiden wenigstens eine Beerdigung ohne Sarg in Leipzig gewünscht. Schließlich haben sie auch Aspekte der fremden Begräbniskultur angenommen. Aus der Reihe karg gehaltener islamischer Gräber sticht das Grab ihres Kindes hervor. Ein schwarzer Granitstein, Kerzen, ein kleiner Blumenstrauß und etwas Efeu. Entgegen der islamischen Tradition hat Nila das Grab geradezu überschwänglich geschmückt. Sie blickt auf und lächelt. „Mir gefällt dieser Brauch. Und uns war es wichtig, uns hier auch anzupassen.“

Von Maximilian König

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