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Emil Rupp: Erst Forschungsfälscher in der Physik, dann Institutsdirektor in Leipzig

Wissenschaftsgeschichte Emil Rupp: Erst Forschungsfälscher in der Physik, dann Institutsdirektor in Leipzig

Einst galt Emil Rupp als Physikstar, dann flogen seine Fälschungen auf und er verschwand von der Bildfläche – die Spur führt nach Leipzig, wo heute noch seine Kinder Leben. Nachdem er 1935 bei der AEG in Berlin entlassen worden war, kam er am Bibliografischen Institut in Leipzig unter und machte zu DDR-Zeiten Karriere

Nachdem seine Forschungsfälschungen aufgeflogen waren, arbeitete der Physiker Emil Rupp ab 1935 zunächst im Bibliografischen Institut in Leipzig.

Quelle: privat

LEIPZIG. Wikipedia ist nicht allwissend: Bei Emil Rupp erschöpft sich die Auskunftsfähigkeit des gigantischen Online-Lexikons schnell. Vermerkt ist die Geburt des späteren Physikers für den 1. Juli 1898 im badischen Reihen, das heute zur Stadt Sinsheim gehört, es folgen ein kurzer biografischer Abriss, der 1935 abrupt endet, und eine etwas ausführlichere Schilderung seiner Fälschungen, die seinerzeit in der Fachwelt Wellen schlugen. Rupp gab in den 1920er-Jahren beispielsweise vor, eine Theorie des Nobelpreisträgers Albert Einstein experimentell bewiesen zu haben. Der große Einstein gratulierte, beide korrespondierten rege, dann mehrten sich Zweifel an der Sensation, die sich schließlich als frei erfunden herausstellte. Bis 1932 veröffentlichte Rupp immer wieder angeblich bahnbrechende Versuche, die Nachprüfungen nicht standhielten. 1935 kam der tiefe Fall des lange als Physikstar Geltenden – seine Stelle als Forscher bei der AEG in Berlin verlor er. Der Name Rupp sei dann, so heißt es bei Wikipedia, aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Der Verbleib des Mannes, nachdem die Hochstapeleien aufgeflogen waren und er sie eingestanden hatte, bleibt nicht nur bei Wikipedia offen. Auch ein mit der Causa befasster Artikel im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, der 2008 erschien, schweigt sich über den Fortgang der Biografie aus.

Angeblicher Beweis von Einstein-Theorie

Dass die Spur nach Leipzig führt, wo Emil Rupp am 10. April 1979 als emeritierter Professor verstarb, wo auch seine Tochter Elisabeth (69) und sein Sohn Christoph (63) wohnen, war bislang unbekannt, obwohl sich schon einige Publikationen um den einst scheinbar in der Versenkung verschwundenen Gelehrten rankten. So die 1999 erschienene Monografie „Der seltsame Fall des Emil Rupp“ des Briten Anthony French. Die LVZ-Recherche startete nach einer in der Redaktion eingegangen E-Mail des pensionierten Münchner Linguisten Werner Zillig. Als Rentner befasst er sich mit Fälschungen in der Wissenschaft und hatte die Fährte Rupps aufgenommen. Das Stadtarchiv Sinsheim wies ihm den Weg, dort war Rupp als einst nach Leipzig verzogen registriert. Nun bat Zillig die LVZ um Hilfe, im Zuge dessen lieferte das hiesige Staatsarchiv Einträge zu Rupp in alten Meldekarten. Ein Leseraufruf mit der Bitte um Hinweise brachte dann den entscheidenden Treffer. Rupps Tochter und Sohn meldeten sich und hatten nichts gegen ein Gespräch über ihren Vater.

Der Tee wird serviert, das Fotoalbum mit historischen Aufnahmen und ein vergilbter Reisepass liegen auf dem Tisch. Elisabeth Rupp, die Pfarrerin im Ruhestand, und ihr „kleiner Bruder“, wie sie den Diplom-Mathematiker und Ingenieur Christoph Rupp gerne nennt, haben einiges vorbereitet. Zwei Seiten handschriftlicher Notizen dienen als Gedankenstütze, weil manche Erinnerungen ja im Eifer des Gesprächs vergessen werden könnten. Im Rückblick teilen die beiden die Zeit in eine davor und eine danach ein. Zu der davor, in der Rupp Senior auch zum wissenschaftlichen Münchhausen geriet, gibt es lediglich Diverses vom Hörensagen zu erzählen, zu der danach vieles mehr aus eigenem Erleben.

Geheimnis mit ins Grab genommen

Erst als im Internet Informationen zu Rupps getürkten Laborversuchen auftauchten, ging dem Sohn auf, dass sein Vater ein Geheimnis mit ins Grab genommen hatte. „Dieses Kapitel war zu seinen Lebzeiten in unserer Familie nie ein Thema, in Andeutungen wurde nur manchmal darüber gesprochen, dass er 1935 in einer Nervenklinik in Fürstenberg war.“ Warum ist unklar: Vielleicht hing es mit einem Gutachten zusammen, in dem Rupp der „Einbruch von traumartigen Zuständen in das Gebiet seiner Forschertätigkeit“ attestiert wurde. Vielleicht hatten aber auch die Nazis bei der Einweisung ihre Hand im Spiel, denn Rupp war nicht nur wegen seines wissenschaftlichen Fehlverhaltens von der Science Community geächtet worden, sondern wurde auch als Anhänger der „jüdischen Physik“ angeprangert. Sein Doktorvater und Betreuer der Habilitation in Heidelberg, der Nobelpreisträger und Antisemit Philipp Lenard, beschimpfte Rupp in seinen Memoiren, er habe schon „1926 vollkommen den Judengeist“ angenommen.

Ein Dorn im Auge könnte den braunen Machthabern zudem gewesen sein, dass Rupp, der nie einer Partei angehörte, damals mit der aus Prag stammenden jüdischen Physikerin Henriette Grünhut verheiratet war. „Wir haben ihn jedenfalls nie psychisch labil erlebt, nur etwas eigenbrötlerisch war er und ein Autonarr“, so Elisabeth Rupp über ihren Vater, der aus bäuerlichem Hause stammte, in Heidelberg das Abitur machte, im Ersten Weltkrieg als Kraftfahrer dabei war und anschließend in Heidelberg und Göttingen studierte. Mit „summa cum laude“ promovierte er, zu seinen Kommilitonen zählten Edward Teller, Leo Szillard und Robert Oppenheimer, die später als Kernphysiker entscheidend am US-Atomwaffenprogramm mitwirkten.

Nach der Habilitation stieg Rupp als Industriephysiker ein, bei internationalen Konferenzen war er gern gesehen. Ein Bild im Fotoalbum zeigt ihn bei einer hochkarätigen Tagung in Italien, der Pass dokumentiert auch Reisen nach England. 1935 war Henriette Rupp angesichts der sich zuspitzenden Verfolgungen ins Vereinigte Königreich emigriert und versuchte dort für ihren Mann, der bei der AEG entlassen worden war, eine Arbeitsmöglichkeit zu finden. Das schlug fehl. Letztmals traf sich das Paar 1939 in der Nähe von London, am 29. August jenes Jahres – drei Tage vor Kriegsbeginn – verließ Rupp ausweislich des Passes letztmals „United Kingdom“ in Richtung Deutschland. „Irgendwann müssen sie übereingekommen sein, sich aus der Ferne scheiden zu lassen. Es gibt darüber kein offizielles Dokument. Das muss alles sehr hart für ihn gewesen sein“, meinen seine Kinder.

Aufstieg zum Institutschef in der DDR

Wie ihr Vater dann in Leipzig Fuß fasste, können sie halbwegs rekonstruieren. Sein Schulkamerad und Jugendfreund August Karolus, der eine Professur an der hiesigen Uni inne hatte und als einer der Pioniere der Fernsehtechnik galt, stand dem jobsuchenden Privatdozenten offenbar bei einem beruflichen Neuanfang bei. Ebenso wie der Leipziger Verleger und Physiker Otto Mittelstädt. Mit einiger Fürsprache konnte Rupp beim Bibliografischen Institut einsteigen. „In Leipzig hat er dann auch unsere Mutter kennengelernt“, erzählt Elisabeth Rupp. „Sie war der Gegenentwurf zu seiner ersten Frau: keine Physikerin und nicht zierlich, sondern groß, humorvoll, lebensbejahend und als Sekretärin tätig.“ 1943 wurde geheiratet und aus Brigitte Apreck wurde Brigitte Rupp. Bomben vernichteten die Wohnung des Paares und die Kriegereignisse machten dann auch vergessen, dass Rupp früher auf die schiefe Forscherbahn geraten war.

Der einstige Skandal war aus der Welt, „ob er ihn je unserer Mutter gebeichtet hat, wissen wir nicht“, so die Rupps. Nach dem Krieg ging es für Emil Rupp aufwärts. Er stieg bis zum Direktor des in Leipzig ansässigen Institutes für grafische Technik auf, befasste sich vor allem mit Drucktechniken und speziellen Verfahren der Papierherstellung für die unter chronischem Rohstoffmangel leidende DDR-Wirtschaft. Zugleich wirkte er als Professor an der Technischen Hochschule in Karl-Marx-Stadt. „Tolerant und ein fürsorglicher Vater ist er gewesen, und als Fachmann sehr anerkannt“, erinnern sich Tochter und Sohn. „Betagte Vorkriegsautos waren seine Passion. Einerseits wurden sie gepflegt, andererseits genutzt, bis sie auseinanderfielen. Als Kinder hatten wir immer Sorge, ob sie die Fahrten auch durchhalten.“ Ab 1961 gab es dann allerdings einen Wartburg als Familienauto. Geselligkeit sei im Gegensatz zur Mutter nicht Rupps Stärke gewesen. Dafür überraschte der Vater mit seinen vielseitigen Interessen, befasste sich unter anderem mit Sanskrit und der indischen Mythologie, nahm morgens gelegentlich im Schneidersitz Platz. „Da hat er wohl so etwas wie Yoga praktiziert.“

Zu Rupps erster Frau gab es wohl nie wieder Kontakt. Herausbekommen haben Elisabeth und Christoph Rupp nur, dass die kapriziöse Wissenschaftlerin 1948 in London erneut heiratete – den Physik-Nobelpreisträger Owen Willans Richardson. „Aus ihr“, sinniert Christoph Rupp, „wurde Lady Richardson“. In Emil Rupps Nachlass fanden sich Briefe, die Henriette ihm zwischen 1935 und 1939 aus England geschrieben hatte und aus denen die schwierige Situation der Eheleute hervorging. „Leider haben wir diese Schreiben nicht mehr“, bedauern die Rupp-Kinder. 1982 waren die Geschwister nach dem Tod ihrer Eltern in eine kleinere Wohnung gewechselt und mussten sich aufgrund des Platzmangels auch von vielen familiengeschichtlichen Unterlagen trennen.

Von Mario Beck

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