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Lokales Erfahrungen mit dem neuen Leben in Leipzig
Leipzig Lokales Erfahrungen mit dem neuen Leben in Leipzig
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19:24 18.11.2015
„Gefühlt“ schon ein Leipziger: Bassam El Daroub aus dem Libanon. Quelle: Foto: André Kempner


„Seit ich auf der Welt bin, seit 1971, erlebte ich Zuhause nur kriegerische Auseinandersetzungen. Immer wieder auch gegen religiöse Minderheiten. So auch gegen uns“, erzählt Bassam. „Ich gehöre dem Volk der Drusen an. Im Libanon sind lediglich 250 000 beheimatet. Immer öfter mussten wir zuletzt auch Übergriffe der Isis von syrischer Seite fürchten.“ Er und seine Frau, beide mit einem gut bezahlten Job in einer Bank, hätten da irgendwie noch aushalten können. Doch als eine Bombe neben der Schule des ältesten Sohnes auf die Straße fiel und eine weitere in den kleinen Laden seiner Familie geworfen wurde, trieb sie die Angst um die Kinder aus dem Land.

Sportverein hilft bei Wohnungssuche

Mit einem in Beirut erhaltenen Schengen-Visum für Deutschland, zwei Wochen gültig, landeten sie im Vorjahr in Berlin, kamen danach ins Erstaufnahmeheim Chemnitz. 20 Tage später wurden sie Leipzig zugeteilt, fanden in der Unterkunft Markranstädter Straße ein erstes Dach überm Kopf. „Es ist ein kleineres, ruhiges Heim. Mit einem Büro des Vereins Pandechaion-Herberge, wo Leute Arabisch und Englisch sprechen und uns bei Behördendingen halfen. Wir selbst können auch Englisch, so konnten wir uns zunächst mal verständigen.“ Bassam scheint von jener kleinen, sozialen Betreuungsstelle schwer beeindruckt. „Da gibt es kaum feste Mitarbeiter, da machen eher Studenten und Praktikanten freiwillig mit“, sagt er und freut sich noch im Nachhinein: „Das Büro hat sich seinerzeit um einen Kita-Platz für den Jüngsten und um den Schulbesuch für unseren Ältesten gekümmert.

Er geht seither in die 35. Oberschule in Gohlis.“ Bassam schmunzelt. Die Jungs würden längst viel besser Deutsch sprechen als ihre Eltern. Was man aber so nicht stehen lassen kann: Auch Mutter und Vater haben alles daran gesetzt und sind sprachlich schon ziemlich fit. Neben dem Gratis-Deutschkurs an der Volkshochschule haben beide ihr Geld zusammengenommen und von sich aus weitere Lehrgänge besucht. Das Büro, so Bassam weiter, mühe sich nicht zuletzt um Kontakte zu örtlichen Kultureinrichtungen. So hätten er und seine Frau sogar mal mit Gratis-Karten ein Konzert mit einer libanesischen Sängerin in Leipzig besuchen können. „Die Mitarbeiter schauen zudem immer, was möglich ist, damit Kinder nachmittags nicht im Heim sitzen müssen. So fanden unsere Söhne auch zum SV Lindenau, wo sie nunmehr regelmäßig in einer Mannschaft Fußball spielen.“ In dem Büro hätten sie auch erstmals Sonja Brogiato vom Flüchtlingsrat getroffen, die den El Daroubs schließlich eine Leipziger Patenfamilie vermittelte. Ein weiterer Beistand in puncto praktische Alltagsbewältigung sei damit gegeben gewesen – auf rein persönlicher Ebene halt.

Patenfamilie organisiert Spenden

Nach mehr als einem Jahr, erst in diesem Juli, war die Bundesbehörde endlich durch mit dem Asylantrag-Prüfen. Die El Daroubs besitzen nun eine „Aufenthaltsgestattung“. Und, weil die Verhältnisse in der Markranstädter Straße mit zwei kleinen Zimmern doch recht beengt waren, durften sie sich auf Nachfrage bei der Leipziger Ausländerbehörde selbst nach einem etwas größerem Domizil umschauen. „Als das der amtierende Vorsitzende des Fußballvereins unserer Jungs mitbekam, bot er uns eine Wohnung in seinem Haus an. Dort sind wir nun in einer richtig guten Hausgemeinschaft gelandet“, erzählt Bassam stolz. Zu 80 Prozent wurde das neue Quartier mit Spenden ausgestattet: Die Patenfamilie hatte rund zehn E-Mails an Freunde, Verwandte und Kollegen geschickt – alle hatten auf Böden und Kellern geschaut, was nutzlos herumsteht, den El Daroubs aber hilfreich sein könnte.

Bassam sucht Arbeit

Bassam denkt: „Wir hatten in Leipzig wirklich viel Glück, auf so viele freundliche Menschen zu treffen.“ Selbst die großen Demos, die mit Jahresbeginn in Leipzig losbrachen, haben ihm keine Angst gemacht, eher einen ganz anderen Effekt gezeitigt: Der 44-Jährige spürte durch die Überzahl an friedlichen Menschen, dass die Mehrheit für ein buntes Leipzig ist. Er marschierte als „gefühlter“ Leipziger sogar mit.

Und jetzt, wo er mit der „Aufenthaltsgestattung“ auch „eine unselbstständige Erwerbstätigkeit mit Zustimmung der Ausländerbehörde“ aufnehmen darf, sucht der Libanese fieberhaft nach Arbeit. „Ich will nicht länger nur so herumsitzen“, sagt er. „In dem Büro im Heim Markranstädter Straße hat man mir einen kleinen Job in Aussicht gestellt. Eine Firma sucht gerade einen Fahrer und Verkäufer auf einem Versorgungsfahrzeug für Flüchtlinge in der Eisenbahnstraße, der arabisch und andere Sprachen spricht. Das würde ich gern machen. Dieser Tage soll es ein Gespräch dazu geben. Ich habe mir aber außerdem noch einen Termin in der Agentur für Arbeit besorgt. Ich hoffe sehr, dass es irgendwo klappt.“

Von Angelika Raulien

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