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Erfolglose Suche nach Krippenplatz: Leipziger Familienvater zeigt sich selbst an

Erfolglose Suche nach Krippenplatz: Leipziger Familienvater zeigt sich selbst an

Seit einem Jahr bemühen sich Alexander Böhmichen und Frizzi Hermann um einen Krippenplatz für ihre gemeinsame, 16 Monate alte Tochter Anouk. Bislang vergeblich.

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Frustriert von der Verwaltungpraxis in Sachen Kita: Anouk, Frizzi Hermann und Alexander Böhmichen (von links).

Quelle: André Kempner

Leipzig. Daher zog der Vater eine drastische Konsequenz: Er zeigte sich selbst beim Jugendamt wegen Kindesvernachlässigung an - in der Hoffnung, etwas bewegen zu können. Was fehlt, meinen Anouks Eltern, ist Transparenz in der Verwaltung.

Es war ein versuchter Hilfeschrei. "Ich dachte, dass sich dann vielleicht mal jemand des Problems annimmt", erklärt Alexander Böhmichen den Grund für seine Selbstanzeige. Das "Problem" sitzt derweil neben ihm auf einem Stuhl und kippt mit einem erstaunten Glucksen eine Tasse Milch um. "Na, junge Dame!" Mit nicht allzu seriöser Empörung wischt Frizzi Hermann das Malheur vom Tisch. Ihr Tonfall ändert sich jedoch, wenn die Mutter den Kern der Sache anspricht. "Eltern wird von der Stadt an keiner Stelle das Gefühl gegeben, das einem unter die Arme gegriffen wird", sagt sie ernst, "es gibt zu wenig Krippenplätze und keine Transparenz." Ein Vorwurf an die Kommune, der nicht neu ist. Allerdings zeigt der Fall von Anouk, dass das Thema Kindertagesstätten in Leipzig ein wunder Punkt bleibt.

Böhmichen, Hermann und Anouk wohnen zu dritt in Schleußig. Der 37-Jährige betreibt als Gastronom das Café Cantona in der Windmühlenstraße im Zentrum-Süd. Seine 32-jährige Lebenspartnerin ist bei Böhmichen festangestellt, übernimmt meistens die Spätschichten in der Kultkneipe ab 15.30 Uhr. Danach kümmert sich der Vater um die kleine Tochter - zumindest theoretisch. Im Gaststättengewerbe lässt sich nicht immer nach Stechuhr arbeiten. "Teilweise war Anouk mit uns auf Arbeit", räumt Böhmichen ein.

Im Jugendamt habe die zuständige Sozialarbeiterin den Eltern erklärt, dass eine Kneipe nicht der geeignetste Platz für ein Kind wäre. "Uns wurde mehrfach gesagt, dass einer von uns eben zu Hause bleiben und Hartz IV beantragen soll", erinnert sich Hermann, "ich fand das einfach frech." Zudem folgte auf Böhmichens Selbstanzeige bei der Behörde bisher nur eine schriftliche Belehrung, dass das Paar Anouk nicht alleine in den heimischen vier Wänden zu lassen habe. "Es war natürlich klar, dass wir unserer Tochter das nicht antun", bemerkt Böhmichen. Dabei dauert die Odyssee der Familie bereits seit Februar 2012 an. Damals beantragten die Eltern für Anouk einen Krippenplatz, wendeten sich direkt an das Kinderhaus am Park in der Ferdinand-Rhode-Straße. In der kombinierten Tageseinrichtung im Musikerviertel hatte Böhmichen bereits für seinen heute fünfjährigen Sohn aus einer früheren Beziehung einen Betreuungsplatz ergattert. Da das Kinderhaus allerdings schon voll belegt war, hieß es, "ich soll nach sechs Monaten wiederkommen", schildert Böhmichen. Sobald dann ein Platz frei werde, könne alles seinen offiziellen Gang über die Verwaltung gehen. Das halbe Jahr später "ruft man im Jugendamt an und die wissen von nichts", ergänzt Frizzi Hermann. Auf Anfrage lässt die Behörde wissen, dass die Maßnahme von Böhmichen gegen sich selbst ein Ausnahmefall sei, zudem die Suchzeiten von Eltern nach einem Krippenplatz für ihre Kinder nicht im Detail erfasst würden. Eltern könnten sich indes an die Beratung der Fachabteilung Kindertagesstätten des Jugendamtes im Rathaus Wahren wenden.

Auch diese Stelle haben Böhmichen und Hermann schon angesteuert. Nur: "Die lassen dich einfach stehen", meint Mutter Frizzi, "das ist denen richtig egal." Wenigstens Informationen zu einer Warteliste auf einen Krippenplatz oder zu Angeboten fähiger Tagesmütter oder -väter hatten sich die Eltern von Anouk versprochen. Vergebens, wie sie sagen.

Während Böhmichens Hilferuf in den Untiefen der Leipziger Bürokratie zu verhallen scheint, fühlt sich die Familie von Hinz zu Kunz geschickt. "Was ist das eigentlich für eine Strategie?", wundert sich Anouks Vater, "unsere Kinder sind doch das beste Kapital der Stadt." Er könne es als Ur-Leipziger nicht verstehen, dass mit dem Thema so umgegangen wird. "Als Selbstständiger habe ich zehn Leute fest angestellt und zahle Steuern an die Stadt", ärgert sich Böhmichen. "Da hat man den Anspruch, auch mitreden zu dürfen."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.03.2013

Felix Kretz

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