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Erschütternde Geschichten beim Besuch in der Leipziger Grieg-Gedenkstätte

Erschütternde Geschichten beim Besuch in der Leipziger Grieg-Gedenkstätte

In die Grieg-Gedenkstätte Talstraße 10 war diese Woche Mrs. Irene Lawford-Hinrichsen aus London gekommen. In dem 1874 erbauten Haus hatte die Familie ihres Großvaters bis zum Zweiten Weltkrieg gelebt und gearbeitet.

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Irene Lawford-Hinrichsen in der Edvard-Grieg-Gedenkstätte.

Quelle: Andreas Döring

Leizig. Just in jenem Raum, in dem einst der junge Grieg ihrem Großvater und dessen Onkel Max Abraham vorspielte, erzählte sie jungen Leuten ein Stück ihrer Geschichte.

 60 Schüler der Henriette-Goldschmidt-Schule, dem Beruflichen Schulzentrum Sozialwesen der Stadt, sind gekommen. "Müssen mussten wir nicht", betont die angehende Erzieherin Daniela. "Aber interessiert hat es uns. Mrs. Lawford-Hinrichsen ist die Enkelin unseres Schulstifters."

 Und dann hängen alle an den Lippen der 78-Jährigen, als sie erzählt. Vom Großvater Henri Hinrichsen, der, 1868 in Hamburg geboren, Musikalienhändler und Verleger werden wollte. 1887 kam er in Leipzig in die Lehre bei seinem Onkel Max Abraham, dem Inhaber des Verlags C.F. Peters. Nach dessen Tod 1900 leitete er die Firma. 1898 heiratete Henri Hinrichsen Martha Bendix, mit der er später sieben Kinder zeugte.

 Max Abraham verfügte testamentarisch, dass die Bibliothek als Stiftung zugunsten der Stadt Leipzig verbleibt. Irene Lawford-Hinrichsen schildert, wie der Opa jenseits allen Verlegertums nach der Inflation die Kosten für deren Erhalt übernahm - weil die öffentliche Kasse leer war.

 Henri Hinrichsen stiftete das Musikinstrumentenmuseum der Universität, 1929 ernannte die ihn zum Ehrendoktor der Geisteswissenschaft. Mit Ehefrau Martha half er Pädagogin Henriette Goldschmidt (1825-1920), auch Frauen eine höhere Schulbildung zu ermöglichen: Die Hinrichsens riefen 1911 eine Stiftung für die damals erste Hochschule dieser Art in Deutschland ins Leben, Oberbürgermeister Rudolf Dittrich war dabei, als sie in der Königsstraße eingeweiht wurde. (Heute tragen Straße wie Schule den Namen Henriette Goldschmidts). Und dann kamen die Nazis mit ihrem Hass auf Juden: "Großvater dachte, ihn werde das nicht treffen. Aber bald durfte er die Schule nicht mehr betreten, nicht an der Jahrestagung der Henri-Hinrichsen-Stiftung teilnehmen", erzählt die Enkelin. "Die Uni sollte ihm den Ehrendoktortitel entziehen, was die aber taff nicht tat!"

 Ein fast ungläubiges Murmeln hier und da dann im Saal, als Lawford-Hinrichsen fortfährt, wie Juden ihre Führerscheine abgeben mussten, keine Fahrräder besitzen, nicht mehr zum Friseur gehen durften. "Großvaters Sohn Max, mein Vater, durfte eigentlich 1934 meine Mutter, die rein arisch und römisch-katholisch war, auch nicht heiraten. Sie taten es doch, gingen aber, ich war ein Jahr alt, 1937 besser nach London."

 In der Pogromnacht am 9. November 1938 verwüsteten Nazis den Verlag. Hinrichsen wurde gezwungen, ihn für einen lächerlichen Preis zu verkaufen, wobei der Staat ihm das Geld als "Judenfluchtsteuer" wieder abknöpfte. Fast mittellos seien die Großeltern 1940 nach Belgien emigriert. Ein Sohn, Hans-Joachim, kam im selben Jahr in einem KZ in Frankreich um. Oma Martha starb in Belgien 1941 - sie hatte als Jüdin kein Insulin für ihren Diabetes erhalten. Henri Hinrichsen fiel 1942 der Gestapo in die Hände, wurde in Auschwitz-Birkenau vergast. Insgesamt 14 Mitglieder der Familie überlebten den Holocaust nicht. "Dabei waren meine Großeltern damals ebenso deutsche Staatsbürger wie Eure Eltern es heute auch sind", berichtet Lawford-Hinrichsen.

 Irenes Vater Max gründete mit seinem Bruder Walter 1938 in London die Hinrichsen Edition Ltd., 1948 in New York die C.F. Peters Corporation. "Das war harte Arbeit, dabei ging die Ehe meiner Eltern kaputt", sagt Lawford-Hinrichsen und holt tief Luft: "Die Ära der Hinrichsens in Leipzig ist vorbei. Aber was sie hier schufen, bleibt hoffentlich erhalten. Und in mir lebt die Hoffnung, dass es nie wieder einen Holocaust gibt".

 "Erst dachte ich, ohje, was ist das denn für eine feine Dame. Aber sie wurde mir mit jedem Satz sympathischer, sie ist so authentisch", steht letztlich für die angehende Sozialwesen-Fachfrau Carmen fest. "Zwischen damals und heute liegt für uns so viel Zeit, doch wenn Frau Lawford darüber erzählt, wird das alles greifbar." Carmen ist es dann auch, die dem Gast aus London eine Spende der Schüler übergibt. Alle haben etwas dazugegeben, keiner am Ende gezählt. "Aber wir denken schon, dass sich Frau Lawford-Hinrichsen damit in ihrer Geburtsstadt einfach mal was Gutes tun kann." Das ist der offenkundige Herzenswunsch der jungen Leute.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.06.2013

Angelika Raulien

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