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Erster öffentlicher Gottesdienst seit 1938 an historischem Ort

Jüdische Wochen Erster öffentlicher Gottesdienst seit 1938 an historischem Ort

Jüdische Woche in Leipzig – gestern Abend hielt sie einen Höhepunkt bereit: Erstmals seit 1938 fand wieder ein öffentlicher Schabbat-Gottesdienst am Standort der ehemaligen Großen Gemeindesynagoge statt. Mehr als 100 Leipziger und Gäste fanden sich zu ein.

Ein Bild mit Seltenheitswert: Auf den bronzenen Stühlen der Gedenkstätte für die Große Gemeindesynagoge in der Gottsched-/Ecke Zentralstraße feierte die Israelitische Religionsgemeinde gestern Abend ihren Schabbat-Gottesdienst. Die Bereiche für Frauen (links) und Männer sind mit einer provisorischen Trennwand voneinander abgegrenzt.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Jüdische Woche in Leipzig – gestern Abend hielt sie einen Höhepunkt bereit: Erstmals seit 1938 fand wieder ein öffentlicher Schabbat-Gottesdienst am Standort der ehemaligen Großen Gemeindesynagoge in der Gottsched-/Ecke Zentralstraße statt. Die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig hatte an die Gedenkstätte eingeladen, mehr als 100 Leipziger und Gäste fanden sich zu dem Ereignis 19.30 Uhr ein, das Zsolt Balla leitete.

Das Ganze begann zunächst mit Tempotaschentüchern, die der Gemeinde-
rabbiner zum Schweißabwischen an die Seinen verteilte: Seit 18.45 Uhr waren sie am Vorbereiten. Ganz unorthodox wurden die 140 bronzenen Gedenkstühle mittig mit Leinwand getrennt, damit hier die Frauen, und da die Männer Platz finden. Langsam füllten sich auch beide Seiten, glücklicherweise warfen die umliegenden Häuser erste Schatten auf den vom Tag aufgeheizten Ort. Man kam aus unterschiedlichen Gründen: Nein, jüdisch seien sie und ihr Mann nicht, so Regina Rettel (62). „Aber uns interessiert das sehr.“ Sie wolle das jüdische Leben in Leipzig bestärken, so Angela Gräßler (64) und eher christlichen Glaubens. „Und ich bin aus Solidarität mit Israel hier“, sagte sie noch. Christa Werther (69) sagte: „Ich will ein Stück Schuld unserer Vorfahren mit abtragen.“ Als Jüdin zwischen ihnen saß die Dortmunderin Barbara Samuel (68), die in Leipzig das Licht der Welt erblickte und deren Vater, als er seinerzeit aus dem KZ Theresienstadt befreit worden war, zunächst in Leipzig landete. „Nur von der großen Gemeindesynagoge hier haben die Eltern kaum erzählt“, sagte sie.

Dabei zählte jenes Gotteshaus einst zu den bedeutendsten Synagogen der Stadt. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde sie zerstört. „Es war meine Synagoge!“, betrat gestern Abend eine  zierliche Dame den Boden, auf dem das Bauwerk einmal stand. „Ich kam am 10. November 1938 hier vorbei – und sie war weg! Die Beseitigung der Reste musste die jüdische Gemeinde noch bezahlen.“ Die damalige Fassungslosigkeit scheint Eva Wecksberg unvergessen. 93 sei sie jetzt. Aus Chicago angereist, wohin  sie mit Eltern und Bruder damals ausgewandert war. Als sie gestern auf einem der Mahnmal-Stühle Platz nahm, wanderte der Blick über alles. „Es berührt unglaublich“, meinte sie leise und entschuldigte mit tapferem Lächeln, dass Tränen aufzogen, als der Rabbiner Balla dann mit dem freitäglichen Schabbat-Gottesdienst begann – das Hauptgebet, von allen laut, dann von allen in sich gekehrt leise gesprochen. Ein Trauer-Kaddisch. Dann wieder die kraftvolle Stimme des Vorbeters. „Bis jetzt war Wochentag, nun ist Sabbat, wir fangen mit einem Lied an!“, so Balla kurz vor 20 Uhr. Mittenmang hieß er den Oberbürgermeister der Partnerstadt Herzliya, Moshe Fadlon, willkommen. Auch Leipzigs Bürgermeister Andreas Müller und Michael Faber. „Liebe Bürgermeister“, so Balla, „wir sind nicht hier, um etwas zu nehmen, sondern um etwas zurückzubringen, um die Stadt besser zu machen!“. Und, weil sich im Umfeld hinter Fenstern Gardinen lupften, rief Balla ins Revier: „Wir bedanken uns auch bei allen Nachbarn, die zuhören! Keine Sorge, dass wir dass hier fortan immer machen!“ Es sei nur einmal, jetzt – nach so vielen Jahren.

Angelika Raulien

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