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Lokales „Es begann im Alter von neun Jahren“
Leipzig Lokales „Es begann im Alter von neun Jahren“
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00:28 12.04.2018
Walter Christian Steinbach. Quelle: Foto: Armin Kühne
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Leipzig

Der Förderverein Völkerschlachtdenkmal e.V. wird in diesem Jahr 20. Im Interview spricht Walter Christian Steinbach (73), ehemaliger Pfarrer, Regierungspräsident a.D., Vorsitzender des Kuratoriums des Fördervereins, über seine lebenslange Beziehung zum Völkerschlachtdenkmal, wie es gelang, das Wahrzeichen nach 1990 neu in das Bewusstsein zu holen, und er denkt auch darüber nach, was die Zukunft bringen kann.

Das Völkerschlachtdenkmal ist für Sie so etwas wie eine dauerhafte Beziehung?

Walter Christian Steinbach: Das kann man sagen. Es begann im Alter von neun Jahren. 1953 besuchte ich mit meiner Schulklasse aus Großdeuben, etwa 25 Mädchen und Jungen, zum ersten Mal das Denkmal. Die vielen Stufen nach oben zu steigen war für mich ein bleibendes Erlebnis wie dieser Koloss insgesamt. Er war ja damals auch noch nicht so schwarz gefärbt, wie es die schädlichen Umwelteinflüsse in den Jahrzehnten danach bewirken sollten.

Der Koloss blieb in Ihrem Bewusstsein?

Eigentlich immer. Gab es Gäste bei uns, ob nun privat oder im Pfarramt von Rötha, gehörte der Besuch des Denkmals zum Pflichtprogramm. Wenn man dann sehr viel Glück hatte mit dem Wetter und vor allem mit der Windrichtung, dann sah die Landschaft von oben sogar mal so aus wie auf Wolfgang Mattheuers Gemälde „Das blaue Leipzig“, klar der Himmel, an ihm Kondensstreifen weniger Flugzeuge und unter uns das Wasserbecken, fast zum Bade einladend.

Sie mussten in den Jahren der DDR miterleben wie auch das Denkmal unter den Verhältnissen litt ...

Der Verfall des Denkmals mit seinen durch die Umwelt hervorgerufenen Schäden war ein sehr sichtbares Symbol für die Missachtung des Lebens im SED-Staat. Wie man weiß, begehrten wir im Leipziger Südraum mit verschiedenen Aktionen gegen die Umweltzerstörung durch die Braunkohleindustrie auf, unvergessen vor allem „1 Mark für Espenhain“ mit über 100 000 Sympathisanten. Das trug dazu bei, dass die DDR keine Zukunft haben konnte.

Im Herbst 1989 begann auch fürs Völkerschlachtdenkmal die neue Zeit, ohne dass diese in den folgenden Monaten und Jahren an ihm sichtbar wurde. Was war Ihrer Meinung nach die Initialzündung für dessen Rettung?

Anfang der 1990er-Jahre sprach mich in meiner Funktion als Regierungspräsident Gerd Langner vom ATV-Sportverein an. Wir sind der Verein im Schatten des Denkmals, wir müssten dafür etwas tun, sagte er nicht nur einmal zu mir. Er hat mich positiv genervt. Langners dringende Forderung lautete: So kann das mit dem Denkmal nicht weitergehen. Der schwarze Klotz war damals 80 Jahre alt und es war bekannt, dass immer wieder alpine Kletterer sich abseilen mussten, um dringlichste Schäden zu reparieren.

Bürger wie Langner wollten sich um das Denkmal kümmern, nicht die Stadtoberen. Können Sie das im Nachhinein verstehen?

Dass sich eine Bürgerinitiative gründete, spricht für den Geist in der Stadt Leipzig. Dass die offizielle Meinung dem Denkmal zunächst eher ablehnend gegenüberstand, kann ich aber auch nachvollziehen. Das Völkerschlachtdenkmal war schon kurz nach seiner Einweihung durch den Ersten Weltkrieg, das Kaiserreich auf Feldzug auch gegen Frankreich, in eine erinnerungskulturelle Schieflage geraten. Dieser Krieg war das erste fatale Ereignis für das Denkmal, ihm folgte die Naziherrschaft, in der es für die NS-Ideologie genauso missbraucht wurde wie es sich in der DDR die kommunistischen Machthaber zu Eigen machten. Insofern konnte ich verstehen, dass man nach 1990 erst einmal vorsichtig mit dem Denkmal umging. In jenen Jahren, in denen so viel im Wandel und beinahe jeder mit neuen Herausforderungen befasst war, spielte es eine untergeordnete Rolle. Auch dass es in den Herzen der Bürger trotz allem fest verankert war, wussten ja die neu in die Stadt und mit Verantwortung betrauten Leute noch nicht. In der Stadtverwaltung und bis in die Dienstberatung des Oberbürgermeisters dominierte sogar die Meinung, das Denkmal kontrolliert zusammenrutschen zu lassen.

Die Gründung des Fördervereins sorgte letztlich dafür, dass das nicht geschehen konnte.

Ohne den Förderverein und, das will ich noch mal betonen, ohne Gerd Langner und den Vorstand des ATV würde das Völkerschlachtdenkmal heute nicht so dastehen. Mit der Sanierung ging später die Uminterpretation einher, die vor allem Volker Rodekamp zu danken ist. Der Direktor des Stadtgeschichtlichem Museums war zunächst auch nicht gerade ein Freund des Denkmals. Dieses in die Reihe der europäischen Friedensdenkmäler zu stellen, ist sein Verdienst. Die geistige Neubewertung öffnete selbst heftigen Kritikern die Augen und sorgt seither für das neue zeitgemäße Image.

Vor diesem geistigen Durchbruch gab es den für die bauliche Instandsetzung. Wer ist dafür verantwortlich?

Ministerpräsident Kurt Biedenkopf. Dank ihm stellte der Freistaat 15 Millionen Mark, heute 7,5 Millionen Euro, für die Sanierung bereit. Diese Summe war der Grundstock für die Stiftung Völkerschlachtdenkmal, die bis heute hervorragend in Takt ist. Nach dem Freistaat bekannte sich der 2006 ins Amt gewählte Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung für das Denkmal. Für mich waren diese Weichenstellungen, dass eben alle Verantwortlichen endlich an einem Strang ziehen wollten, der Anlass, den Vorsitz des Kuratoriums des Fördervereins zu übernehmen. Wir konnten den zukunftsweisenden Beschluss auf den Weg bringen, dass es bei wichtigen Bauvorhaben folgende Finanzierung geben wird – je 40 Prozent vom Freistaat und von der Stadt und 20 Prozent durch den Förderverein.

Die Hauptarbeit für den Förderverein ist bald getan. So ein Bauwerk, man denke an den Kölner Dom, bedarf immer einer besonderen Zuwendung. Was stellen Sie sich vor?

Ich habe immer gesagt: Nach der Renovierung ist vor der Renovierung. Wenn die Renovierung abgeschlossen sein wird, ist der Beginn der Arbeiten schon wieder über 20 Jahre her. Mein Vorschlag ist es, eine europäische Jugendbauhütte einzurichten, die für das Denkmal tätig ist, aber auch an den Erinnerungsstätten des südlichen Schlachtfelds wirken kann. Dort bleibt noch viel zu tun. Eine Jugendbauhütte, auch vom Förderverein unterstützt, sollte den Gesamtkomplex der Völkerschlacht bei Leipzig in den Focus nehmen.

Von Thomas Mayer

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