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Es fährt kein Zug nach nirgendwo - Der Leipziger Hauptbahnhof ist abgehängt

Es fährt kein Zug nach nirgendwo - Der Leipziger Hauptbahnhof ist abgehängt

Der ICE nach Hamburg ist der letzte Zug, der den Leipziger Hauptbahnhof verlässt. Nach der Abfahrt um exakt 7.51 Uhr wirkt die riesige Halle wie ausgestorben. Niemand, der die Tauben mehr stört, die über die kalten Steinplatten laufen.

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Die Bahnsteige sind verwaist: Die meisten Reisenden nehmen die Vollsperrung gelassen.

Quelle: Andr Kempner

Leipzig. Nur das ohrenbetäubende Dröhnen eines Presslufthammers durchbricht dann und wann die Stille.

Dass seit dem Morgen keine Züge mehr fahren, muss Stephan Schieritz erst einmal verdauen. „Ich habe das nicht verfolgt“, gibt der Student zu. Ganz wach ist der 28-Jährige noch nicht. Er kommt gerade vom Gleis 17, wo er sonst immer in den Regionalexpress nach Halle steigt. Auf dem Fahrplan sucht er nun nach einer alternativen Verbindung. „Ich muss wohl mit der Straßenbahn bis zur Messe fahren und dort in den Zug steigen.“ Dass er die kommenden Tage eine Viertelstunde länger unterwegs sein wird, nimmt der Pendler in Kauf. „Wie sollte es anders laufen? Diese Arbeiten müssen nun einmal gemacht werden“, sagt er und macht sich auf den Weg zur Tram-Haltestelle.

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Leipzig. Es ist die längste Sperrung, die es zur Einbindung des neuen City-Tunnels bislang gab: Von Mittwochmorgen bis Sonntag fährt am Leipziger Hauptbahnhof kein Zug mehr. Die Verkehrsdrehscheibe wird für vier Tage komplett vom Netz abgeklemmt. "Der letzte Zug ist planmäßig um 7.51 Uhr abgefahren. Dann gingen gleich die Bauarbeiten los", erklärte Bahn-Sprecher Jörg Bönisch am Vormittag gegenüber LVZ-Online.

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In der Eingangshalle vertreibt sich unterdessen Gisela Alexander die Zeit. Die Fahrplanänderungen haben die Rentnerin „lauwarm getroffen“, wie sie sagt. „Es stand ja immer wieder in der Zeitung, aber letztlich habe ich die Sperrung dann leider trotzdem wieder vergessen“, gesteht die 66-Jährige. Sie ist froh, in diesen Tagen keine Weltreise vor sich zu haben. Aller Voraussicht nach kommt die Leipzigerin wahrscheinlich eine Dreiviertelstunde später in Chemnitz an. Dass das große Chaos bisher ausgeblieben ist, wundert sie. „Offenbar sind die Leute besser sortiert als ich.“

Am Infoschalter ein paar Schritte weiter herrscht Flaute. „Bisher kommen deutlich weniger Leute vorbei als sonst“, sagt Bahnmitarbeiter Hartmut Hanisch. Vor allem Fernreisende fragen ihn nach Verbindungen. „Nur sehr, sehr wenige sind von der Vollsperrung überrascht“, berichtet der 54-Jährige. „Einer hat gefragt, ob wir streiken, weil kein Zug zu sehen ist.“ Einige lange Gesichter gab es schon, aber zum Glück keine größeren Komplikationen. Das bestätigt auch Helga Döring, die den Reisenden an den Bushaltestellen bei der Suche nach den Schienenersatzbussen hilft. Sie versteht, dass Leute sauer sind. „Wir machen das Beste aus der Situation.“

Neben ihr wartet Martin Treiber ungeduldig auf seinen Bus nach Engelsdorf, wo er in den Zug nach Gerichshain umsteigen muss. „Er hätte eigentlich schon seit fünf Minuten da sein müssen“, beschwert sich der 28-Jährige, der bereits 20 Minuten länger unterwegs ist und nicht zur spät zur Arbeit kommen will. Dafür, dass bis Sonntagmorgen überhaupt keine Züge fahren, hat der Anlagenmechaniker wenig Verständnis. „Ich denke, dass man den City-Tunnel auch schrittweise hätte anschließen können.“

Nicht nur Busse, auch Straßenbahnen sorgen dafür, dass die Reisenden vorwärts kommen. 200 zusätzliche Fahrten bieten die Leipziger Verkehrsbetriebe täglich bis Freitag an. Am Samstag sind es 160. 15 Fahrer und sieben Straßenbahnen setzt das Unternehmen auf der Linie 16 Richtung Messegelände ein. Laut Sprecher Marc Backhaus ist der vorübergehende Fahrplan „sehr gut angelaufen“.

Ein positives Fazit zieht auch Bahnsprecherin Erika Poschke-Frost. „Wir sind bislang zufrieden. Es läuft alles glatt“. Die Vollsperrung eines so großen Kopfbahnhofes sei keine leichte Aufgabe. Schließlich muss der gesamte Bahnverkehr um Leipzig herum geleitet werden. Wer aus der Messestadt zusteigen möchte, muss Randbahnhöfe wie den an der Neuen Messe nutzen. Dort steigen die Fernreisenden zu, sofern sie nicht mit Bussen nach Halle, Bitterfeld oder Naumburg fahren müssen. Denn einige ICE auf ihrem Weg nach Berlin, München oder Köln machen nur dort Station. Die Bahn hätte gerne die Vollsperrung vermieden, wie ein Sprecher um Verständnis bittet. Da der Gleisverlauf im „erheblichen Umfang“ geändert, zahlreiche Weichen ausgetauscht und neue Programme dafür installiert werden müssen, „kommt aber nur diese Lösung in Frage“.  

Für die Ladenbesitzer in den Bahnhofspromenaden bedeuten  die Bauarbeiten weniger Kundschaft. Christoph Thomas lehnt nachdenklich am Geländer vor der Ludwig-Buchhandlung und wartet darauf, „dass der Tag vergeht“, wie er sagt. „Durch die Sperrung haben wir so gut wie keine Kunden“, klagt der Buchhändler. Dass der Bahnhof öfters dicht war, ist er gewohnt. „Aber normalerweise waren es ja nur kurze Sperrungen übers Wochenende“, sagt der 62-Jährige. Dass sein Geschäft die finanziellen Einbußen auffangen kann, bezweifelt er. Vor allem der Freitag, der Hauptreisetag, werde sich nun negativ im Kassenbuch niederschlagen.

Christin Gabriel aus dem Body Shop ist ebenfalls skeptisch. „Es gab schon öfters Einschränkungen im Bahnverkehr, das hat sich im Umsatz bemerkbar gemacht“, so die Filialchefin. Zum Glück sei das Wetter weniger berauschend. „An verregneten Tagen haben wir  normalerweise viel Laufkundschaft aus der Innenstadt. Das macht Hoffnung.“ Sie selbst sei super zum Bahnhof gekommen: „Mit dem Fahrrad, besser geht nicht.“

Andreas Dunte und Felix Forberg

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