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„Es fehlt an sozialer Kompetenz“ - Streetworker berichten über Probleme in Grünau

„Es fehlt an sozialer Kompetenz“ - Streetworker berichten über Probleme in Grünau

„Start Allee-Center“, steht auf der Homepage der Mobilen Jugendarbeit Leipzig. Von dort wird der Weg in den „Kübel“ beschrieben. In der Garskestraße 3 sitzen die Streetworker.

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Das Allee Center in der Stuttgarter Allee in Grünau

Quelle: André Kempner

Leipzig. Sie kennen die Probleme der Jugendlichen und das Problem mit ihnen im Stadtteil Grünau.  

„Es reicht fünf, sechs Jahre zurück, da kam ein Schub in die offenen Treffs“, berichtet Kerstin Zschuckelt, Projektleiterin und seit 1991 Jugendarbeiterin in Grünau. „Es kamen elf- oder zwölfjährige Kinder, bei denen bereits die Zähne ausgeschlagen waren. Die Schule haben sie nur selten besucht“, berichtet Streetworker Jan Kaefer. Manche könnten nicht einmal die Uhr lesen oder Schnürsenkel binden. Die Umgangsformen seien roh und gesundheitliche sowie hygienische Defizite bei einem Großteil dieser Kinder vorhanden. Es fehle an sozialer Kompetenz, Empathie und adäquaten Verhalten bei Konflikten – bis heute. „Junge Menschen, die in der kurzen Phase ihres Lebens bereits schlechte Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht haben“, erklärt Kaefer.  

Jetzt tauchten Jugendliche am Allee-Center auf und „bedrohen, beleidigen und belästigen die Leute“, sagt Uwe Voigt, Sprecher der Leipziger Polizei. Etwas drastischer drückten es der Quartiersrat Grünau und der Stadtbezirksbeirat in einem Brief an die Stadt in der vergangenen Woche aus. Im Schreiben ist von 50 Heranwachsenden die Rede, die sich regelmäßig am Eingang der Geschäftsmeile getroffen, dort Alkohol getrunken, Diebstähle begangenen und durch Vandalismus Schaden angerichtet haben. Die Grünauer bitten in dem Papier um eine verstärkte Kooperation.  

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Vogelperspektive auf das Allee Center.

Quelle: André Kempner

„Es muss mehr geben, als immer nur die Symptome zu bekämpfen“, sagt Jugendarbeiterin Zschuckelt. Zwei vollbeschäftigte Streetworker plus eine halbe Stelle haben die Mobilen Jugendarbeiter in Grünau – für insgesamt 45.000 Einwohner im Stadtteil. „Das reicht nicht aus“, sagt Kaefer. Die Streetworker in den offenen Treffs sind die ersten Ansprechpartner für die Jugendlichen. An Kinder richte sich das Angebot eigentlich nicht. „Doch wenn ein Elfjähriger mit seinen drei jüngeren Geschwistern, auf die er aufpassen muss, reinspaziert kommt, wird er nicht weggeschickt.“ Wenn diese Kinder dann von der Grund- auf die Mittelschule kommen, dann „ist ein hoher Prozentsatz von ihnen bereits beim Allgemeinen Sozialdienst (ASD) der Stadt bekannt“, sagt Kaefer. Deren Mitarbeiter seien komplett überlastet.  

Der ASD bestätigt, dass die Zahl der betreuten Familien und  Kinder zugenommen hat. Doch darauf sei mit mehr Personal reagiert worden. Aufgrund der aktuellen Ereignisse reagiert das Amt für Jugend, Familie und Bildung zurückhaltend, auf die Nachfrage von LVZ-Online.  

„Der ASD ist an der Kapazitätsgrenze“, sagt Joachim Triphaus, Leiter des Kinder-, Jugend- und Familienzentrums Grünau des Caritasverbandes Leipzig. Das liege an der 2009 begonnenen Umstrukturierung und dem eingeführten Rotationsprinzip beim Personal. Die Mitarbeiter des ASD müssten seitdem regelmäßig den Zuständigkeitsbereich wechseln. „Für die Familien und Kinder ist es schwer, so Vertrauen zu fassen, wenn sie einem Mitarbeiter alle zwei Jahre ihre Geschichte erzählen müssen.“  

„Seit Jahren wird sukzessiv alles runter gefahren“, erklärt Zschuckelt. Als Beispiel nennt die Projektleiterin der Mobilen Jugendarbeit, dass 2010 die Jugendpauschale durch den Freistaat um ein knappes Drittel gekürzt wurde. Die Stadt Leipzig habe das im kommunalen Haushalt nicht aufgefangen. Es besteht nicht nur das Problem, dass keine neuen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Die Jugend- und Sozialarbeiter fürchten sogar um ihren derzeitigen Bestand, obwohl die Situation in Grünau der Stadt bekannt sei.

Bereits 2009 ist unter Federführung der Caritas von engagierten Bürgern ein Konzept für die „Lückenkinder“ erstellt worden – zu groß für den Hort, zu klein für den Jugendclub. Der Arbeitskreis Grünau aus Sozialarbeitern sowie soziokulturellen Einrichtungen entwickelte Ideen und Lösungsvorschläge und schickte diese an das Jugendamt. „Doch eine Reaktion gab es nicht“, erklärt Triphaus vom Familienzentrum Grünau. Der Stadtteil habe teilweise enorme Probleme im Jugendbereich. „Ein Höchstmaß an Kindern, die die Förderschule besuchen und viele Schulabbrecher“, so der Zenrtumsleiter. Die Bürger Grünaus schauen nicht weg. Auf freiwilliger Basis engagieren sich zahlreiche Menschen. „Es fehlt an der Mittelzuweisung“, sagt Triphaus. „Letztendlich geht es immer ums Geld“, erklärt auch Zschuckelt.

Doch ein Spiel nach dem  Schwarzen-Peter-Prinzip solle nicht betrieben werden. Schließlich saßen bereits alle an einem Tisch: ASD, Quartiersrat, Quartiersmanagement, Sozialarbeiter, Stadtbezirksbeirat, Händlergemeinschaft und Polizei. Wie bereits im Sommer 2012, als die Fälle um die Jugendbande bekannt worden. Doch das sei dann im Sande verlaufen.  

Die strafrechtliche Verfolgung sei ohnehin schwierig. „13-jährige Kinder sind nicht strafmündig. Klar kriegen die einen Schluck aus der Pulle von den Großen ab“, so Voigt. Die Polizei könne diese Symptome nur teilweise bekämpfen und etwa ein Alkoholverbot nicht allein durchsetzen. Würden die Beamten an einer Stelle Präsenz zeigen, dann zögen die Heranwachsenden einfach zum nächsten Ort.  

Wie genau sich die Jugendkriminalität in den letzten Jahren in Grünau entwickelt hat, darüber will die Polizei keine Auskunft erteilen. Durch das Staatsministerium des Inneren (SMI) sei man angehalten, keine Zahlen zu veröffentlichen die auf einen Stadtteil runtergebrochen sind. „Dadurch könnte ein Stadtteil zu negativ belastet werden“, sagt Voigt. Das SMI wolle so verhindern, dass Bürger abgeschreckt werden, dorthin zu ziehen. Nur so viel will der Polizeisprecher sagen: von einer Bande, wie bei den Zwillingen wolle man nicht sprechen. Bei den Kindern und Jugendlichen am Allee-Center handele es sich um eine lose Gruppierung.  

„Das Allee-Center hat unter ihnen Kultcharakter“, sagt Streetworker Kaefer. „Es ist einfach ein Treffpunkt für eine Clique, so wie es im Sommer der Palmgarten ist.“ Dabei sei das keine heterogene Gruppe, manche unter ihnen gehen aufs Gymnasium. Die seien jetzt empört, durch die Berichte als Kriminelle hingestellt zu werden.

Matthias Pöls

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