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Lokales „Es sind noch ein paar Substanzen im Rennen“
Leipzig Lokales „Es sind noch ein paar Substanzen im Rennen“
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06:03 25.07.2018
Gedächtnisforscher Professor Andreas Papassotiropoulos (47) von der Universität Basel. Quelle: privat
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Leipzig

Wie bewertet die Fachwelt die Eigeninitiative der Angehörigen und Betreuer des Leipziger Alzheimer-Patienten Fritz Will? Im Interview mit LVZ.de spricht Andreas Papassotiropoulos, Professor für Molekulare Neurowissenschaften an der Universität Basel, über Chancen und Risiken der Bewegungstherapie sowie über aktuelle Entwicklungen in der Alzheimer-Forschung.

Was passiert in den Momenten, in denen Alzheimer-Patient Fritz Will sich für Sekunden an der Stange beziehungsweise für kurze Zeit im Sattel eines trabenden Pferdes halten kann?

Obwohl die Alzheimer-Demenz (AD) eine fortschreitende Erkrankung ist, sind nicht alle Teile des Gehirns gleich betroffen. Zuerst werden diejenigen Regionen des Gehirns in Mitleidenschaft gezogen, die für unser bewusstes Kurzzeit-Erinnern verantwortlich sind, so zum Beispiel der Schläfenlappen und der Hippocampus. Erlernte Bewegungsabläufe wie im Fall von Fritz Will werden in anderen Hirnregionen gespeichert; etwa im Kleinhirn, das spät im Verlauf der AD und eher mild betroffen ist. Mit genügend Zuspruch und der adäquaten Motivationstechnik können diese Bewegungsabläufe reaktiviert werden. Wichtig ist hierbei zu wissen, dass das Kleinhirn mit Strukturen des Gehirns, die für unsere Gefühlswelt von Bedeutung sind, direkt verbunden ist. Wenn also angenehme und mit positiven Emotionen verbundene Aktivitäten – im Fall von Fritz Will das Gerätturnen und Reiten – wieder aufgenommen werden, so führt dies zu einer gleichzeitigen Aktivierung dieser Hirnstrukturen und in der Folge zu Gefühlen wie Freude und Vertrautheit. Vereinfacht gesagt: Fritz Will fühlt sich bei der Wiederaufnahme von körperlichen Aktivitäten, die in seinem Leben eine große Rolle gespielt haben und positiv behaftet sind, einfach wohl.

Wie bewerten Sie den Bewegungstherapieansatz, den die Angehörigen für Fritz Will gewählt haben?

Mit fortschreitender Demenz nimmt leider auch die Bewegungsfähigkeit stetig ab. Dieser Behandlungsansatz dient dazu, die drohende Immobilität möglichst abzuwenden. Das ist tatsächlich sehr wichtig, wenn auch teilweise aufwendig, wie im Fall von Fritz Will zu sehen ist. Wichtig ist, dass die Bewegung in einer Art und Weise durchgeführt wird, die von den Patienten nicht als Stress empfunden wird. Zudem können im höheren Alter gewisse Bewegungen schmerzhaft sein. Da sich Patienten oft nicht adäquat mitteilen können, ist hier besondere Vorsicht geboten. Es gilt also immer, die für jede Patientin/jeden Patienten richtige Form der stress- und schmerzfreien Bewegung zu finden.

Womit ist die signifikante Zunahme von Alzheimer-Erkrankungen in den zurückliegenden 15, 20 Jahren zu erklären?

Die wichtigste Ursache liegt in der deutlichen Zunahme der durchschnittlichen Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten. Einfach ausgedrückt: Wir werden immer älter. Da das Risiko, an einer AD zu erkranken, mit zunehmendem Alter steigt, ist es also zwangsläufig, dass wir diese Zunahme zu verzeichnen haben. Hinzu kommt, dass aufgrund der erhöhten Sensibilität für das Thema und der verbesserten diagnostischen Methoden mehr und früher AD-Diagnosen gestellt werden.

Wann bekommt die Medizin Alzheimer in den Griff?

Es handelt sich um eine sehr komplexe Erkrankung des Gehirns, die neurologische und psychiatrische Symptome aufweist und zudem fortschreitend ist. Die heutigen therapeutischen Ansätze vermögen nur die Symptome zu lindern, ändern aber wenig an ihrem Verlauf. Um Alzheimer in den Griff zu bekommen, müsste man kausale Therapien entwickeln, die die Krankheit entweder signifikant verlangsamen oder – im Idealfall – komplett aufhalten. Obwohl seit Jahrzehnten mit großem Einsatz daran geforscht wird, gestaltet sich die Suche nach der kausalen Therapie schwierig, da die Ursachen für die Entwicklung einer AD vielfältig und komplex sind. Daher wäre eine Vorhersage, wann wir endlich diese Krankheit wirklich in den Griff bekommen, unseriös. Ich hoffe, dies erleben zu können.

Wie steht es um die Entwicklung entsprechender Medikamente?

Bisher sind alle Ansätze der Entwicklung einer kausalen Therapie leider gescheitert. Es sind allerdings noch ein paar Substanzen – Antikörper gegen ein körpereigenes toxisches Eiweiß – im Rennen, die sich in der Phase der Erprobung befinden. Für einen dieser Antikörper werden wir in zwei Jahren wissen, ob er wirksam ist, da dann zwei groß angelegte klinische Studien ihre Resultate präsentieren werden. Man darf gespannt sein. In der letzten Zeit hat sich zudem die Einsicht durchgesetzt, dass eine Kombination von verschiedenen Medikamenten – und nicht etwa eine Monotherapie – wahrscheinlich notwendig sein wird, um die Krankheit zu bekämpfen.

Welche Anzeichen sprechen in der Regel für den Ausbruch einer Alzheimer-Demenz?

Klassischerweise beginnt die Erkrankung mit zunehmenden Problemen des Kurzzeitgedächtnisses und der räumlichen Orientierung. Andere Symptome wie Sprachstörungen und Verhaltensauffälligkeiten können sich hinzugesellen oder auch einzeln auftreten. Allgemein ist das klinische Bild der beginnenden Erkrankung durchaus vielfältig und es gibt kein Symptom, das als Beweis herangezogen werden kann.

Was sollten die Angehörigen dann tun?

Ein offener Umgang mit Ängsten und Sorgen ist zentral. Bei einem entsprechenden Verdacht sollten sich die Betroffenen an eine spezialisierte Gedächtnisambulanz wenden, damit die geeigneten diagnostischen Maßnahmen initiiert werden können. Nach wie vor handelt es sich bei der AD um eine sogenannte Ausschlussdiagnose. Das bedeutet, dass vorher andere Erkrankungen wie zum Beispiel Depression, Stoffwechselerkrankungen, Durchblutungsstörungen des Gehirns ausgeschlossen werden müssen, bevor die Diagnose der wahrscheinlichen Alzheimer-Demenz gestellt werden darf. Und tatsächlich: Nicht immer ist die AD für Gedächtnisprobleme im Alter verantwortlich zu machen. Ganz ähnliche Symptome können beispielsweise durch eine depressive Erkrankung bedingt sein. Und diese ist sehr wohl behandelbar.

Von Dominic Welters

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