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Ex-Graffiti-Sprayer: „Ich bin nicht stolz drauf“

Aus der Szene Ex-Graffiti-Sprayer: „Ich bin nicht stolz drauf“

Grafitti sprühen war früher mit mehr Innovation verbunden, so ein ehemaliger Sprayer im LVZ-Interview. Er berichtet aus der Szene und seiner aktiven Zeit.

Graffiti an einer S-Bahn in Leipzig

Quelle: Martin Pelzl

Leipzig. „Oh, das ist ja ein ,whole train‘“, sagt Marc* beim Betrachten der jüngst in der LVZ veröffentlichten Aufnahme von einer völlig zugesprayten S-Bahn in der City-Tunnel-Station Leuschnerplatz. „Whole train“ ist Sprayer-Slang und meint einen von oben bis unten komplett besprayten Zug. Marc – 37, im Großraum Leipzig wohnhaft – war bis vor knapp 20 Jahren in der mitteldeutschen Graffiti-Szene kein Unbekannter. In der Generation nach der in Insiderkreisen bekannten Gruppe East Side Family. Jetzt stellt er sich erstmals Fragen eines Journalisten und gewährt Einblicke in eine verschwiegene Szene.

Dass er vom Fach kommt, merkt man schnell. „Die Initialen IMR gehören zur Crew (deutsch: Gruppe) Immortals – die Unsterblichen. Die Mitglieder sind im Durchschnitt so fünf Jahre jünger als ich und sind derzeit vermutlich die Coolsten der Szene in der ganzen Gegend“, erklärt er. Züge besprühen gelte als Königsdisziplin, weil dies am gefährlichsten ist.

Die benötigten Utensilien sind dabei deutlich preiswerter zu haben als allgemein vermutet. „Es gibt extra große Sprühdosen für die Szene. In den Baumarkt geht da keiner“, sagt Marc. Die doppelte Menge Farbe als gewöhnlich gebe es so zwischen vier und sechs Euro. Hinzu kämen sogenannte Fat Caps – Sprühaufsätze in 30 verschiedenen Varianten im Cent-Bereich –, mit deren Hilfe die Breite des Sprühstrahls zumeist vergrößert werden kann.

100 Euro für einen S-Bahn-Waggon

„Solch ein Wagen wie auf dem Foto kann für rund 100 Euro besprüht werden“, schätzt er. Als benötigtes Zeitfenster für die komplette S-Bahn vermutet Marc bei rund zehn beteiligten Personen nicht mehr als 20 Minuten. „Im Vorfeld checkst du ja alles aus und machst eine Skizze. Das geht dann alles sehr schnell.“ Die Grundierung erfolgt heute nicht mehr wie noch im Sprayer-Kultfilm „Beat Street“ mit normaler Farbe, sondern per Lack aus der Dose. „Beidhändig bekommt man solch eine große Fläche in kürzester Zeit voll“, weiß Marc.

Das Einstiegsalter in die Graffiti-Szene liegt wie einst bei ihm selbst so zwischen 14 und 16 Jahren. „Sie kommen querbeet aus einer ganzen Bandbreite von Elternhäusern, sind aber alle fit in der Birne“, sagt er. Vor 20 Jahren habe es aber deutlich mehr Sprayer gegeben. Aus den meisten sind nach ihrer „aktiven Zeit“ Designer oder ganz normale Facharbeiter geworden. Marc hat erfolgreich ein Hochschulstudium abgeschlossen.

Er selbst wird vor rund 20 Jahren beim Zugsprühen von der Polizei erwischt – am hellerlichten Tag. Busting – erwischt werden – nennt man dies in der Szene. „Das Timing war eigentlich ganz gut, doch ein später ankommender Kumpel hat das Ganze verzögert“, erinnert sich Marc. Es folgen ein paar Stunden Einzelzelle, ein halbwegs stinkiger Vater, der ihn abholt, und später eine ganze Reihe von Arbeitsstunden, zu denen er verurteilt wird. „Da ich noch nicht volljährig war, lief es darauf hinaus.“ Nicht vergessen werde er allerdings die Panik vor der Entdeckung seiner „Black Books“, seiner Skizzenbücher.

Ostdeutsche Szene in Berlin, Leipzig/Halle und Dresden

Ein, zwei Jahre hat er danach noch weiter Züge besprüht, dann wechselten die Interessen. Die letzte Can (Sprühdose) hält er vor etwa zehn Jahren in den Händen. „Heutzutage sind die Zug-Graffiti meist nicht besonders anspruchsvoll, damals gab es mehr Innovation“, lautet Marcs Einschätzung, der manchmal noch um Rat gefragt wird. Früher sei die Szene auch viel mehr mit Hip-Hop-Musik verwoben gewesen, heute hörten Sprayer auch Heavy Metal. Ingesamt gehöre die ostdeutsche Szene mit Berlin, Leipzig/Halle und Dresden „aber nach wie vor zu den krassesten“ in ganz Deutschland, sei bundesweit eine regelrechte Hochburg.

Was würde er seinem Sohn zum Thema Graffiti raten? „Das müsste er selber rausfinden und sich damit auseinandersetzen“, sagt Marc. Bei ihm kribbele es nicht mehr in den Fingern. „Ich bin nicht stolz drauf“, erklärt er. Angesichts viel zu vieler visueller Reize überall finde er das Sprühen mittlerweile auch nicht mehr so sinnvoll. Aber andere Dinge seien ihm peinlicher. Es gebe eben auch viele schöne Erinnerungen. Letztlich sei Graffitisprühen eine vergleichbare Jugendbewegung wie einst der Rock ’n’ Roll und der Punk. Nicht ernst nehmen könne er Leute, die sich später als geläutert geben.

Würde er rückblickend etwas anders machen? „Schneller wegrennen.“ Vermisst er etwas? „Wenn, dann das Format“, sagt Marc. Übrigens sei die Übertragung vom Skizzenblock auf große Flächen durchaus eine beachtliche geometrische Leistung.

*Name geändert

Martin Pelzl

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