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Ex-Verkehrsplaner: „Das ist endlich einmal etwas Visionäres“

2. Leipziger City-Tunnel Ex-Verkehrsplaner: „Das ist endlich einmal etwas Visionäres“

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) hat sich dafür ausgesprochen, den Bau einer Ost-West-Tunnelröhre für die S-Bahn von Plagwitz bis Anger-Crottendorf zu prüfen. Bei gestandenen Verkehrsplanern wie dem promovierten Sellerhäuser Wolfgang Grahl sorgen diese Ankündigungen für Erleichterung.

Der Verkehrsplaner im Ruhestand Wolfgang Grahl aus Sellerhausen hält Projekte wie einen zweiten City-Tunnel für notwendig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) hat sich dafür ausgesprochen, den Bau einer Ost-West-Tunnelröhre für die S-Bahn von Plagwitz bis Anger-Crottendorf zu prüfen. Auch den Bau einer Entlastungsstraße unter dem Auwald im Süden von Leipzig hat er ins Gespräch gebracht (die LVZ berichtete). Bei gestandenen Verkehrsplanern wie dem promovierten Sellerhäuser Wolfgang Grahl sorgen diese Ankündigungen für Erleichterung. „Endlich könnte es mit dem Stillstand bei der Planung von visionären Verkehrsprojekten vorbei sein“, sagt der Experte im Ruhestand, der unter anderem an den Planungen für Leipzigs Maximilianallee, für die Autobahn-Südtangente und den City-Tunnel mitgearbeitet hat. „Jetzt müssen aber auch zügig Nägel mit Köpfen gemacht werden.“

Grahl war zu DDR-Zeiten fast 25 Jahre Leiter des Büros für Verkehrsplanung des Bezirkes Leipzig und nach der Wende Referatsleiter für Verkehrsplanung im Regierungspräsidium. Für ihn ist es keine Frage, dass der Bau der neuen Leipziger Verkehrsinfrastruktur den Aufschwung der Stadt entscheidend vorangetrieben hat. Projekte wie die Komplettierung des Autobahnrings, der großzügige Ausbau des Flughafens und die Aufwertung des S-Bahn-Netzes durch den City-Tunnel hätten die zahlreichen Wirtschaftsansiedlungen und die neuen Arbeitsplätze möglich gemacht, die heute Leipzigs Aufschwung stützen, meint der 86-Jährige. Deshalb habe es ihn lange Zeit geärgert, dass nach der Inbetriebnahme des City-Tunnels im Dezember 2013 keine großen Verkehrsprojekte angeschoben wurden. „Im Leipziger Rathaus fehlen Leute mit Visionen“, stand für den gebürtigen Leipziger lange Zeit fest. „Es wird nur verwaltet und Neues verhindert.“

Seit Jungs Ankündigung hat er Hoffnung, dass Leipzigs Stadtverwaltung die Zeichen der Zeit erkennt. Jetzt brauche es verkehrstechnische- und bautechnische Untersuchungen sowie Umweltverträglichkeitsstudien, damit in nicht allzu ferner Zeit ein Planfeststellungsverfahren zustande kommt. „Auch Leipzigs Großprojekte nach der Wende sind nur so schnell entstanden, weil es für sie einen jahrzehntelangen Vorlauf gab“, gibt er den Machern von heute mit auf den Weg. „Diese Pläne haben wir nach der Wende aus unseren Schubladen geholt.“ Für Leipzigs heutige Südautobahn A 38 habe er schon im 1973 eine Denkschrift verfasst – 16 Jahre vor der Wende. „Damals haben dort die meisten gesagt, dass wir DDR-Verkehrsplaner spinnen. Aber einige haben gesagt, der Grahl hat Recht.“

Lange vor der Wende habe man zum Beispiel mit den Mitarbeitern der Ingenieurzentrale Böhlen die Trassenführung der Autobahn-Südtangente abgestimmt, um weitestgehend auf gewachsenem Boden bauen zu können. Dadurch wurde es später möglich, Leipzigs Autobahnring im Süden zu verträglichen Baukosten zu schließen. 1990 habe die neue Autobahn-Südtangente gleich in den Bundesverkehrwegeplan aufgenommen werden können. „Überall hat man damals gestaunt, mit welchem Elan wir unsere Verkehrsinfrastruktur aufbauen“, erinnert sich der promovierte Ingenieur. „Und als dann die Tagebaurestlöcher gestaltet wurden, konnte zum Beispiel an der ehemaligen Tagebau-Ausfahrt Markkleeberg – Wachau am Ende der ehemaligen F 95 – die Erde gleich dort verkippt und lagenweise verdichtet werden, wo heute die neue Südautobahn verläuft.“ Heute sei die A­ 38 eine nicht wegzudenkende wichtige Verkehrsverbindung.

Auch die Planungen für den Leipziger City-Tunnel hätten schon Jahrzehnte vor der Wende begonnen. „Damals war den Verkehrsplanern der Stadt Leipzig klar gewesen, dass sie eine Art ,mission impossible‘ vorantrieben, weil es weder die Baukapazitäten noch die Finanzmittel für so ein gewaltiges Projekt gab“, so Grahl. „Aber es wurden Zeichnungen und Kostenrechnungen angefertigt und eine riesige Menge von Plänen erstellt. Nach der Wende haben die Leipziger Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube und Wolfgang Tiefensee das Projekt aufgegriffen. Zusammen mit dem Stadtbaurat Engelbert Lütke Daldrup blieben sie 13 Jahre am Ball – im Hintergrund immer die städtischen Verkehrsingenieure als Überzeugungstäter – stritten sie hartnäckig um die Förderung des Bundes und des Landes und ließen nicht locker, um die Leipziger vom Nutzen des Projektes zu überzeugen.“

Für Grahl ist anschließend unverständlicher Stillstand eingetreten. „Die Stadt hat vor allem Schulen und Kindergärten gebaut und einige Straßen rekonstruiert – also vor allem Daseinsfürsorge und Substanzerhalt betrieben“, sagt er. Der Bau einer weiteren S-Bahn-Tunnelröhre von Plagwitz nach Anger-Crottendorf und vielleicht die Bahn-Variante der Südosttangente, die im Stadtentwicklungsplan als Freihaltung enthalten ist, wären „endlich einmal etwas Visionäres, das erhebliche Verkehrsverbesserungen zur Folge hätte“, freut sich der Experte aus Sellerhausen.

Was muss man tun? „Das Baudezernat muss Planungsaufträge an Ingenieurbüros erteilen und mit Elan und Überzeugung hinter diesen Projekten stehen“, so Grahl. „Leipzig braucht wieder Menschen, die mit Herzblut und Leidenschaft an solchen Projekten arbeiten. Nur dann kann in absehbarer Zeit wieder mit Infrastrukturverbesserungen gepunktet werden.“

Von Andreas Tappert

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