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Lokales Exklusive Einblicke in den Stasi-Bunker unter dem Leipziger Matthäikirchhof
Leipzig Lokales Exklusive Einblicke in den Stasi-Bunker unter dem Leipziger Matthäikirchhof
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12:00 01.09.2017
Endlos lange Gänge finden sich in den bunkerartig angelegten Kellern unter einem Flachbau im Matthäikirchhof. Quelle: Fotos: André Kempner
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Leipzig

 In der Debatte um die Zukunft des Matthäikirchhofs zeichnen sich jetzt deutliche Kompromisslinien ab. Am Mittwochabend sprachen der Bau- und Kulturausschuss in einer nicht-öffentlichen Sitzung über eine Vorlage, die der Stadtrat am 20. September behandeln soll (die LVZ berichtete). Laut Teilnehmern machte Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) bei der Gelegenheit klar, dass nicht das ganze Areal zum Aufbau eines Forums für Freiheit und Bürgerrechte (so der Arbeitstitel) dienen soll.

Im ersten Schritt solle aber dem Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen ein Teil-Stück des Matthäikirchhofs als Standort für ein neues Archiv angeboten werden. In diesem Archiv könnten alle sächsischen Unterlagen, die dem DDR-Geheimdienst abgenommen wurden, dauerhaft gelagert und erschlossen werden. Sofern die Behörde von Roland Jahn die Idee unterstützt und auch der Bundestag zustimmt, würde die Stadt später die gesamten 1,6 Hektar zwischen Großer Fleischergasse und grünem Promenadenring entwickeln. Andernfalls bleibe das Gelände – immerhin die Wiege der Stadt Leipzig, wo die im Jahr 1015 erstmals schriftlich erwähnte Burg „urbe Libzi“ stand – eine Vorbehaltsfläche für bedeutende Ansiedlungen. Die Verwaltung scherzt da gern vom Landtag für ein künftiges Bundesland Mitteldeutschland.

Unter dem Matthäikirchhof im Leipziger Zentrum ruht er, fast unangetastet, ein Bunker der Staatssicherheit. Auch noch nach 27 Jahren verströmt das Gelass des Geheimdienstes eine spröde DDR-Aura. (Bilder: André Kempner)

Wer heute am Matthäikirchhof vorbeiläuft und schon etwas älter ist, fühlt sich stark an die letzten DDR-Jahre erinnert. In den Achtzigern errichtete das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) dort einen Neubau zur Vergrößerung seiner Leipziger Bezirksverwaltung, zugleich zog das Innenministerium nebenan identische Blöcke für die Volkspolizei hoch. Letztere stehen schon ewig leer (in der Grafik grün markiert). Anders aber die frühere Stasi-Zentrale, deren Blöcke (lila) vom Gesundheitsamt und weiteren kommunalen Einrichtungen genutzt werden. Die Blöcke genießen keinen Denkmalschutz. Nur ein 1998 aufgestellter Gedenkstein in der Kleinen Fleischergasse erinnert daran, dass sich hier jahrhundertelang eine der wichtigsten Kirchen von Leipzig befand.

Im Hof der DDR-Blöcke steht ein riesiger Flachbau (gelb), in dem Stasi und Polizei ihre Küchen und Kantinen, auch eigene Läden betrieben, berichtet Tobias Hollitzer vom benachbarten Museum in der Runden Ecke. Bis 2016 war der Flachbau eine Disco. Hollitzer und andere DDR-Bürgerrechtler interessieren sich freilich viel mehr für das, was unter dem Flachbau verborgen ist: ein mehrgeschossiger Bunker mit endlos langen Gängen und Dutzenden Räumen. „550 hauptamtliche Stasi-Leute sollten hier im Ernstfall unterkommen – es war das Pendant zum Führungsbunker in Machern.“ Mit Aktivkohle-Lüftung, Notstromaggregaten, Wassertanks, Doppelstock-Betten und Geheimausgang sei das Untergrundquartier so in Beton gegossen worden, dass die Unterdrückung und Bespitzelung der Einwohner sogar bei einem Atomschlag oder Bürgerkrieg hätte fortgesetzt werden können. An einer der Eisentüren klebt aber noch ein Siegel jenes Bürgerkomitees, das sich bei der Besetzung der Leipziger Stasi-Zentrale am 4. Dezember 1989 gründete.

Ob das Bürozimmer von Stasi-General Hummitzsch, die MfS-Poliklinik, ein Brieföffnungszentrum oder das „Horchturm“ genannte Treppenhaus: Alle jene Orte, die den Bürgerrechtlern als Original-Zeugnisse „der Repression, aber auch der demokratischen Selbstbefreiung“ besonders wichtig sind, befinden sich im Stasi-Teil der DDR-Blöcke. Genau wie der Bunker sollten sie erhalten bleiben und thematisch genutzt werden, so Hollitzer.

Die Grünen stellten am Donnerstag einen Änderungsantrag zur Ratsvorlage. Aus ihrer Sicht könnten die Polizei-Blöcke und der Flachbau in jedem Fall weg, so Fraktionschefin Katharina Krefft. „Wir wollen ein lebendiges, vielseitiges Viertel.“ Dabei reiche es völlig aus, wenn für das neue Aktenarchiv und das Freiheitsforum ein Drittel des Gesamtareals zur Verfügung gestellt würden – und zugleich für das gesamte Gelände eine Quartiersentwicklung „mit breiter Bürgerbeteiligung von Anfang an“ beginnt, sagte sie.

Von Jens Rometsch

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