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Lokales Fall der Mauer rettete Denkmalbauten vor dem Einsturz
Leipzig Lokales Fall der Mauer rettete Denkmalbauten vor dem Einsturz
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20:41 18.04.2014
Perle im See: Schloss Klaffenbach bei Chemnitz. Quelle: Schloss klaffenbach

Es gibt aber auch Verluste: Was schon vor zwanzig Jahren ruinös war, ist kaum noch zu retten. Über 4000 Gebäude wurden seit 2000 abgerissen.

Es klingt absurd und ist auch paradox, gilt aber als belegbar: Wie viele ostdeutsche Städte haben auch die in Sachsen nach dem Zweiten Weltkrieg aus denkmalpflegerischer Sicht Glück gehabt. Trotz der Versuche, ihnen baulich ein sogenanntes sozialistisches Antlitz zu geben. Und natürlich abgesehen von Dresden und Chemnitz, die kurz vor Kriegsende durch alliierte Bombenangriffe weitgehend zerstört wurden. Doch viele Altstadtkerne sind heute wieder intakt und detailreich saniert. Sie blieben von der Modernisierungswelle der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts verschont, die viele Städte im Westen umkrempelte.

Inzwischen blickt man von dort etwas neidisch auf die historischen Stadtkerne wie in Görlitz, Freiberg und Grimma oder die intakten Gründerzeitviertel wie in Leipzig. "Die deutsche Einheit kam gerade noch rechtzeitig, um viele Bauten vor dem Einsturz zu retten", sagt Michael Kirsten, Stellvertreter der Landeskonservatorin und Chefgebietsdenkmalpfleger im Landesamt. Weil es in Sachsen den Status des Flächendenkmals nicht gibt, ist jedes schützenswerte Haus einzeln aufgeführt. Insgesamt 103 608 Einzelpositionen weist die Denkmalliste auf. Das geht aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Landtag hervor. Zum Vergleich: In Sachsen-Anhalt sind es 38 000. In Thüringen tragen 26 300 Gebäude und 900 Bauensembles das blauweiße Denkmalschild.

Leipzig ist die Stadt in Sachsen mit den meisten Denkmalbauten. 14 028 Gebäude sind geschützt. In Dresden sind es nur 9351, in Chemnitz gar nur 3426. Görlitz ist der Landkreis mit den meisten Kulturdenkmalen. 14 543 Häuser haben Denkmalwert. In Mittelsachsen sind es 9852, im Kreis Bautzen 8848, in der Sächsischen Schweiz und im Osterzgebirge 8475. In Nordsachsen sind mit 3891 die wenigsten geschützt. "Was nach 1990 saniert wurde, ist in einem vernünftigen Zustand", sagt Kirsten.

Dennoch spricht Volkmar Zschocke, Landesvorsitzender der Grünen, von einer "Spirale aus Verfall und Abriss", die aufgehalten werden müsse. Er beklagt, dass in den letzten 13 Jahren über 4000 Kulturdenkmale abgerissen wurden und kritisiert: "Hier wird Identität abgerissen, Sachsen verliert an Ausstrahlung." Die meisten geschützten Gebäude wurden mit 862 in Leipzig abgerissen. Der Kreis Leipzig verlor seit 2000 genau 567 Gebäude mit Denkmalstatus, der Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 368, Mittelsachsen 348, Görlitz 334. In Dresden gab es mit nur 84 Bauten in diesem Zeitraum die geringste Zahl der Abrisse. Ein Grund für die Verluste sei auch, dass das Bund-Länder-Programm Städtebaulicher Denkmalschutz in den letzten fünf Jahren halbiert worden sei, so Zschocke. Anstatt gegenzusteuern, habe die Staatsregierung ihr eigenes Landesprogramm für Kulturdenkmale im gleichen Zeitraum von zwölf auf fünf Millionen Euro zusammengestrichen.

Denkmalpfleger Kirsten bestätigt den bedenklichen Zustand auch einiger Schlösser und Herrenhäuser. "Übrig geblieben sind geschädigte Objekte, die auch 1990 schon sanierungsbedürftig waren", erklärt er. Deren Zustand habe sich in den letzten 20 Jahren stark verschlechtert. Sie hatten die DDR-Zeit überlebt, aber dann keinen Eigentümer gefunden. "Damals waren sie als Krankenhäuser und Heime genutzt worden. Sie wurden zwar baulich verändert, aber durch die Nutzung auch erhalten", sagt der Denkmalpfleger. Leerstehend würden die Gebäude aber schnell verfallen. Das liege auch daran, dass sich manche Eigentümer verspekuliert hätten und kein Interesse mehr zeigten. Oft fehle in der Kommune auch das Interesse am Erhalt. Man sehe nur die Ruine und nicht den Wert des einstigen Gebäudes. So ging das Schloss Großzschepa verloren. Mit dem Schloss Schönwölkau bei Leipzig verfällt ein bedeutender Barockbau, weil der Eigentümer kein Nutzungskonzept hat. Auch Herrenhäuser wie das in Wäldgen sind kaum noch zu retten, weil sie dem Wetter schutzlos ausgeliefert sind. Oft schreckten Kommunen davor zurück, die Gebäude auf eigene Kosten zu sichern und die Ausgaben den Eigentümern in Rechnung zu stellen. Mitunter können die Rathäuser Fördermittel von Bund und Land nicht abrufen, weil ihnen die Mittel fehlen, um den Eigenanteil aufzubringen. Deshalb musste Crimmitschau den Fördermittelantrag zur Sanierung der Textilfabrik zurückziehen. Die ist wegen ihres Wertes als Industriedenkmal geschützt.

Kirsten betont, dass laut Denkmalgesetz die Eigentümer nicht aus ihren Pflichten entlassen werden können. Sachsen versuche zwar, historische Gebäude an den Mann zu bringen. Oft schrecken aber der Zustand oder die Lage Kaufinteressenten ab. So sei der Zustand vieler Bauten in ländlichen Räumen wie der Oberlausitz besorgniserregend. Dort stünden traditionelle Umgebindehäuser leer. Die könnte man nicht einfach so mit Fördermitteln sanieren. Dann seien sie zwar schön, aber trotzdem immer noch leer.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.04.2014

Andreas Friedrich

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