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Fallschirmspringen bis Segelfliegen - Inge Schönefelder ist mit 71 Jahren noch topfit

Fallschirmspringen bis Segelfliegen - Inge Schönefelder ist mit 71 Jahren noch topfit

Jeder Mensch hat eine interessante Geschichte. Die LVZ-Serie "Gesichter in Leipzig" porträtiert Leute, die auf sich aufmerksam machen. Typen, die außergewöhnliche Ideen haben.

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Inge Schönfelder.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Oder das ganz alltägliche Original von nebenan. Heute: Inge Schönfelder (71), die sich für Fallschirmspringen und Segelfliegen begeistert - und in der DDR heimlich Yoga unterrichtete, ohne jemals in Indien gewesen zu sein.

 Wenn Inge Schönfelder morgens aufsteht, macht sie im Schlafzimmer ihrer Grünauer Plattenbauwohnung erst einmal einen Kopfstand, eine Kerze und Übungen wie den Pflug, den Fisch oder die Heuschrecke. Erst nach dieser - zumal für eine 71-Jährige - recht ungewöhnlichen Morgengymnastik gibt es Frühstück.

 Seit fast 40 Jahren betreibt Inge Schönfelder Yoga, eine indische Lehre für Körper und Geist, die in der DDR lange Zeit verpönt ist. Der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB) verdammt Yoga Ende der 1950er-Jahre als "schlimmen Mystizismus", die Lehre wird kurzerhand verboten. Inge Schönfelder aber begeistert sich schon immer für ausgefallene körperliche Ertüchtigung. Sie besucht die Sportschule mit Schwerpunkt Schwimmen und will mit 17 Jahren Segelfliegerin werden. "Der theoretische Teil dauerte mir aber zu lange", blickt die Grünauerin lachend zurück, "ich hätte ewig bis zum ersten eigenen Flug warten müssen." Die abenteuerlustige Abiturientin sattelt um und versucht sich bei der Gesellschaft für Sport und Technik als Fallschirmspringerin. Doch ohne Vereinsmitgliedschaft sind Sportarten wie diese in der DDR nicht möglich. "Verein bedeutete immer auch regelmäßiges Training und Wettkämpfe am Wochenende", berichtet Inge Schönfelder. Der damit verbundene Leistungsdruck ist ihr zu groß. Sie hängt den Sport an den Nagel.

 Nach dem Abitur absolviert die junge Frau eine Ausbildung zur Krankengymnastin, arbeitet zunächst in einer Poliklinik und später in der Sanitätsstelle des Centrum-Warenhauses. "Eines Tages kam eine Kollegin zu mir und meinte: ,Wir machen heute Yoga'", erinnert sich Inge Schönfelder. "Ich hatte keine Ahnung, was das war, fand aber schnell Gefallen daran, denn mir fehlte der Sport." Die Kollegin besitzt ein Yoga-Buch aus dem Westen - lange Zeit ist es die einzige Möglichkeit, sich mit der indischen Lehre vertraut zu machen. Schließlich bittet Inge Schönfelder Patienten im Rentenalter, die in den Westen fahren, ihr Yoga-Bücher mitzubringen. "Ich habe Unsummen dafür bezahlt", erinnert sie sich kopfschüttelnd, "doch das war es mir wert."

 Täglich übt sie nach Feierabend mit ihren Büchern auch die schwierigsten Stellungen. Nur mit Hinweisen, dass bei der Übung Udshaj die Stimmritze geschlossen werden soll, kann die sportliche Frau zunächst nicht viel anfangen.

 Ende der 1970er-Jahre hält Heinz Kucharski, ein Indologe des Museum für Völkerkunde, im Grassi-Museum einen Vortrag über Yoga. Inge Schönfelder nimmt Kontakt zu ihm auf. Der Indologe ist begeistert von ihren Kenntnissen und Fähigkeiten. Fortan reisen die beiden in ihrer Freizeit gemeinsam quer durch die DDR: Kucharski referiert über altindische Medizin und Yoga, Inge Schönfelder führt dem Publikum die Übungen vor. Das Interesse ist riesig - und auch die Nachfrage nach Kursen. Über einen Bekannten beim DTSB darf Inge Schönfelder abends stundenweise in Schul-Turnhallen unterrichten. Die Kurse laufen unter "Entspannungsgymnastik", denn Yoga ist den Stadtoberen noch immer sus- pekt. Über Kucharski lernt die heimliche Yoga-Lehrerin schließlich zwei Inder kennen, die in Leipzig studieren. Sie demonstrieren ihr beim gemeinsamen Training, was es mit Udshaj und geschlossenen Stimmritzen auf sich hat. Inge Schönfelder kann ihr Yoga-Wissen endlich vervollkommnen.

 Mitte der 1980er-Jahre wird auch im SED-Staat öffentlich anerkannt, dass sich Yoga durchaus positiv auf die Gesundheit auswirken kann. 1986 erscheint eine Yoga-Zeitschrift, in der Inge Schönfelder, die noch immer im "Centrum" als Krankengymnastin arbeitet, für dutzende Übungen Modell steht. Auch das DDR-Fernsehen meldet sich nun - in der Sendung "Rätsel der Wissenschaft" demonstriert die Leipzigerin ihr Können.

 Seit der Wende bietet sie ihre Kurse ganz offiziell über die Volkshochschule an und trainiert bis heute an drei Abenden pro Woche mit Anfängern und Fortgeschrittenen. Manche Teilnehmer halten ihr seit 18 Jahren die Treue. Trotz aller Fitness fordert aber allmählich das Alter seinen Tribut. "Den Lotossitz kann ich nicht mehr", bedauert Inge Schönfelder, "und ich mache auch nicht mehr alle Kurs-Übungen mit."

 Im Vordergrund steht bei der 71-Jährigen nach wie vor die körperliche Betätigung, das Spirituelle und Meditation seien ihr fremd. Komplett Yoga-frei sind die Wochenenden der Rentnerin, sie gehören allein ihrem Mann. Das Ehepaar ist viel unterwegs und verbringt mehrere Wochen pro Jahr in Frankreich am Meer.

 Nur in Indien, dem Land des Yogas, war Inge Schönfelder noch nie. "Nach der Wende fehlte mir das Geld für so eine Reise und mittlerweile ist es mir zu weit", räumt sie ein. Doch viele ihrer Kursteilnehmer, die den Subkontinent bereist haben, hätten ihr bestätigt: Die Übungen würden dort haargenau so ausgeführt wie von ihr.

 iDas MDR-Fernsehen berichtet heute Abend ab 21.15 Uhr in der Sendung "Geschichte Mitteldeutschlands" über Yoga in der DDR - und damit auch über Inge Schönfelder.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.11.2013

Heidi Gruner

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