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Lokales Feuerlöscher löste falschen Alarm aus - Martin Krauße erinnert sich an Jugend in Leipzig
Leipzig Lokales Feuerlöscher löste falschen Alarm aus - Martin Krauße erinnert sich an Jugend in Leipzig
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23:59 05.09.2014

Diesmal berichtet Martin Krauße: lm April 1940 wurde ich in Markkleeberg-Großstädteln geboren. Zu dieser Zeit musste mein Vater in den Krieg. Erst 1947, als ich schon das 1. Schuljahr hinter mir hatte, kam er aus der Gefangenschaft wieder nach Hause.

Meine Gedanken an die Kindheit gehen zurück auf die Jahre Ende 1944/Anfang 45. Der Krieg war noch in vollem Gange. Nördlich von Großstädteln war eine Flakstellung. An der Städtelner Straße war hinten auf dem Feld ein großer Scheinwerfer aufgestellt. Mit ihm wurden nachts die anrückenden Flugzeugverbände angestrahlt. An der Städtelner Straße hatten die Soldaten ihre Unterkunft gebaut, halb in die Erde eingelassen. Dort sind wir Kinder manchmal hingegangen und haben die Soldaten besucht. Die freuten sich immer, wenn wir kamen.

In der Zeit wurden auch noch Fliegerangriffe auf Leipzig geflogen. Markkleeberg hat dabei ebenso einiges abbekommen. Als wir nach solch einem Angriff aus dem Keller kamen, konnten wir aus unserem Fenster sehen, wie in Markkleeberg einige Häuser brannten. Die Flugzeuge warfen manchmal auch Aluminiumstreifen ab. Die haben wir aufgesammelt und irgendwas daraus gebastelt. Als dann bei Kriegsende die Soldaten ihre Unterkunft verließen, sind Bewohner von Großstädteln dorthin und haben alles, was brauchbar war, ausgeräumt. Alte Spinde, Tische, Hocker, Eimer, alles wurde gebraucht.

1946 kam ich in die Grundschule Großstädteln. Unser Klassenzimmer war im Erdgeschoss, links neben dem Haupteingang. Dort kam es eines Tages zu einem besonderen Ereignis. Ein Schüler hatte irgendwelchen Unfug gemacht. Die Lehrerin schickte ihn daraufhin vor die Tür. Sicher wurde es dem Schüler da draußen langweilig und so fing er an, auf die Heizung zu klettern. Über der Heizung hing aber ein großer kegelförmiger Feuerlöscher an der Wand. Der hakte bei der Kletterei aus und polterte auf den Fliesenboden im Treppenflur. Dabei wurde auch noch das Löschsystem ausgelöst.

Durch den Lärm aufgeschreckt, öffnete die Lehrerin die Tür und auch viele Schüler schauten heraus. Sie sahen, dass aus einem Metallbehälter eine weiße Substanz quer über den Flur gesprüht wurde. Da rief plötzlich jemand "Gas, Gas!" und es brach Panik aus. Alle rissen die Fenster auf und begannen rauszuklettern. Das ging sehr gut, denn unter dem Fenster verlief ein Sims. Dort konnte man sich draufstellen und dann noch den einen Meter runterspringen. Die zuerst draußen waren, riefen: "Mein Ranzen, werft meinen Ranzen raus!" Als dann etwa die Hälfte der Schüler rausgeklettert war, konnte die Lehrerin endlich wieder Ordnung in die Klasse bringen und alle beruhigen.

Im Sommer gingen wir oftmals barfuß in die Schule. Die Dielen in den Klassenzimmern waren geölt. Davon bekam man dann ganz schwarze Fußsohlen. Im Winter trugen wir Schuhe mit Holzsohle. Der Schnee pappte dann immer an der Sohle an und man wurde immer größer. Das musste dann immer mal an einer Zaunsäule oder Bordkante abgeklopft werden.

In unserer Siedlung gab es viele Kinder. Das lag auch daran, dass fast in jedem Haus Flüchtlinge einquartiert waren, wovon die meisten ja auch Kinder hatten. Also an Spielgefährten fehlte es nicht. Autos gab es damals auch nur wenige, und deshalb konnten wir ungehindert auf der Straße spielen. Kam doch mal ein Auto, dann wurde gerufen "Auto kommt." In den Straßendreck wurden Wohnungen gezeichnet und Vater-Mutter-Kind gespielt. Verstecken war auch beliebt, auch alle möglichen Ballspiele. Im Sommer brachten wir Decken mit runter. Die wurden dann am Zaun entlang angebunden, so dass ein kleines Zeltlager entstand. Im Herbst konnten wir es dann kaum erwarten, dass wieder "Tauchscher" gefeiert wurde. Die Jungen haben die Gesichter am liebsten mit "Indianerbraun" eingerieben und einen Federschmuck angelegt. Die Mädchen zogen meistens Sachen an, die von früher noch in den Schränken zu finden waren. Wir Jungs sind dann auch mal über die Bahngleise geklettert und haben drüben in der anderen Siedlung ein paar Gefangene gemacht. Nach einigen Tagen war dann der Spuk wieder vorbei. Auch in den beiden Sandgruben gleich neben unserem Ort konnte man schön spielen. Die eine Sandgrube war nicht mehr in Betrieb, wurde als Mülldeponie benutzt. Die andere wurde noch bewirtschaftet. Dort konnten wir nur rein, wenn der Besitzer mit seinem Sachs-Motorrad nach Hause gefahren war.

Meine Mutter wohnte mit uns beiden Kindern im Haus vom Großvater ganz oben unterm Dach. Dort hatten wir zwei kleine Zimmer. Wasserleitung gab es nicht. Alles Wasser, was gebraucht wurde, schleppte meine Mutter von der Pumpe im Hof zwei Treppen hoch in unsere Wohnung. Großvater hatte Hühner, Kaninchen und eine Ziege. Er hat mir auch das Melken beigebracht. Besonders schön war es, wenn die Ziege mal Junge bekam und wenn diese dann übermütig auf dem Hof herumsprangen.

1952 sind wir dann nach Leipzig-Connewitz umgezogen. Dort kam ich in eine Jungsklasse. Als ich denen dort erzählte, dass ich bisher in einer gemischten, also zusammen mit Mädchen in einer Klasse war, da kam Verwunderung und teilweise auch Neid auf. Gewohnt haben wir in der Alfred-Kästner-Straße gleich gegenüber vom Gefängnis. Da haben wir beobachtet, wie Gefangene ankamen, mit Bussen oder der "Grünen Minna". Beim Aussteigen mussten sie durch ein Spalier von Polizisten mit Hunden ins Gefängnis reingehen.

Schräg gegenüber von unserer Schule stand damals noch die Ruine der Andreaskirche. Die Außenmauern vom Kirchenschiff und der Turm waren noch intakt. Dort bin ich mit meinem Schulfreund in den Turm hinein, wir sind eine alte klapprige Eisentreppe hinaufgestiegen. Der Turm war provisorisch mit einem flachen Dach abgedeckt, hatte aber eine Dachluke. Von dort oben hatte man eine schöne Aussicht Richtung Stadtzentrum.

1954 kam ich aus der Schule und begann im Bodenbearbeitungsgerätewerk in Plagwitz eine Schlosserlehre. In diesem Betrieb habe ich dann fast mein ganzes Leben verbracht. Die Zeit wurde nur unterbrochen durch zwei Jahre "Industriearbeiter aufs Land" als Traktorist in Mecklenburg, was eine sehr schöne Zeit war, und zwei Jahre Armeezeit in Eggesin. 2003 bin ich dann mit meiner Frau von Leipzig wieder zurück nach Markkleeberg-Großstädteln gezogen und hier genießen wir unser Rentnerleben.

In eigener Sache: Liebe Leserinnen, liebe Leser! Unser Aufruf hat eine große Resonanz erfahren, zahlreiche Briefe und E-Mails mit Ihren Erinnerungen sind eingegangen. Deren Sichtung benötigt Zeit. Bitte haben Sie etwas Geduld, wir setzen uns mit allen Absendern in Verbindung!Ihre Lokalredaktion

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.09.2014

Kasel, Beatrice

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