Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 5 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Feuerwehr-Urgestein wird Ruheständler

Branddirektor Karl-Heinz Schneider geht am Monatsende Feuerwehr-Urgestein wird Ruheständler

15 Jahre lang war Karl-Heinz Schneider der starke Mann der Leipziger Feuerwehr – und hat ihr deutliche Impulse gegeben. Der Mann aus Bayern war nicht immer bequem. Mit seinem Abgang endet eine Feuerwehr-Dynastie.

Karl-Heinz Schneider weiß, was er will. In Leipzig waren ihm 620 Mitarbeiter der Berufsfeuerwehr unterstellt, auch 650 aktive freiwillige Feuerwehrkameraden, die Jugendfeuerwehren sowie die Alters- und Ehrenabteilung.

Quelle: André Kempner

Leipzig.

Eigentlich hätte der Lebensweg von Karl-Heinz Schneider auch ganz anders verlaufen können: Er hätte wie sein Bruder im beschaulichen Straubing bleiben können, in dem Mehrgeschosser seiner Familie mitten am Straubinger Stadtplatz, in dem noch heute die Mutter und der Bruder wohnen. In der Stadt, in der sein Großvater Karl Schneider schon 1916 in die Feuerwehr eintrat und es bis zum Oberkommandanten der Feuerwehr brachte, dem damals höchsten Feuerwehrposten der Kommune. Und in dessen Fußstapfen sein Sohn Karl- trat, der es bis zum Stadtbrandrat schaffte – dem höchsten Posten, den die Straubinger Feuerwehr zu seiner Zeit zu vergeben hatte. Wenn heute jemand den Leipziger Branddirektor Karl-Heinz Schneider fragt, warum er aus der bayerischen Idylle ausgebrochen ist, dann sagt er: „Jeder will doch die Altvorderen toppen.“

Sein erster „Ausbruchsversuch“ führte allerdings nicht zum Ziel: Er wollte Schauspieler werden, spielte nebenbei Theater und schaffte es auch 1970 bei der Wahl zum Bravo-Boy der Jugendzeitschrift Bravo in die Endrunde der zehn schönsten Teenager – doch das Veto seines Vaters beendete den Abflug in die neue Welt. „Er wollte, dass ich erst etwas Richtiges lerne und Diplomingenieur werde“, erzählt der heute 60-Jährige. „Anschließend hätte ich ein Schauspiel-Studium machen können.“ Doch nach dem Architekturstudium an der Technischen Universität München hatte er als 26-Jähriger keine Lust mehr und erfüllte den „Herzenswunsch“ des Vaters: Er schlug eine Karriere bei der Feuerwehr ein.

Zu dieser Zeit wusste Schneider junior schon, dass dies kein Job wie jeder andere ist. Denn als 16-Jähriger hatte er in der aktiven Abteilung der Straubinger Freiwilligen Feuerwehr angefangen und die ersten Besonderheiten dieses Berufs erlebt. „Auf der Bundesstraße 8 Straubing-Regensburg war ein Armeelaster in einen Pkw gefahren“, erinnert er sich. Im Fahrzeug war eine Frau bis zum Bauch eingeklemmt, das Lenkrad hatte sich in ihren Körper gebohrt. „Weil wir noch kein hydraulisches Schneidwerkzeug hatten, haben wir den Pkw mit zwei Ketten auseinandergezogen“, so Schneider. Zum Vorschein kam eine Frau mit schwersten Verletzungen.

Seitdem hat er ein Dutzend Tote gesehen. „Ich bin katholischer Christ“, meint er. „Ich habe keine Angst vorm Leben und vorm Sterben.“ Einmal habe er gesehen, wie vier junge Leute starben, weil ein Laster auf ein Stauende gefahren war und ein anderer Laster den Pkw vor ihm unter sich begrub. „Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagt er. „Heute bin ich hundert Prozent davon überzeugt, dass jedem die Stunde seines Todes vorbestimmt ist.“

Vom Einsatzdienst in Straubing, wechselte er zur Berufsfeuerwehr Hamburg, von dort in die Branddirektion Frankfurt/Main und schließlich zur Feuerwehr Ulm wo er im Jahr 2000 eine Ausschreibung der Stadt Leipzig entdeckte, die einen Branddirektor suchte. „Ich habe mich sofort beworben“, erinnert er sich. „Denn ich wollte Feuerwehrchef einer der zehn größten kommunalen Feuerwehren in Deutschland werden“, sagt er. „Und mit 45 Jahren hatte ich damals genug Erfahrungen dafür.“

Was er in Leipzig vorfand, war allerdings nicht berauschend: Der Fuhrpark war veraltet und viele Feuerwehrwachen in einem desolaten Zustand – und im Rathaus war Haushaltskonsolidierung angesagt. „Bei so einer Konstellation kann man nicht aus dem Vollen schöpfen – da ist ein gutes Verhältnis zum Ordnungsbürgermeister, zum Finanzbürgermeister und zum Oberbürgermeister gefragt.“ In zähen Verhandlungsrunden gelang es ihm, in Leipzig eine der modernsten Feuerwehren Deutschlands aufzubauen. „Heute sind bis auf die Hauptfeuerwache alle Feuerwachen saniert oder neu gebaut“, zählt er stolz auf. „Und unser Fuhrpark ist für alle Aufgaben gerüstet.“

Schneider hat in Leipzig auch die sogenannte Gruppenstrategie eingeführt. Sie legt fest, dass bei einem Brand von den nächstgelegenen beiden Feuerwachen jeweils eine Gruppe ausrückt – also ein Drehleiter- und ein Löschfahrzeug mit neun Mann Besatzung. „Die erste eintreffende Gruppe kann sofort mit der Menschenrettung und der Brandbekämpfung beginnen, die nächste maximal fünf Minuten später“, skizziert er die Idee hinter der Strategie. Der Vorteil: Die Feuerwachen müssen nur mit jeweils einer Löschgruppe besetzt werden, nicht mit einem kompletten Löschzug, der aus 16 Mann besteht mit vier Autos, zwei Löschfahrzeugen, einem Drehleiterfahrzeug und einem Kommandowagen. Das spart vor allem Personalkosten – nach überschlägigen Rechnungen bis zu 5 Millionen Euro im Jahr. „Leipzig hat dadurch heute die wirtschaftlichste und effizienteste Feuerwehr aller vergleichbaren deutschen Großstädte“, sagt er. Bei nicht wenigen Kameraden der Feuerwehr ist er umstritten. Denn es gab auch viel Ärger über die Höhe ihrer Aufwandsentschädigungen und die Bezahlung ihrer Überstunden (die LVZ berichtete ausführlich).

Seinem Nachfolger Peter Heitmann wünscht er, dass er den guten Draht zu den Entscheidern im Rathaus behält. „Er wird noch das Feuerwehrtechnische und Ausbildungszentrum bauen, die Hauptfeuerwache sanieren und den Standort der Feurerwache Nord der Berufsfeuerwehr in die Wahrener Linkelstraße optimieren und die neue Löschfahrzeuggeneration für die freiwilligen Feuerwehren beschaffen müssen“, denkt Schneider laut nach.

Dass die Anforderungen an die Leipziger Feuerwehr wachsen werden, steht schon heute fest – vor allem wegen des rasanten Bevölkerungswachstums. Denn mehr Einwohner bedeuten auch mehr Brände und Unfälle, zu denen die Wehren eingesetzt werden müssen. „Ein Faustformel sagt, dass pro tausend Einwohner mehr auch ein Feuerwehrmann mehr benötigt wird.“ Natürlich werden auch mehr Technik gefordert. „Aber die Aufstellung unserer Feuerwachen ist optimal“, schildert Schneider die Lage. Es sei sichergestellt, dass 9,5 Minuten nach einer Alarmierung die Feuerwehr am Brandherd eintrifft. „Es gibt nur eine Ausnahme im äußersten Westen Leipzigs, bei Rückmarsdorf und Burghausen“, sagt er. „Doch wenn wir wieder die Tagesdienstbereitschaft der Freiwilligen Feuerwehr Böhlitz-Ehrenberg erreichen, ist auch diese Lücke geschlossen.“

Auch der weltweite Terror wird Leipzigs Feuerwehrmänner vor noch größere Aufgaben stellen, befürchtet Schneider. „Früher war es üblich, dass Feuerwehren bei Angriffen verschont werden, heute sind wir selber zum Ziel geworden“, sagt der Branddirektor und zeigten einen Pflasterstein, den er in seinem Büro aufbewahrt hat. Dieser ist bei einer Auseinandersetzung in der Südvorstadt von Chaoten auf ein Feuerwehrfahrzeug geschleudert worden. „Bei einem Terroranschlag in Madrid haben Terroristen sogar abgewartet, bis die Feuerwehren am Anschlagsort eintrafen und haben dann mit einem Handy eine weitere Bombe gezündet, um die Rettungskräfte zu treffen.“

Karl-Heinz Schneider macht im Ruhestand erst einmal Reisen. „Ich bin begeisterter Wohnmobilist“, erzählt er. Vor sechs Jahren hat er begonnen, darüber Reisebücher zu schreiben. Ende Juni gehen er und seine Frau Ruth mit ihrem Berner Sennenhund Balu auf eine dreiwöchige Wohnmobil-Weinreise durch Niederösterreich; ab Mitte August für zwei Monate durch Italien nach Palermo. Parallel laufen die Vorbereitungen für einen große viermonatige Skandinavienreise. Angehenden Feuerwehrmännern gibt er einen Spruch von Konfuzius mit auf den Weg. „Der Mensch lebt durch Geradheit. Ohne sie lebt er nur von glücklichen Umständen und rechtzeitigem Ausweichen“, zitiert er und lächelt.

Von Andreas Tappert

Leipzig Goerdelerring 7 51.34301 12.36851
Leipzig Goerdelerring 7
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr

LVZ-Reportage zu Crystal Meth in Sachsen

Die große Multimedia-Reportage berichtet über Crystal-Abhängige, Suchtberater und Drogenfahnder. mehr

Ob zur Entspannung, in der Mittagspause oder zum Spaß mit Freunden. Auf unserer Spieleseite können Sie wählen zwischen Denksport-, Geschicklichkeits-, Such- und Sportspiele. Probieren Sie es aus im Spieleportal von LVZ.de. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Sparkassen Challenge
    Logomotiv der Sparkassen Challenge 2016

    Sport frei!, heißt es auch 2016 bei zahlreichen Wettkämpfen der Sparkassen-Challenge. Alle Events mit vielen Fotos finden Sie hier! mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr