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Flüchtlingshilfe zieht immer größere Kreise

Pfarrer hilft Wohnungssuchenden Flüchtlingshilfe zieht immer größere Kreise

Seit einem Jahr sucht der Leipziger Pfarrer Dohrn Wohnungen für Flüchtlinge. Seine Aktion hat inzwischen in Leipzig über hundert Unterstützer gefunden. Doch er stößt in Leipzig auch an Grenzen: Preiswerte Wohnungen werden immer knapper.

Vor einem Jahr rief Pfarrer Andreas Dohrn ein Internet-Wohnungsportal ins Leben und brachte damit eine Hilfsaktion in Gang, von der bis heute hunderte Flüchtlinge profitieren.Foto: André Kempner

Leipzig.

Bei den Geflüchteten sei die Resonanz auf das Angebot groß, berichtet Dohrn. Rund 1000 Asylbewerber aus Leipzig hätten sich im Jahr 2015 gemeldet. Weitere rund 1000 Neuankömmlinge seien aus dem gesamten Bundesgebiet auf ihn zugekommen und durch einen E-Mail-Crash-Kurs für Wohnungssuchende in englischer Sprache unterstützt worden.

In der „Kontaktstelle Wohnen“ arbeiten inzwischen hundert Freiwillige als Wohnungspaten, die Geflüchteten beim Finden von geeigneten Wohnungen und Wohngemeinschaften helfen. Diese Ehrenamtlichen und fünf Hauptamtlichen um die
31-jährige Dana Ersing und den 49-jährigen Dohrn führen Gespräche mit Familien, Vermietern, Übersetzern und Ämtern. „Seit 2015 haben wir 200 Geflüchteten aus Leipzig zu einem Umzug verholfen“, berichtet der Pfarrer. „Aktuell werden weit über 200 Geflüchtete von uns unterstützt.“

Die Erfahrungen auf dem Leipziger Wohnungsmarkt sind nicht nur positiv. „Natürlich gibt es Diskriminierung“, erzählt Dohrn. „Es gibt Vermieter, die nicht an Flüchtlinge vermieten wollen.“ Gleichzeitig betont er, dass dies auch auf Informationsdefizite zurückgeht: Vermieter wüssten oft nicht, dass der dreijährige Aufenthaltsstatus von Flüchtlingen bedeutet, dass das Mietverhältnis dauerhaft bestehen kann. „Für die Vermieter ist es ungewöhnlich, dass bei Geflüchteten die Bonitätsauskunft der ,Schufa’ natürlich auch möglich ist“, so Dohrn weiter; beim Überweisen der Miete nutze die Mehrzahl der Vermieter die Möglichkeit, dass das Sozialamt beziehungsweise das Jobcenter die Miete direkt an den Vermieter überweist. Vereinzelt gebe es auch Vermieter, die Diskriminierungen bei einer Zwangsräumung fürchten. Oder die fürchten, auf Kosten sitzen zu bleiben, wenn solche Mieter über Nacht spurlos verschwinden – zum Beispiel in ein anderes Bundesland.

Laut Dohrn sind diese Ängste unbegründet. „Die Gruppe der Geflüchteten ist eine starke und verlässliche Mietergruppe, anderen Mietergruppen durchaus ähnlich“, hat er in seiner einjährigen Vermittlertätigkeit entdeckt. „Inzwischen haben sehr viele Leipziger Großvermieter und einzelne Privatvermieter ihre Wohnräume an Geflüchtete vermittelt – und alle kommen mit dieser Mietergruppe zurecht.“

Trotzdem fällt es der Kontaktstelle des Pfarrers zunehmend schwerer, Geflüchtete im Wohnungsmarkt unterzubringen. Denn die für dieses Klientel geeigneten Wohnungen werden immer knapper – vor allem, weil auch viele Einheimische auf preiswerte Wohnungen angewiesen sind. „Zwischen 10 bis 20 Prozent der Leipziger brauchen Sozialwohnungen“, hat Dohrn entdeckt. „Vor allem alleinlebende Senioren und Alleinerziehende zahlen mehr als 35 Prozent ihrer Einkünfte für die Miete und wollen ausziehen.“ Trotz dieser zunehmenden Knappheit ist es der „Kontaktstelle Wohnen“ bislang geglückt, ihre Flüchtlinge in fast allen Leipziger Stadtteilen unterzubringen – und so dem Entstehen sozialer Brennpunkte vorzubeugen. „Es ist möglich, dass Geflüchtete nicht nach Grünau und nicht nach Paunsdorf ziehen“, lautet ein Fazit des Pfarrers. Aber dies stoße bei den bestehenden Rahmenbedingungen zunehmend an Grenzen, zumal immer mehr Flüchtlinge in Leipzig auf Wohnungssuche sind.

Dohrn plädiert deshalb dafür, dass die Stadt stärker in den Wohnungsmarkt eingreift, um die sich anbahnende soziale Polarisierung zu verhindern. „Es muss auch in neu entstehenden Wohnvierteln wie am Bayerischen Bahnhof Wohnungen für Flüchtlinge geben“, fordert er. Die Stadt sollte sicherstellen, dass dort in „jede fünfte oder sechste Neubauwohnung“ Flüchtlinge und auf dem Wohnungsmarkt Benachteiligte einziehen können. Weil die Mieten für solche Neubauwohnungen weit über den zulässigen erstattungsfähigen Kosten der Unterkunft liegen, sollte die Stadt dieser Mietergruppe einen höheren Zuschuss gewähren.

Für ihn steht auch fest, dass Flüchtlinge nach dem Bezug ihrer ersten Wohnung weitere Hilfen benötigen. „Viele fallen dann mental in ein Loch“, hat Dohrn entdeckt. „Sie brauchen dann dringend psychische Begleitung und Behandlung.“ Über diese Angebotslücke ist die „Kontaktstelle Wohnen“ mit anderen gemeinnützigen Trägern im Gespräch.

Von Andreas Tappert

Leipzig, Riemannstraße 38 51.331182 12.3748323
Leipzig, Riemannstraße 38
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