Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Flüchtlingshilfe zieht immer größere Kreise

Pfarrer hilft Wohnungssuchenden Flüchtlingshilfe zieht immer größere Kreise

Seit einem Jahr sucht der Leipziger Pfarrer Dohrn Wohnungen für Flüchtlinge. Seine Aktion hat inzwischen in Leipzig über hundert Unterstützer gefunden. Doch er stößt in Leipzig auch an Grenzen: Preiswerte Wohnungen werden immer knapper.

Vor einem Jahr rief Pfarrer Andreas Dohrn ein Internet-Wohnungsportal ins Leben und brachte damit eine Hilfsaktion in Gang, von der bis heute hunderte Flüchtlinge profitieren.Foto: André Kempner

Leipzig.

Bei den Geflüchteten sei die Resonanz auf das Angebot groß, berichtet Dohrn. Rund 1000 Asylbewerber aus Leipzig hätten sich im Jahr 2015 gemeldet. Weitere rund 1000 Neuankömmlinge seien aus dem gesamten Bundesgebiet auf ihn zugekommen und durch einen E-Mail-Crash-Kurs für Wohnungssuchende in englischer Sprache unterstützt worden.

In der „Kontaktstelle Wohnen“ arbeiten inzwischen hundert Freiwillige als Wohnungspaten, die Geflüchteten beim Finden von geeigneten Wohnungen und Wohngemeinschaften helfen. Diese Ehrenamtlichen und fünf Hauptamtlichen um die
31-jährige Dana Ersing und den 49-jährigen Dohrn führen Gespräche mit Familien, Vermietern, Übersetzern und Ämtern. „Seit 2015 haben wir 200 Geflüchteten aus Leipzig zu einem Umzug verholfen“, berichtet der Pfarrer. „Aktuell werden weit über 200 Geflüchtete von uns unterstützt.“

Die Erfahrungen auf dem Leipziger Wohnungsmarkt sind nicht nur positiv. „Natürlich gibt es Diskriminierung“, erzählt Dohrn. „Es gibt Vermieter, die nicht an Flüchtlinge vermieten wollen.“ Gleichzeitig betont er, dass dies auch auf Informationsdefizite zurückgeht: Vermieter wüssten oft nicht, dass der dreijährige Aufenthaltsstatus von Flüchtlingen bedeutet, dass das Mietverhältnis dauerhaft bestehen kann. „Für die Vermieter ist es ungewöhnlich, dass bei Geflüchteten die Bonitätsauskunft der ,Schufa’ natürlich auch möglich ist“, so Dohrn weiter; beim Überweisen der Miete nutze die Mehrzahl der Vermieter die Möglichkeit, dass das Sozialamt beziehungsweise das Jobcenter die Miete direkt an den Vermieter überweist. Vereinzelt gebe es auch Vermieter, die Diskriminierungen bei einer Zwangsräumung fürchten. Oder die fürchten, auf Kosten sitzen zu bleiben, wenn solche Mieter über Nacht spurlos verschwinden – zum Beispiel in ein anderes Bundesland.

Laut Dohrn sind diese Ängste unbegründet. „Die Gruppe der Geflüchteten ist eine starke und verlässliche Mietergruppe, anderen Mietergruppen durchaus ähnlich“, hat er in seiner einjährigen Vermittlertätigkeit entdeckt. „Inzwischen haben sehr viele Leipziger Großvermieter und einzelne Privatvermieter ihre Wohnräume an Geflüchtete vermittelt – und alle kommen mit dieser Mietergruppe zurecht.“

Trotzdem fällt es der Kontaktstelle des Pfarrers zunehmend schwerer, Geflüchtete im Wohnungsmarkt unterzubringen. Denn die für dieses Klientel geeigneten Wohnungen werden immer knapper – vor allem, weil auch viele Einheimische auf preiswerte Wohnungen angewiesen sind. „Zwischen 10 bis 20 Prozent der Leipziger brauchen Sozialwohnungen“, hat Dohrn entdeckt. „Vor allem alleinlebende Senioren und Alleinerziehende zahlen mehr als 35 Prozent ihrer Einkünfte für die Miete und wollen ausziehen.“ Trotz dieser zunehmenden Knappheit ist es der „Kontaktstelle Wohnen“ bislang geglückt, ihre Flüchtlinge in fast allen Leipziger Stadtteilen unterzubringen – und so dem Entstehen sozialer Brennpunkte vorzubeugen. „Es ist möglich, dass Geflüchtete nicht nach Grünau und nicht nach Paunsdorf ziehen“, lautet ein Fazit des Pfarrers. Aber dies stoße bei den bestehenden Rahmenbedingungen zunehmend an Grenzen, zumal immer mehr Flüchtlinge in Leipzig auf Wohnungssuche sind.

Dohrn plädiert deshalb dafür, dass die Stadt stärker in den Wohnungsmarkt eingreift, um die sich anbahnende soziale Polarisierung zu verhindern. „Es muss auch in neu entstehenden Wohnvierteln wie am Bayerischen Bahnhof Wohnungen für Flüchtlinge geben“, fordert er. Die Stadt sollte sicherstellen, dass dort in „jede fünfte oder sechste Neubauwohnung“ Flüchtlinge und auf dem Wohnungsmarkt Benachteiligte einziehen können. Weil die Mieten für solche Neubauwohnungen weit über den zulässigen erstattungsfähigen Kosten der Unterkunft liegen, sollte die Stadt dieser Mietergruppe einen höheren Zuschuss gewähren.

Für ihn steht auch fest, dass Flüchtlinge nach dem Bezug ihrer ersten Wohnung weitere Hilfen benötigen. „Viele fallen dann mental in ein Loch“, hat Dohrn entdeckt. „Sie brauchen dann dringend psychische Begleitung und Behandlung.“ Über diese Angebotslücke ist die „Kontaktstelle Wohnen“ mit anderen gemeinnützigen Trägern im Gespräch.

Von Andreas Tappert

Leipzig, Riemannstraße 38 51.331182 12.3748323
Leipzig, Riemannstraße 38
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Sparkassen Challenge
    Logomotiv der Sparkassen Challenge 2017

    "Sport frei!" heißt es auch 2017 bei zahlreichen Wettkämpfen der Sparkassen-Challenge. Alle Events mit vielen Fotos finden Sie hier! mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lud wieder zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz ein. Sehen Sie hier einen Rückblick in Fotos und Geschichten. mehr

Wie weiter nach der Grundschule? Unsere Übersicht aller Gymnasien, Oberschulen und Freien Schulen in Leipzig will Eltern bei der Auswahl der passenden Bildungseinrichtung für ihr Kind unterstützen. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr

Die Multimedia-Reportage erzählt elf spannende Geschichten entlang der Linie 11 - der längsten Straßenbahnlinie Leipzigs. mehr

Ob zur Entspannung, in der Mittagspause oder zum Spaß mit Freunden. Auf unserer Spieleseite können Sie wählen zwischen Denksport-, Geschicklichkeits-, Such- und Sportspiele. Probieren Sie es aus im Spieleportal von LVZ.de. mehr