Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Freispruch für Leipziger Archäologen - er habe tödlichen Unfall nicht vorhersehen können
Leipzig Lokales Freispruch für Leipziger Archäologen - er habe tödlichen Unfall nicht vorhersehen können
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
01:00 06.07.2013
Gestern im Leipziger Landgericht: Archäologe Peter H. (links) mit seinem Verteidiger Andrej Klein. Quelle: Wolfgang Zeyen

Er habe den Einsturz einer 200 Jahre alten Mauer, unter der eine Helferin verschüttet wurde, nicht vorhersehen können, urteilte das Landgericht. Es hob damit den Schuldspruch der Vorinstanz auf.

"Dass eine Mitarbeiterin ums Leben kam, belastet meinen Mandanten enorm", sagte gestern zu Beginn des Berufungsprozesses Verteidiger Andrej Klein. Er sprach von einem tragischen Unglücksfall an jenem 4. Mai 2009. Gegen 10.45 Uhr war auf der Baustelle unweit vom Bildermuseum, wo später das Katharinum als sogenannte Winkelbebauung entstand, eine etwa drei Meter hohe und 70 Zentimeter breite Mauer eingestürzt. Erika U. (56) - als ABM-Kraft beim Landesamt für Archäologie beschäftigt - wurde von den Trümmern begraben. Sie erlag um 13.10 Uhr ihren schweren Verletzungen im Krankenhaus.

"Nicht bei jedem tragischen Unglücksfall muss es aber auch einen Schuldigen geben", so der Verteidiger gestern weiter. Wie berichtet, hatte das Amtsgericht im März 2011 Peter H. wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Es ging aber von einem sehr geringen Grad seines Verschuldens aus und hielt eine Verwarnung für angemessen. Die Verhängung einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 50 Euro wurde vorbehalten. Das Gericht war der Auffassung, dass das Umkippen der Mauer vorhersehbar und vermeidbar gewesen sei und der Archäologe geeignete Sicherheitsmaßnahmen hätte ergreifen müssen. Es stützte sich dabei auf das Gutachten eines Statikers.

Gegen die Entscheidung legte der Österreicher Peter H., der in Leipzig lebt, Berufung ein. Das Ziel: Freispruch. Und auch die Staatsanwaltschaft war nicht einverstanden, weil sie die Verwarnung für "nicht ausreichend" hielt. So mussten gestern noch einmal viele Zeugen zu dem tragischen Ereignis vor dem Landgericht Rede und Antwort stehen. Augenzeuge Klaus-Dieter M. (64) befand sich damals nur wenige Meter von dem Unglücksort entfernt in der Baugrube. "Ich stand allerdings mit dem Rücken zu der Mauer. Wie sie fiel, sah ich nicht. Ich hörte plötzlich ein Krachen." Er habe einen Schock erlitten, als er seine verschüttete Kollegin sah. "In ihrem Hüftbereich lag ein großer Klotz." Der Einsturz sei für ihn nicht vorhersehbar gewesen. "Sonst hätte ich doch dort nicht gearbeitet", sagte der 64-Jährige.

Keiner der Zeugen, resümierte gestern der Vorsitzende Richter Klaus Kühlborn, habe Anhaltspunkte für eine Gefahrensituation geschildert. Nach den Erkenntnissen eines weiteren Gutachters - das Landgericht hatte schließlich den Bausachverständigen Udo Böttiger eingeschaltet - war ein ganzes Bündel an Ursachen verantwortlich für den Einsturz der Mauer. Unter anderem die Schwächung der Wand, deren mangelnde Einbindung, massiver Regen. Böttiger zufolge wäre einem Bautechniker die Gefahrenquelle sicher rasch aufgefallen, einem Archäologen allerdings nicht. Der sei in solchen Dingen weder ausgebildet noch habe er Erfahrungen damit. Nach dem Gutachten Böttigers rückte auch Oberstaatsanwalt Lutz Lehmann vom Anklagevorwurf ab und plädierte auf Freispruch. "Die konkrete Situation war für den Angeklagten nicht bedenklich, um den Rat eines Statikers einzuholen." Aus dem Unglücksfall müssten jedoch dringend Schlussfolgerungen unter anderem für die Ausbildung von Archäologen gezogen werden, forderte er. Dieser Ansicht folgte das Gericht in jeder Hinsicht. "Es war ein Unglücksfall, für den niemand strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen ist", so der Richter.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.07.2013

Sabine Kreuz

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Eigentlich sind sie ein Erfolgsmodell: die Integrationskurse Deutsch als Fremdsprache, die Migranten helfen, in ihrer neuen Heimat anzukommen. Die Kurse werden vom Staat gefördert.

06.07.2013

"Wir haben nicht alle Glocken im Turm" - dass steht seit Monaten auf einem Transparent an der Lindenauer Nathanaelkirche. Ab 26. September wird diese Behauptung überflüssig sein.

06.07.2013

Nach der Inbetriebnahme von Neuem Augusteum und Auditorium maximum hat sich am Uni-Campus am Augustusplatz das Parkproblem für Drahtesel massiv verschärft. Durch die zwei Gebäude strömen noch mehr Kommilitonen auf das Gelände und stellen ihre Räder überall ab, wo sich ein Plätzchen findet.

05.07.2013
Anzeige