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Lokales Freispruch für Leipziger Sozialarbeiter im Todesfall Kieron-Marcel
Leipzig Lokales Freispruch für Leipziger Sozialarbeiter im Todesfall Kieron-Marcel
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11:10 02.04.2016
Das Oberlandesgericht Dresden bestätigt Freispruch der Vorinstanz.   Quelle: ddp
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Leipzig/Dresden

 Verteidiger Stephan Flemming telefonierte nach Ende der Verhandlung längere Zeit und sehr emotional. Er hat seinem Mandanten sicher die Entscheidung des 2. Strafsenats des Oberlandesgerichts (OLG) Dresden mitgeteilt. Tino H., früherer Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes beim Leipziger Jugendamt, war vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung eines Zweijährigen durch Unterlassen freigesprochen worden. Der Junge war im Juni 2012 neben seiner an einer Überdosis Drogen gestorbenen Mutter verdurstet. Es war der dritte Gerichtsgang in diesem Fall. Knackpunkt: Hätte Tino H. merken müssen, dass die junge Frau wieder auf dem Drogentrip war und dem Kind deshalb etwas passieren könnte? Ja, sagte im Mai 2014 das Amtsgericht Leipzig und verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe. Staatsanwaltschaft und Verteidigung gingen in Berufung. Das Leipziger Landgericht sprach den Mann 2015 frei. Die Staatsanwaltschaft rügte unter anderem, dass fünf Beweisanträge nicht zugelassen worden waren und legte Revision ein.

„Das ist ein besonders tragischer Fall. Das entsetzliche Schicksal des kleinen Kieron-Marcel geht uns sehr zu Herzen. Trotzdem müssen wir mit der gebotenen Sachlichkeit entscheiden“, erklärte der Vorsitzende Richter Erich Drath zu Beginn der Verhandlung am OLG. „Es gibt heute keine Zeugen, keine Gutachter. Das ist nicht die Aufgabe einer Revision. Wir prüfen das Urteil nur auf Rechtsfehler.“ Der Senat kam zu dem Ergebnis: Die Entscheidung des Leipziger Landgerichts war rechtsfehlerfrei. Während der Zuständigkeit des Angeklagten, auch bei seinem letzten Kontakt mit der Mutter, habe keine gegenwärtige oder nahe bevorstehende Gefahr für das Kindeswohl bestanden und es keine Anzeichen für eine Vernachlässigung gegeben. Eine Gefährdung des Kindeswohls folge nicht bereits daraus, dass die sorgeberechtigte Person drogenabhängig ist, hieß es zur Begründung.

Der Fall hatte für einige Aufregung gesorgt. Im Juni 2012 war die Leiche des Kindes neben seiner toten Mutter in ihrer Wohnung entdeckt worden. Die 26-Jährige war zwischen dem 7. und 10. Juni an einem Cocktail aus Kokain und Heroin gestorben. Ihr kleiner Sohn starb am 13. Juni in seinem Bettchen. Christin F., die seit ihrem 15 Lebensjahr Drogen nahm, aber nach einer Therapie clean war, hatte einen Kontrollvertrag mit dem Jugendamt geschlossen. Tino H. war von Ende 2011 bis April 2012 für die Betreuung der kleinen Familie zuständig.

Anfangs lief alles gut. Die junge Frau kümmerte sich um ihr Kind und auch um sich selbst. Beide machten einen gepflegten Eindruck, das Kind war altersgerecht entwickelt und gesund. Dann gab es Anzeichen, dass sie rückfällig geworden war. Besonders auffällig war der 9. Februar 2012: Christin F. warf Möbelstücke auf die Straße und halluzinierte. Anwohner informierten die Polizei, die rückte mit einem Notarzt und dem Jugendamt an. Niemand stellte eine Kindswohlgefährdung fest und Tino H. hakte wohl nicht nach. Die 26-Jährige, der man ihren Drogenkonsum nicht ansah, bekam sich wieder in den Griff. Sie zog zu ihrem neuen Freund nach Stuttgart, trennte sich aber schnell, kam zurück nach Leipzig und griff wieder zu Drogen.

Von all dem wusste weder die Familie noch das Jugendamt - auch Tino H. nicht, der war damals gar nicht mehr für sie zuständig. Er arbeitete als Hortleiter. Eine konkrete Übergabe von Problemfällen hatte es wohl nicht gegeben. Vielleicht könnte der Kleine sonst heute noch leben. Es gibt da einige „hätte“ und „könnte“. Anwohner hatten wenige Tage vor dem Tod von Christin F. die Polizei gerufen, da die Frau sehr laut war. Da niemand öffnete, gingen sie wieder. Sonst war man wohl nicht so hellhörig. „Warum hat niemand das Kind gehört, das tagelang schrie“, fragte Richter Drath.

Tino H. wurde freigesprochen, der Fall hat sich für ihn erledigt. Wenn er jetzt ein Gericht besucht, tut er dies als Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe.

Von Monika Löffler

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