Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Friede in Grünau: Der Leipziger Problem-Kiez soll ein besseres Image bekommen
Leipzig Lokales Friede in Grünau: Der Leipziger Problem-Kiez soll ein besseres Image bekommen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 05.01.2018
Grünau ist immer noch einer der Leipziger Stadtteile, der mit großen sozialen Problemen zu kämpfen hat. Hier in der Stuttgarter Allee treiben Jugendbanden ihr Unwesen. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Grünau – in den 1980ern Sehnsuchtsziel vieler Leipziger. Helle, moderne Neubauwohnungen, Zentralheizung, Warmwasser, Fahrstuhl, Balkon. Ein Jahrzehnt später dann die Wende. Abwanderung, Wohnungsleerstand, Abrissbirne. Viele kehrten der Platte den Rücken. Inzwischen sind die Mieten dort am niedrigsten in ganz Leipzig. Die Folge: die Arbeitslosigkeit ist fast doppelt so hoch wie im Rest der Stadt, jeder Dritte lebt von Hartz IV, viele sind Migranten, jeder Fünfte verlässt die Schule ohne Abschluss.

Weil Wohnraum inzwischen aber knapp wird in Leipzig, steigt aber auch in Grünau die Zahl der Einwohner wieder, zuletzt auf über 50 000. Die Immobilienwirtschaft entdeckt den Stadtteil im Westen gerade neu. Die Lipsia-Genossenschaft beginnt 2018 mit dem Bau eines Zwölf-Millionen-Euro-Hochhauses. Doch der jahrzehntelange Abstieg Grünaus hat Probleme erzeugt, die sich dramatisch verfestigt haben. „In der Ringstraße haben wir mittlerweile den 14. oder 15. Eigentümerwechsel seit der Wende“, erzählt Sören Pellmann. Der Bundestagsabgeordnete der Linken kennt den Stadtteil wie seine Westentasche. „Da wird nicht mehr wirklich auf eine soziale Durchmischung bei der Vermietung geachtet. Das führt zu Unfrieden, Frustration und dazu, dass Leute, die hier seit 40 Jahren wohnen, das Handtuch werfen und gehen.“ Nicht nur einmal hörte er langjährige Bewohner klagen: „Wir halten es nicht mehr aus.“

Pellmann spricht von „massiven Problemen“ in der Stuttgarter Allee zwischen Ratzelstraße und S-Bahn. Zwei Jugendgangs trieben dort ihr Unwesen. Gewalt ist an der Tagesordnung, der Drogenhandel floriert. Doch nicht nur harte Kriminalität verunsichert die Menschen dort. Öffentlicher Alkoholkonsum, Unordnung und Ruhestörungen belasten zunehmend das nachbarschaftliche Zusammenleben. „Leute können abends nicht mehr schlafen, weil Partys bis spät in die Nacht gefeiert werden“, berichtet Pellmann. „Die Polizei hebt da berechtigterweise die Hände.“ Sie hat noch ganz andere Baustellen in der Stadt.

Deshalb will die Linksfraktion die Stadtverwaltung beauftragen, mit „geeigneten Maßnahmen“ für ein besseres Miteinander im Kiez, vor allem in Grünau-Mitte, zu sorgen. Der Antrag steht demnächst im Stadtrat zur Abstimmung.

Im Rathaus sieht man dafür keinen Grund, verweist stattdessen auf „umfangreiche Maßnahmen“, die seit Sommer 2016 schon umgesetzt würden. So gehen Ordnungsamt und Polizei seitdem auf gemeinsame Kontrollstreifen, ein zweiter Bürgerpolizist wurde eingesetzt. Der Marktplatz und sein Umfeld sind seit April 2017 als „gefährlicher Ort“ eingestuft. Die Caritas hat eine Beratungsstelle für Migranten eröffnet. Das Sozialamt mietet derzeit in Grünau keine weiteren Wohnungen für Flüchtlinge mehr an. Es gibt dort zwei Asylheime für 400 Personen, die aufgrund geringer Nachfrage im vergangenen Jahr bereits teilweise außer Betrieb genommen wurden. Das Gesundheitsamt schickt vier Sozialpädagogen des Suchtzentrums an zwei bis drei Tagen pro Woche zu sogenannten Trinkplätzen. Sie sollen dort Kontakt zu Alkohol- und Drogenabhängigen sowie Obdachlosen knüpfen und Hilfsangebote unterbreiten.

Die städtische Wohnungsgesellschaft LWB startete kürzlich ihr Pilotprojekt „Hausmeister mit Sozialfunktion“. Für vier 16-Geschosser in der Stuttgarter Allee engagierte der Vermieter einen eigenen Hausmeister, der nicht nur Sperrmüll, Dreck und Schmierereien leise beseitigen, sondern auch mit den Verursachern ins Gespräch kommen soll. Zudem gibt es nach Angaben des Dezernats für Umwelt, Ordnung und Sport „regelmäßige Kontakte“ zu den Vermietern in Grünau, Ein Anliegen sei es dabei, durch gezielte Wohnraumvergabe an Menschen mit Migrationshintergrund deren Integration zu erleichtern und „soziale, kulturelle und religiöse Spannungen“ zu vermeiden.

„Das sind erste Ansatzpunkte“, kommentiert Pellmann. Mehr aber auch nicht, findet der Vorsitzende der Linksfraktion im Stadtrat. „Um zu befriedigenden Ergebnissen zu kommen, reicht das nicht aus.“ Es müsse stadtentwicklungspolitisch etwas passieren. In unmittelbarer Nähe zur Stuttgarter Allee liege beispielsweise das ehemalige Lichtenberg-Gymnasium. „Ein Schandfleck“, sagt Pellmann. „Vermüllt, die Scheiben sind zerlegt, und dort tummeln sich mehr Ratten als im Rest des Gebietes. Das strahlt auf das ganze Viertel ab.“ Der Linkspolitiker fordert, den Runden Tisch Wohnen zu aktivieren. Die Vermieter müssten wieder stärker miteinander arbeiten, an einem Strang ziehen. Auch die Stadt nimmt Pellmann in die Pflicht. Pläne zu Kürzungen beim Quartiersmanagement, das ohnehin nur anderthalb Personalstellen hat, dürften nicht weiter verfolgt werden. Auch müsse die Stadtverwaltung in Sachen „Völkerfreundschaft“ nun endlich in die Pötte kommen. Seit drei Jahren sei die Stelle des Veranstaltungsmanagements in dem Kultur- und Jugendzentrum vakant, was dazu führe, dass es zu wenig genutzt wird. „Über viele Jahre war Grünau abgehängt“, sagt Pellmann, „und da ist noch immer was dran.“ Dabei habe der Stadtteil ein Pfund, mit dem die Stadt viel mehr wuchern könnte: die noch vorhandene soziale Infrastruktur.

Von Klaus Staeubert

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Lokales Verkehrsbetriebe suchen Lösungen - Leipzigs Straßenbahnen werden immer voller

Leipzigs Stadtpolitik will, dass noch viel mehr Bürger mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren. Denn der Autoverkehr produziert zu viele Schadstoffe und Lärm. Doch in den Straßenbahnen und Bussen ist es häufig schon jetzt übervoll.

04.03.2018

Der Stadtbezirksbeirat Mitte hat die Stadtverwaltung aufgefordert, unverzüglich den 2007 gefassten Stadtratsbeschluss, ein Sportmuseum in Stadionnähe zu entwickeln, umzusetzen. Der Antrag wird nun im Stadtrat diskutiert.

07.03.2018

Die Bahn findet keine Lösung für die Reinigung der City-Tunnel-Station unter dem Leipziger Markt. Die Fassaden sind mittlerweile seit Jahren völlig verschmutzt.

04.01.2018