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Friedliche Großkundgebung am Waldplatz: Flüchtlingsrat baut auf Leipzigs Bürgerschaft

Friedliche Großkundgebung am Waldplatz: Flüchtlingsrat baut auf Leipzigs Bürgerschaft

Den Flüchtlingen helfe es am meisten, wenn Anfeindungen sofort entgegengetreten wird, sagt Karim Noor Pour, der vor 14 Jahren als Oppositioneller aus dem Iran emigrierte.

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Huda Alqaisi (25), Alfred Fayad (36) und Habat Mahmud. Unten von links: die Sprecher Sonja Brogiato (54) und Karim Noor Pour (58).

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. "Ausgrenzung, Hass und Gewalt haben immer nur in die Katastrophe geführt. Das wissen wir aus der Geschichte islamischer Staaten wie aus der Geschichte Europas." Am besten wäre es, wenn heute 18.30 Uhr möglichst viele Menschen zu der friedlichen Großkundgebung am Waldplatz - auf der Freifläche vor dem AOK-Gebäude - kommen.

Nur bei einer Frage zögert die muntere Runde im Büro des Leipziger Flüchtlingsrates an der Sternwartenstraße. Ob ihnen der für heute Abend angekündigte Legida-Aufzug Angst mache, will der Journalist wissen. Dann erzählt Sprecherin Sonja Brogiato von einem arabischen Arzt, der als Spezialist in einer hiesigen Klinik täglich große Dankbarkeit der Patienten erfährt. "Aber nach einem islamistischen Anschlag Tausende Kilometer weit weg wurden seine Frau und die Kinder in der Straßenbahn beschimpft. Das ist die Gefahr bei Pegida oder Legida, zu denen ja nicht nur bildungsferne Dummköpfe gehen. Wer da mitläuft, unterstützt Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Er nimmt Gewalt billigend in Kauf und bereitet damit den Boden für den Nazi, der es dann tut."

Den Flüchtlingen helfe es am meisten, wenn Anfeindungen sofort entgegengetreten wird, sagt Karim Noor Pour, der vor 14 Jahren als Oppositioneller aus dem Iran emigrierte. "Ausgrenzung, Hass und Gewalt haben immer nur in die Katastrophe geführt. Das wissen wir aus der Geschichte islamischer Staaten wie aus der Geschichte Europas." Am besten wäre es, wenn heute 18.30 Uhr möglichst viele Menschen zu der friedlichen Großkundgebung am Waldplatz - auf der Freifläche vor dem AOK-Gebäude - kommen. Dort wollen auch Vertreter des Flüchtlingsrates das Wort ergreifen und betonen, wie wichtig ihnen ein komplett gewaltfreier Protest gegen Legida ist, so Sprecher Noor Pour. "Die Flüchtlinge sind stolz, in der Stadt einer friedlichen Revolution zu leben. Denn sie wurden oftmals durch brutalste Gewalt aus ihrer Heimat vertrieben. Wer das missachtet, hat nichts vom Anliegen dieser Menschen verstanden und schadet ihnen extrem."

Trotz aller Sorgen ist sich die Runde absolut sicher, dass das gute Miteinander von Einheimischen und Zuwanderern in Leipzig Bestand haben wird. Selbst wenn der Legida-Spuk viele Wochen dauern sollte. "2014 haben sich bei uns über 900 Einwohner als Flüchtlingspaten angemeldet", erzählt Habat Mahmud. Als die Lehrerin 1998 aus dem Irak nach Leipzig kam, habe sie nirgends Ansprechpartner gefunden. "Heute können wir auf viel Unterstützung aus der Bürgerschaft bauen. Vom Hartz-IV-Bezieher über Handwerker, Akademiker und Rentnern erhalten wir Kleidung, Spielzeug und andere Spenden. Es gibt ein großes Netzwerk ehrenamtlicher Dolmetscher. Allein 2014 haben sich 600 Lehrer zusätzlich und ehrenamtlich an unserem Programm Integration durch Bildung beteiligt."

Private Hausbesitzer, auch der kommunale Großvermieter LWB würden immer wieder bereitstehen, wenn es um Wohnungen für Flüchtlinge geht, setzt Huda Alqaisi die Aufzählung fort. Sie stammt aus Jordanien, hat ihre Ausbildung zur Konferenzdolmetscherin mit der Bestnote 1,0 abgeschlossen. "Die Zusammenarbeit mit der Ausländerbehörde und anderen Ämtern läuft in Leipzig sehr gut", strahlt Alqaisi. "Vor allem der Stadtrat, auch zunehmend die Wirtschaft unterstützen ein gutes Miteinander, was natürlich ein schnelles Erlernen der Sprache voraussetzt." Wenn Deutschland Exportweltmeister bleiben wolle, könne man nicht auf Abschottung setzen. In Sachsen fehlten bereits Tausende Lehrlinge - mit ein Grund, weshalb die Leipziger Handwerkskammer heute Abend ein neues Ausbildungsprogramm für Flüchtlinge vorstellen will.

Alfred Fayad kam vor elf Monaten als Kriegsflüchtling mit seinen schwer kranken Eltern aus Syrien in einem Uno-Kontingent nach Leipzig. "Ich fühle mich hier gut aufgenommen, möchte mich bei allen Einwohnern bedanken", sagt der Architekt - übrigens ein Christ, dem bei den ersten Schritten in Leipzig vor allem Muslime halfen. Fayad spricht bereits gut deutsch, hat eine kleine Wohnung in Lößnig. Sein Pate ist wie er Architekt.

Pegida in Dresden und der Nachahmer in Leipzig weisen Ähnlichkeiten mit Sekten auf, findet Brogiato. "Die haben stets die Wahrheit gepachtet und immer einen Sündenbock, dem man alle Schuld zuschieben kann." Das funktioniere am ehesten, wenn die Anhänger kaum Alltagserfahrungen mit dem vermeintlichen Feind haben. Durch den Popanz könnten sie ihre Versagensängste auf andere übertragen. "Ganz typisch ist, dass die Mitglieder nur noch Informationen der Sektenchefs glauben sollen, um blinde Gefolgschaft zu erlangen. Genau dieses Ziel verfolgt die Parole: Lügenpresse!"

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.01.2015

Rometsch, Jens

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