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Lokales Für Flüchtlinge auf Wohnungssuche in Leipzig
Leipzig Lokales Für Flüchtlinge auf Wohnungssuche in Leipzig
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00:38 27.09.2015
Das Pfarrerehepaar Andreas und Christia Dohrn hilft gern anderen Menschen.  Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

 Am Donnerstag wurde in Leipzig ein neues Angebot für Flüchtlinge gestartet. Unter der Internet-Adresse www.fluechtlingswohnungen.org können sich Vermieter, ehrenamtliche Wohnungspaten und Übersetzer registrieren lassen, wenn sie Asylbewerber bei der Suche nach einer Wohnung unterstützen wollen. Sie werden dann mit wohnungssuchenden Flüchtlingen zusammengebracht. Das Angebot wurde von Peterskirchen-Pfarrer Andreas Dohrn ins Leben gerufen.

Dohrn hat sich schrittweise an das Thema herangetastet. „Als im Januar die Pfarrerswohnung in unserer Kirche frei wurde, hat unser Kirchenvorstand beschlossen, dass dort Flüchtlinge einziehen können“, erzählt der 48-Jährige. Er sei deshalb ins Sozialamt gegangen und habe nach einer Flüchtlingsfamilie gefragt, die am dringendsten eine Wohnung benötigt. „Da wurde mir gesagt, dass ich nur eine muslimische Familie bekommen könnte“, so der evangelische Christ. „Sie waren etwas erstaunt als ich ihnen sagte, dass das in Ordnung sei.“

Deshalb wohnt seit März eine zwölfköpfige Familie aus Syrien in der Pfarrerswohnung an der Peterskirche. „Die zehn Kinder sind zwischen zwei und 21 Jahren alt“, erzählt Dohrn. „Die älteste Tochter hat schon in Syrien Jura studiert, der älteste Sohn will jetzt in Leipzig sein Abitur machen. Das sind alles gebildete Leute.“

Seit diesem Erlebnis überlegt Dohrn, wie es wohl anderen Flüchtlingen ergehen wird, wenn sie aus der Gemeinschaftsunterkunft ausziehen. Durch Gespräche mit Vermietern weiß er inzwischen, dass sich dabei enorme Hürden auftürmen werden: Die meisten Vermieter benötigen die Gewissheit, dass Flüchtlinge „mindestens drei Jahre plus X“ in Deutschland bleiben dürfen und würden es begrüßen, wenn sie in Begleitung eines Übersetzers oder eines Paten erscheinen, die ihnen die Details des Mietvertrages erläutern. Und sie wollen wissen, ob sich die Flüchtlinge die Wohnung auch leisten können. Denn im Gegensatz zu deutschen Mietern können die Flüchtlinge in der Regel keine Schufa-Auskunft vorlegen. „Das Sozialamt akzeptiert nur Bruttokaltmieten bis etwa sechs Euro je Quadratmeter Wohnfläche“, hat der Pfarrer entdeckt. Viele Wohnlagen seien deshalb für Flüchtlinge gar nicht erschwinglich. „Im Prinzip sind es nur die sogenannten C-Lagen im Stadtgebiet.“

Um die häufig nur arabisch sprechenden Flüchtlinge mit geeigneten Vermietern zusammenzubringen, kam Dohrn auf die Idee mit dem Internet-Wohnungsportal. Dort können sich ab sofort nicht nur Vermieter mit geeigneten Wohnungen registrieren lassen, sondern auch Wohnungspaten, mit deren Hilfe die Asylbewerber die bürokratischen und sprachlichen Hürden bei der Wohnungssuche überwinden können. „Besonders wichtig ist der vertrauensvolle Gesprächsfaden von Familie, Vermieter, Übersetzer und Ämtern“, weiß Pfarrer Dohrn. „Auch das deutsche Mietrecht und die rechtlichen Vorschriften sind für Flüchtlinge selbst fast undurchschaubar.“ So hätten in Leipzig selbst Großvermieter keine Hausordnungen, die in arabischer Sprache verfasst sind. Deshalb haben die Gemeindemitglieder der Peters- und Bethlehemgemeinden gemeinsam mit der Ökumenischen Flüchtlingshilfe und zahlreichen Experten aus der Stadtverwaltung und Wohnungswirtschaft das neue Wohnungsportal entwickelt. Rund 25 Vermieter hätten bereits signalisiert, dass sie sich dort mit Wohnungsangeboten registrieren lassen wollen – leer stehende Wohnungen gibt es genug. „Wenn das Modell gut anläuft, kann es auf andere Regionen und andere Zielgruppen ausgeweitet werden“, so Dohrn. Er denkt dabei auch an die Vermittlung von Wohnungsangeboten für Frauen, die übergangsweise in Frauenhäusern Zuflucht gesucht haben. Oder an Leute, die aus Gefängnissen entlassen werden.

Der Pfarrer ist sich sicher, dass Leipzigs Anstrengungen zur dezentralen Unterbringung von Flüchtlingen noch enorm gesteigert werden müssen. „Wir werden bald so viele Flüchtlinge täglich in Wohnungen unterbringen müssen, wie jetzt täglich ankommen“, sagt er. Die Stadt sollte besser schon jetzt dafür sorgen, dass auch in einigen Jahren noch genügend preiswerte Wohnungen für alle Bedürftigen verfügbar sind. „Das heißt, dass nicht alle Wohnungen teuer saniert werden sollten“, sagt der Pfarrer und macht sich auch für eine dezentrale Unterbringung der Flüchtlinge stark. Dohrn: „Wenn es uns nicht gelingt, die Flüchtlinge räumlich verteilt unterzubringen, werden im Stadtgebiet Bereiche entstehen, in denen es eine hohe Ballung von Asylbewerbern gibt.“

Die Stadt sollte deshalb den großen Wohnungsbaufirmen den Auftrag erteilen, auch preisgünstigen Wohnraum zu schaffen. „Nach drei Häusern mit hoher Rendite muss ein Haus mit günstigen Mieten gebaut werden“, sagt er.

Die Leipziger Bürgerschaft sollte sich ebenfalls entscheiden, „ob sie sich abschotten und verbarrikadieren, oder mit den Flüchtlingen offen zusammenleben“ will. „Aus meiner Sicht ist das Zweite sinnvoller“, sagt Dohrn. Ein wichtiges Ziel des neuen Internet-Wohnungsportals sei deshalb auch, den Leipzigern die Angst vor den Neuankömmlingen zu nehmen. „Durch die Kontakte mit den Flüchtlingen werden viele erkennen, dass diese Menschen eine Bereicherung für unsere Stadt sind“, meint der Pfarrer. Das beste Mittel gegen die Angst vor Fremden sei, sie kennenzulernen: „Durch die Wohnungspaten können aus Fremden Nachbarn werden, die sich in unsere Gesellschaft einleben und ihre Spielregeln verstehen und akzeptieren. Wenn das gelingt, kann unsere Stadt davon enorm profitieren – sowohl demografisch, als auch wirtschaftlich und auf jeden Fall menschlich.“

Von Andreas Tappert

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