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„Für Leipzigs Radwege wird der Winterdienst ein Thema“

Leipzig wächst – und nun? „Für Leipzigs Radwege wird der Winterdienst ein Thema“

Leipzigs Müllpreise sind in der Bürgerschaft ein Politikum. Niemand will, dass sie steigen – aber damit dies gelingt, müssen in den nächsten Jahren viele Weichen richtig gestellt werden. Der Eigenbetrieb Stadtreinigung steht vor einer Zäsur.

Leipzig wächst immer mehr und wird immer dichter bebaut – die Saubermänner der Stadtreinigung haben immer weniger Platz für ihre Arbeit.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Im Schritttempo schleicht das orangefarbene Mercedes-Müllfahrzeug durch die Schlegelstraße. Fahrer Stephan Arndt muss gehörig aufpassen, denn rechts und links parken Autos – nur wenige Zentimeter Abstand bleiben an beiden Seiten. Plötzlich biegt vorn ein DHL-Transporter ein und kommt direkt auf Arndt zu – jetzt geht gar nichts mehr in der schmalen Straße. Ein Glück, der DHL-Fahrer legt den Rückwärtsgang ein, Arndt kann doch noch bis zum Müllabstellplatz vorrollen. Jetzt springen René Bergmann und Mario Paul von ihren Trittstufen am Heck, hasten zu den Mülltonnen und ziehen sie zum Fahrzeug. „Der Müll wird immer mehr“, stöhnt Bergmann.

20 solcher Trupps sind Montag bis Freitag in Leipzig im Einsatz. Bis jetzt kommen sie mit der Entsorgung hinterher. Doch die Zeit wird immer knapper. „Die meisten Überstunden machen wir im Winter“, erzählt Bergmann. Wegen des Schnees und der dann eingefrorenen Müllcontainer.

Im Stünzer Hauptquartier der Leipziger Stadtreinigung hat Frank Richter diese Entwicklung genau im Blick. Er ist der Leiter des kommunalen Eigenbetriebes der Stadt Leipzig. „Entscheidend ist, wo die vielen Neu-Leipziger wohnen werden“, sagt der 64-Jährige. „Solange das Wachstum in Leipzigs zentralen Stadtteilen stattfindet, halten sich unsere Probleme in Grenzen.“ Dort müssten nur die Sammelzeiten verlängert und Touren angepasst werden – das alles sei mit relativ wenig zusätzlicher Technik und einigen neuen Mitarbeitern relativ problemlos zu bewerkstelligen. Im nächsten Jahr werden deshalb fünf Mitarbeiter für die Abfallentsorgung eingestellt. „Dann gehen zwei zusätzliche Kolonnen auf Tour“, skizziert der Betriebsleiter. Gemessen an den heute 250 Mitarbeitern im Bereich Abfallentsorgung ist das marginal. Aber lassen sich die bis 2030 avisierten 160 000 Neu-Leipziger in den vorhandenen zentralen Stadtteilen unterbringen? Wohl kaum.

Selbst wenn das Unmögliche gelänge, würde vieles schwieriger. „Das Problem der zugeparkten Straßen wird sich sicher verschärfen“, glaubt Richter. Er würde dann den Leipzigern sogenannte „Bereitstellungsplätze“ zuweisen – also neue Entsorgungsplätze an Straßenecken, zu denen die Anwohner am Abholtag ihre Behälter rollen müssten, damit sie von den Fahrzeugen der Stadtreinigung schneller und unproblematisch geleert werden können. Doch Richter wird das nicht mehr entscheiden: Er geht mit dem Jahreswechsel in den Ruhestand.

Probleme könnte es auch geben, wenn die Leipziger in Zukunft deutlich mehr Müll produzieren als bislang. Seit Jahren ist der Restabfall mit rund 146 Kilogramm pro Einwohner und Jahr relativ konstant – und einen moderaten Anstieg haben Leipzigs Saubermänner in ihre Prognosen bereits eingerechnet. Vieles wird davon abhängen, ob die nächste Generation der Leipziger den Müll genauso akribisch trennt wie die heutige.

Leipzigs Müll wird zum Entsorgungszentrum Cröbern gebracht und dort in einer mechanisch-biologischen Abfallbehandlungsanlage aufbereitet. Die dazugehörige Deponie besitze ausreichend Kapazitäten, um auch noch im Jahr 2030 die behandelten Leipziger Abfälle aufzunehmen, betont Richter. Aber das allein reicht nicht aus: Schon 2025 läuft die Betriebsgenehmigung für die Behandlungsanlage ab und dann muss entschieden werden, wie es dort weitergeht. Denkbar ist, die alte Anlage zu ertüchtigen. Oder mit der Errichtung einer Müllverbrennungsanlage einen ganz neuen Weg bei der Abfallbehandlung einzuschlagen. Dann werden viele Varianten durchgerechnet werden und es wird in alle Richtungen gedacht, heißt es in der Stadt. Denn davon hängt nicht nur Leipzigs Entsorgungssicherheit ab, sondern auch, wie hoch die Müllgebühren in Zukunft in der Stadt sein werden. Im nächsten Jahr muss bereits mit der Analyse begonnen werden, wenn 2025 die beste Lösung auf dem Tisch liegen soll.

Leipzigs Müllgebühren hängen schon heute zu 50 bis 60 Prozent von den Preisen Dritter ab. Neben der Anlage in Cröbern spielt dabei auch der Weltmarkt eine immer stärkere Rolle. „Unsere Schrott-Erlöse sind in der letzten Zeit deutlich zurückgegangen“, berichtet Richter. Denn die Weltmarktpreise für Stahl und andere Rohstoffe sind enorm gefallen. „Für die Entsorgung von Holz müssen wir in diesem Jahr zahlen, im vergangenen Jahr haben wir es noch kostenlos abgeben können“, ergänzt Leipzigs oberster Saubermann. Auch die Holzpreise sind in Deutschland im Keller.

Wenn Leipzigs Straßennetz nicht deutlich wächst - was viele Leipziger Experten vermuten – könnte die Straßenreinigung bleiben wie sie ist. „In den vorhandenen Straßen sind wir doch schon heute mit unseren Maschinen unterwegs“, sagt Richter. „Und wenn in der Fläche neue Einfamilienhaussiedlungen gebaut werden, entstehen dort Anliegerstraßen, die nicht der öffentlichen Reinigung unterliegen werden.“ Auch bei der benötigten Räum- und Streutechnik für schlechte Wetterlagen würde Richter gern alles so lassen wie es ist. Doch viele Leipziger sehen das anders. Der Grund: Im Winter versinken regelmäßig ganze Stadtteile im Schnee und bis auf den geräumten Hauptstraßen ist nirgendwo ein Durchkommen. Soll das ewig so bleiben, fragen viele. Und wenn noch 160 000 Einwohner mehr im Schneechaos feststecken – müssen dann nicht völlig neue Konzepte entwickelt werden? Die Antworten dafür müssen noch gefunden werden.

Richter räumt ein, dass eine größere Stadt auch im Winter mehr Mobilität braucht. „Für Leipzigs Radwege wird der Winterdienst ein Thema werden“, reißt er eine Entwicklung an. Zumindest für die Rad-Hauptrouten. „Aber wenn der Stadtrat einen Winterdienst für diese Routen festlegen sollte, muss er auch das Geld bereitstellen, um die notwendige spezielle Räumtechnik anzuschaffen.“ Oder den Auftrag an private Firmen vergeben.

Bei der Sperrmüllentsorgung gibt es schon heute Handlungsbedarf. Leipzig besitzt zwar mit seinen 17 Wertstoffhöfen eine ungewöhnlich große Anzahl von Annahmestellen – aber einige Plätze sind relativ klein und schon heute gut ausgelastet. Deshalb wird derzeit untersucht, wie die Plätze leistungsfähiger gemacht werden können. Vieles wird davon abhängen, ob Leipzigs jährliches Sperrmüll- und Holzaufkommen von 38 Kilogramm pro Person bis zum Jahr 2030 konstant bleibt – oder deutlich ansteigt. „Wir werden sicherlich in ein bis zwei Jahren noch auf 40 Kilogramm kommen“, schätzt Richter.

Wenn es deutlich mehr werden, müsste Leipzig ein völlig neues System der Abfallentsorgung entwickeln. Die 1,5 Millionen-Metropole München hat beispielsweise nur sechs Sperrmüllplätze – die allerdings alle deutlich größer sind als die Leipziger. „So große freie Flächen haben wir gar nicht mehr im Stadtgebiet“, sagt Richter.

Der Böhlitz-Ehrenberger wird nach dem Jahreswechsel aus der Distanz beobachten, wie die neue Betriebsleitung diese Herausforderungen angeht. Als Ruheständler will sich Richter künftig vor allem der Familie widmen, viel lesen und häufiger ins Theater und ins Gewandhaus gehen. Und sich ein Sky-Abo zulegen, um die Fußballspiele von RB Leipzig zu sehen.

Von Andreas Tappert

Leipzig, Geihtainer Straße 60 51.3413358 12.4436144
Leipzig, Geihtainer Straße 60
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