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Für Motorboote: "Leipzig braucht einen neuen Kanal nach Süden"

Leipziger Neuseenland Für Motorboote: "Leipzig braucht einen neuen Kanal nach Süden"

Am Mittwoch hat Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke) in der LVZ seine Pläne für das städtische Gewässernetz vorgestellt. Heiner Haass, Experte für Wassertourismus, sieht noch große Defizite.

Leipzigs Tor nach Süden: der Floßgraben. Das naturnahe und die meiste Zeit des Tages gesperrte Gewässer ist die einzige Bootsverbindung ins Neuseenland .

Quelle: André Kempner

Leipzig. Damit Leipzig punkten kann, seien ganz andere Investitionen nötig.

Sommer, Sonne, Sonnenschein - und ausgerechnet jetzt steht Leipzigs Gewässer-Tor zum Cospudener See nur stundenweise offen. Ruder- und Paddelboote dürfen den auf dem Weg nach Süden liegenden Floßgraben zum Schutz des Eisvogels nur noch von 11 bis 13, 15 bis 18 und 20 bis 22 Uhr passieren. Wenn Leipzig den Anschluss an die Gewässerentwicklung im Süden nicht verpassen will, muss die Stadt auf eine alternative Verbindung setzen, sagt Wassertourismus-Experte Heiner Haass (59).

Verballerte Millionen

"Man sollte einen künstlichen Kanal von der Stadt runter nach Süden anlegen, der uneingeschränkt mit Sportbooten befahrbar ist", empfiehlt der Professor an der Hochschule Anhalt in Bernburg. "Alles andere ist Unfug. Darauf zu warten, dass sich die Situation am Floßgraben ändert, ist Illusion." Haass rechnet eher damit, dass sich der Schutzstatus noch verfestigt. "Es war von Anfang an bekannt, dass der Floßgraben ein Nadelöhr darstellt." Der Engpass könne niemals so aufgeweitet werden, dass er den Bootsverkehr einer Halbmillionenstadt in das Neuseenland aufnimmt.

Nun räche sich, dass die Politik den Schleusenbau in Connewitz einst gegen jedwede Vernunft durchboxte, so Haass. "Kein Politiker will diesen Fehler eingestehen, zurückrudern und sagen: Da haben wir damals Geld verballert." Vier Millionen Euro sind in die 2011 eröffnete Schleuse geflossen, deren Sinn durch die tägliche 17-Stunden-Sperrung des Floßgrabens auch schon von Umweltverbänden in Zweifel gezogen wurde.

Für Visionen wie einen Kanalbau bräuchte es klare Konzepte. Doch was dazu auf dem Tisch liegt, überzeugt den Hannoveraner nicht. Erst in diesem Jahr kam ein tourismuswirtschaftliches Gesamtkonzept für die Gewässerlandschaft im mitteldeutschen Raum heraus. "Die Realisierung wäre fatal", warnt Haass, "da hierdurch nicht nur eine falsche Entwicklungsrichtung eingeschlagen würde, sondern auch viele tatsächliche Chancen ungenutzt blieben und schließlich auch öffentliche Gelder fehlverwendet würden." Den Masterplan nennt er eine "strategielose Sammlung vieler Einzelheiten". Innovative und unkonventionelle Ideen? Fehlanzeige, sagt Haass. Die zehn aufgelisteten Leuchtturmprojekte, darunter "Klimaneutraler Tourismus in Mitteldeutschland", erscheinen ihm hilflos. Haass: "Es fehlen echte Wassertourismusangebote. Die gemachten Vorschläge sind allgemein touristisch, einfallslos und ideenarm". Die meisten Ziele seien obendrein Selbstverständlichkeiten.

Verkannte Potenziale

Den Autoren fehle überdies "die bootsfachliche, nautische und wassertouristische Kompetenz". Sie nutzen Begriffe, die es in der Nautik nicht gebe, etwa Windentfaltung, Motorbootschifffahrt oder Motoryachten. Letztere seien laut Haass für die Region "völlig unpassend", weil sie größere Schiffe mit Einbaumaschine und einer Länge von mindestens acht Metern bezeichneten. Der Professor spricht sich grundsätzlich gegen solche Boote und hohe Motorisierungen auf den Gewässern in und um Leipzig aus, weil sie andere Nutzer - Surfer, Kanuten und Jollenfahrer - verdrängen. Die Behörden müssten für die Seen und Flüsse einen verträglichen Bootsbesatz und maximale Bootsgrößen feststellen. Er habe nichts gegen Motorboote - sofern sie auf die Gewässer passen. "Mit einem Motorboot mit 30, 40 oder 50 PS, in dem vier Leute sitzen, könnte man problemlos fahren."

Daneben hat Haass mit inhaltlichen Schwerpunkten im Konzept Probleme. Etwa mit der herausgehobenen Stellung des Kanu-Wanderns. "Die Kanu-Euphorie der 90iger Jahre", schreibt er in seiner 20-seitigen Stellungnahme zu dem Papier, "hat ihren Höhepunkt bereits lange überschritten." Mittlerweile könne man quasi auf jedem Bach in Deutschland Kanu fahren. "Damit kann man die Einmaligkeit der Region auf keinen Fall stärken."

Verkehrte Zielgruppen

Angeln sei dagegen völlig verkannt, dabei erfahre der Sport einen großen Zulauf. "Selbst Potenziale, die in der Region liegen, wurden nicht erkannt", moniert der Sachverständige. Etwa die Flößerei, "die in den Leipziger Gewässern historisch entstanden ist". Heiner Haass sieht darin ein Alleinstellungsmerkmal.

Das Konzept berücksichtige weder die alternde Gesellschaft noch die Bevölkerung vor Ort ausreichend. "Die große Zahl von Urlaubern, die mit dem Boot kommen, wird es nie geben", ist Haass sicher. "Die Hauptkundschaft ist die regionale Bevölkerung."

Analysen der Hochschule Anhalt hätten gezeigt, "dass ein Euro Umsatz aus dem Wassertourismus in der Naherholung bis zum Zehnfachen gesteigert werden kann. Dieses Geschäft ist also im Bootsbereich wirtschaftlich interessanter und lukrativer als der Tourismus." Viele Menschen auch in Leipzig hätten Interesse, sich ein Boot zuzulegen. Voraussetzung, damit sich Bootsbauer, Werften, Servicebetriebe und Wassersportschulen ansiedeln. Haass: "All das ist der Wirtschaftsfaktor im Wassersport, und der ist momentan nur minimal entwickelt."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.07.2015

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