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Gänsehautgefühl beim Lichtfest in Leipzig

Gänsehautgefühl beim Lichtfest in Leipzig

Eine Stadt voller Emotionen: Die Leipziger und ihre Gäste erlebten ein bewegendes Lichtfest. Nach Angaben der Veranstalter kamen mehr als 100.000 Besucher. Der ganze Augustusplatz – ein Menschenmeer.

Durch die überfüllte Grimmaische Straße tönten Ansprachen und Sprechchöre vom 9. Oktober 1989. Menschen, Menschen, Menschen drängten sich durch die City. Wie damals. Nur waren es am Freitag noch erheblich mehr. Das City-Hochhaus empfing sie mit einer übergroßen 89, geformt von erleuchteten Fenstern. Gegenüber, an der Oper, wurde der Schriftzug „Leipzig 89“ aus Kerzen errichtet. Einigen Besuchern standen die Tränen in den Augen. Denn das Gänsehautgefühl stellte sich wieder ein. Jene Anspannung, die die mutigen Bürger empfunden haben, als sie am Tag der Entscheidung vor 20 Jahren über den Ring zogen.

Bei den couragierten Leipzigern bedankte sich Bürgerrechtlerin Katrin Hattenhauer, die an jenem Tag der Entscheidung bereits im Gefängnis saß. Sie kam erst Tage später wieder frei. „Wir haben die Demokratie nicht geschenkt bekommen. Wir haben sie erkämpft. Das ist das eigentliche Wunder von Leipzig“, sagte sie.

Mit Jubel und Beifall wurde Hans-Dietrich Genscher empfangen. „Danke, Leipzig“, rief der ehemalige deutsche Außenminister. „Der 9. Oktober ist eines der wunderbarsten Daten in unserer Freiheitsgeschichte.“ Kurt Masur, der damals den berühmten Aufruf der Leipziger Sechs verlesen hatte, war zu Tränen gerührt. Ihm fiel es schwer zu sprechen. Lieber würde er musizieren, sagte er. Was er beim Festkonzert am Abend auch noch machte. Eins gab er den Menschen aber mit auf den Weg: „Wir müssen uns auf die Kraft besinnen, die von Leipzig ausging. Die Stadt ist es wert.“

Dann setzte sich die Menge allmählich in Bewegung, nahm den Ring Stück für Stück in Besitz. Was für ein Bild: Keine Autos, keine Straßenbahnen – nur Massen auf Gleisen, Asphalt, Fußwegen. Suchscheinwerfer nahmen die Besucher in Höhe der Oper ins Visier. Strahler tasteten die Straße ab. Befehle schallten über Köpfe hinweg. Eine der vielen audiovisuellen Lichtfest-Projekte, die es einem kalt über den Rücken laufen ließ.

„Für uns Jüngere ist das wichtig. Wir kennen die Geschichte ja nur aus Erzählungen und Büchern. Jetzt kann ich besser nachvollziehen, wie es damals war“, sagte Sabrina Bernd (17), die mit Freunden gekommen war. „Wahnsinn, was hier los ist.“

Dann ging es weiter. Vorbei am illuminierten Wintergartenhochhaus, vorbei an einem gespenstisch beleuchteten und mit düsteren Klangteppichen verfremdeten Hauptbahnhof, vorbei an der mit menschlichen Silhouetten verzierten Reformierten Kirche – bis zur ehemaligen Fußgängerbrücke Blaues Wunder, die für einen Abend als Leinwand-Installation zurückkehrte. Darauf zu sehen: Aufnahmen der Menschenmassen und Schriftzüge wie „Wir bleiben hier“. Auch der legendäre Stadtfunk, 1998 abgeschaltet, erlebte für wenige Stunden ein Comeback. Vor der Runden Ecke wurde Konfetti aus Visitenkarten in die Luft geschossen. Darauf zu lesen: ein Deckname und ein Beruf – aus dem Bestand bereits veröffentlichter Unterlagen zur Arbeit der Leipziger Staatssicherheit.

Ebenso eindrucksvoll: die riesige Bühne auf der Baustelle Höfe am Brühl. In den späten Abendstunden erklang dort die Sinfonie der Tausend – von Musikern aus Leipzig und aus Partnerstädten.

Die teils überwältigenden Reaktionen der Lichtfest-Besucher auf die verschiedenen Installationen und Aktionen waren schon kurz nach dem Start der Veranstaltung auf drei großen LED-Wänden entlang der Strecke und einer 18 Quadratmeter großen Anzeigetafel auf dem Augustusplatz nachzulesen. Zum Beispiel: „Bin auch vor 20 Jahren immer dabei gewesen. Habe nun sehr zu kämpfen, dass ich nicht losheule. Eure Zicke.“

Bereits im Vorfeld hatte die Leipziger Volkszeitung alle Leser und Lichtfest-Gäste aufgerufen, sich interaktiv an dem Event zu beteiligen und ihre Eindrücke per SMS und Twitter an LVZ-Online und direkt auf die Videowände zu schicken.

Mathias Orbeck, Peter Krutsch

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