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Lokales Gedenken am Mahnmal in der Gottschedstraße
Leipzig Lokales Gedenken am Mahnmal in der Gottschedstraße
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20:45 09.11.2018
Zeitzeugin Eva Wechsberg. Quelle: Foto:
Leipzig

Küf Kaufmann war noch ein Kind und saß auf dem Schoß seiner Oma. Sie hatte eine tiefe Narbe am Hals. Ein Kosake hatte sie ihr mit einem Säbel zugefügt, während des Kiewer Pogroms im Jahr 1914. „Ich berührte vorsichtig diese Narbe und fragte: Was ist das? – Pogrom, antwortete die Großmutter.“ Der heutige Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig erzählte am Freitag ein Stück eigene Geschichte bei der Gedenkveranstaltung am 9. November. Vor 80 Jahren brannten auch in Leipzig Synagogen. Tausende Bürger jüdischen Glaubens fielen dem nationalsozialistischen Terror allein hier zum Opfer. Rund 100 Menschen, darunter Politiker aus Stadt und Freistaat, versammelten sich am Mahnmal in der Gottschedstraße, wo die Große Gemeindesynagoge stand, bevor sie angezündet wurde und niederbrannte.

Eine schreckliche Narbe

Als Küf Kaufmann von diesem Pogrom erfuhr, verstand er erstmal nichts. Von einer Kristallnacht war die Rede. „Pogrom – das ist eine schreckliche Narbe. Und Kristallnacht – das ist ein Himmel voller wunderbarer Sterne, glitzernd wie Kristall. Als ich erwachsen wurde, begriff ich: Kristallnacht – das sind nicht glitzernde Sterne. Das sind Scherben von Millionen Menschenleben und Schicksalen.“ Heute habe man das Gefühl, dass diese Zeiten weit entfernt sind. „Aber die gesellschaftliche Entwicklung macht uns leider wieder Sorgen.“

Am Mahnmal in der Gottschedstraße gedachten am Freitag Bürger sowie Vertreter aus Politik und Gesellschaft der Opfer der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938.

„Auch Bürger unserer Stadt waren Täter“

Hassmails, Hakenkreuze und Pöbeleien gegen Juden, antisemitische Straftaten seien wieder auf dem Vormarsch, sagte Verwaltungsbürgermeister Ulrich Hörning (SPD). Auch in Leipzig gebe es solche Vorfälle, auch an Schulen. Manches, was vor zehn Jahren unsagbar war, werde salonfähig. „Da gilt es zu widersprechen und klare Kante zu zeigen“, betonte Hörning. „Auch hier ist vor 80 Jahren das Unfassbare passiert. Auch Bürger unserer Stadt waren Täter. Heute müssen wir uns jeden Tag fragen, ob wir dem Artikel 1 unseres Grundgesetzes gerecht werden – nicht nur einmal im Jahr. Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Nie wieder dürfe sich die Geschichte wiederholen – das sei der klare Auftrag für das Hier und Heute. „Wir wollen, dass den Opfern gedacht wird, um ihnen Würde und Namen zu geben“, sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). „Wir wollen, dass Kinder und Jugendliche aus dieser Zeit und aus diesen Verbrechen lernen.“ Der Staat und die gesamte Gesellschaft müssten dafür sorgen. „Im Alltag müssen wir Halt sagen, wenn es Grenzverschiebungen gibt. Denn aus Gedanken werden Worte und aus Worten werden Taten.“ Es brauche mehr Aufklärung in den Schulen und auch in Sachsen einen Antisemitismus-Beauftragten, forderte Küf Kaufmann.

Bewegende Geschichte

Eva Wechsberg (96) lebt heute in Los Angeles. Sie schilderte in bewegenden Worten, was ihr widerfuhr, vor 80 Jahren in der Gohliser Straße. Eva Wechsberg war mit ihrem jüngeren Bruder und der Mutter allein, der Vater schon in den USA; die Familie sollte nachkommen. Ihr Zuhause blieb verschont, aber die Mutter und ihre Kinder hörten gegenüber die Scheiben klirren, sahen Möbel auf die Straße fliegen. Die Familie stand drei Tage hinter den Gardinen und traute sich nicht raus. Später gelang ihr die Flucht.

„Ich weiß, wie ein Pogrom aussieht“, sagte Küf Kaufmann. „Pogrom ist eine Narbe in meinem Herzen. Diese Narbe verheilt niemals.“ Nie wieder und nirgends dürften Synagogen, Kirchen oder Moscheen brennen. „Damit kein Kind auf Erden erfahren muss, wie ein Pogrom aussieht.“

Im Ariowitsch-Haus (Hinrichsenstraße 14) beginnt am Sonntag um 17 Uhr ein audiovisuelles Konzert zum 80. Jahrestag der Pogromnacht.

Von Björn Meine

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