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Gedenken an Marx-Besuch in Leipzig: Original-Tafel aufgetaucht

Gedenken an Marx-Besuch in Leipzig: Original-Tafel aufgetaucht

Erinnerung an Karl Marx' Aufenthalt in Leipzig: Eine lange verschwundene Tafel am Hotel Am Bayrischen Platz war 1999 wieder aufgetaucht. Dieser Tage gab es plötzlich eine zweite.

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Noch hat Richard Gauch das große originale Sandstein-Teil daheim im Wohnzimmer.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Verwirrung pur.

Mitunter kommt jemand zu etwas "wie die Jungfrau zum Kind". Beinahe sprichwörtlich ging es jetzt dem Leipziger Richard Gauch so. Dem Vorjahres-Preisträger "Couragiert in Leipzig". Immer wieder hatte er sich um das Gedenken an Menschen unserer Stadt bemüht, die insbesondere Opfer des Nationalsozialismus geworden waren. So berichtete die LVZ etwa über sein Engagement zur Erneuerung von zerstörten Gedenktafeln oder -steinen. Etwa die für Alfred Frank und Georg Schwarz. Eine Sache, die sich wohl herumspricht. Und so erhielt er dieser Tage, er saß des nachmittags gemütlich vorm heimischen PC, "aus heiterem Himmel den Anruf eines unbekannten Herrn". "Dieser sagte, er sei im Besitz der originalen Gedenktafel für Karl Marx, die einst am ,Hotel Am Bayrischen Platz' angebracht war. Und die würde er mir gern geben", erzählt Gauch.

Schon vier Tage später, beim Treff, bekam er das 52 Zentimeter mal 75 Zentimeter große alte Sandstein-Teil nicht nur in die Hand gedrückt, sondern auch die dazugehörige Geschichte: "Die Tafel ist dem Andenken an Karl Marx und dessen Tochter Eleanor gewidmet, die vom 22. bis 24. September 1874 in diesem Hotel übernachtet hatten. Bis zum Herbst 1989 hing sie da auch noch an der Fassade, als, wie es nun hieß, ein Leipziger beobachtete, wie sich junge Leute per Spitzhacke anschickten, sie zu zerstören", so Gauch. "Daraufhin sollen der Bürger lautstark interveniert und die Vandalen die Flucht ergriffen haben. Um eine weitere Zerstörung oder gar die endgültigen Vernichtung der Tafel zu vermeiden, nahm der Mann sie damals zunächst an sich. Nach der wirren Wendezeit wollte er sie den rechtmäßigen Hotelbesitzern wieder überlassen." Doch als sich die wirre Wendezeit in ruhigere Bahnen verlaufen hatte, habe der Leipziger festgestellt, dass am Hotel schon wieder eine Gedenkplatte hing. "Der Herr, der mir jetzt die Tafel übergab, war mit jenem Leipziger befreundet und meinte, dass diese Entdeckung seinem Freund seinerzeit sehr peinlich war. So, dass er über sein Verwahrstück erst mal weiterhin schwieg", sagt Gauch. "Dann aber erkrankte der Tafel-Retter schwer, überließ das denkwürdige Teil seinem Freund mit der Bitte, sie nach seinem Tod wiederum mir zu übergeben."

Dieses Jahr starb der Tafel-Beschützer. Und jetzt hat Gauch das gute Sandstein-Stück im Wohnzimmer. Flugs nahm er E-Mail-Kontakt zum Hotel auf. Antwort kam prompt: "Sehr gerne nehmen wir die Originalgedenktafel wieder in Besitz", freut es die das Haus heute betreibende MTVB GmbH, die Gauch zudem "sehr herzlich" für sein "ehrenhaftes Verhalten" dankt. Beide Seiten suchen nun nach einem passenden Übergabetermin.

Man könnte es bei diesem stadtgeschichtlich-netten Happyend nun belassen. Wäre da nur nicht in LVZ-Redaktionsstuben das große Grübeln ausgebrochen: Was ist mit der Bronzetafel, die bislang am Hotel Am Bayrischen Platz hängt, was erst seit 1997 so heißt und ursprünglich seit seiner Erbauung 1870 unter Hotel Hochstein firmierte? Das Bronze-Teil kam im Oktober 1999 vor Ort. Die LVZ dokumentierte dies damals unter der Überschrift "Jahrelang vermisste Gedenktafel erinnert wieder an Schlafgast Marx". Auf jener Platte steht lediglich, dass der Manifest-Autor "im September als Gast Wilhelm Liebknechts in diesem Haus weilte". Während auf Gauchs aktuellem Tafel-Schatz Töchterchen Eleanor und die konkreten Aufenthaltstage explizit vermerkt sind. Die Geschichte dazu hatte seinerzeit der heutige Linken-Stadtverbands-chef Volker Külow geliefert.

Demnach hatten Gäste aus München das Geburtshaus Karl Liebknechts in der Braustraße besucht, das heutige Hauptquartier der Leipziger Linken. Sie hatten nach einer Gedenktafel von Rosa Luxemburg geforscht. Die dort auch echt im Arbeitszimmer des damaligen PDS-Stadtrates Dietmar Pellmann stand - verdeckt aber von einer anderen, 50 mal 60 Zentimeter großen, verschmutzen Platte. Bei näherer Betrachtung wähnten die Besucher in dieser just jene Marx-Platte entdeckt zu haben, die sie von früher, vom Hotel Hochstein, kannten. "Mitten in den Wirren des Einzugs ins sanierte Liebknechthaus hatte sie uns ein Mann gebracht, der sie wohl irgendwie vom Schrott gerettet hatte", hatte Külow damals gegenüber LVZ berichtet und engagiert mit dafür gesorgt, dass die Bronzetafel dann 1999 feierlich ans Hotel kam. Die Preisfrage nun: Welche Tafel ist jetzt an der Herberge die echte? Fein, dass die LVZ so ein tolles Archiv hat. Zurück bis in tiefste DDR-Zeiten. Als Marx hier zu Lande - aus verständlichen Gründen - noch ordentlich was galt. Und ums gleich zu sagen: Echt sind demnach beide Platten!

Via LVZ forderten Genossen 1956 erstmals, dem Marx-Aufenthalt von anno dunnemals eine Gedenktafel zu widmen. Im September 1974 findet sich ein Hinweis im Blatt, dass inzwischen eine hängt - am Geburtshaus von Karl Liebknecht, Braustraße 15! Und am 25. Juni 1975, dass "gestern" auch eine am Hotel Hochstein angebracht wurde. Und alte Bilder belegen: Was seinerzeit am Liebknechthaus angeheftet wurde, hängt heute am Hotel. Und was seinerzeit ans Hotel kam, liegt momentan (noch) in Gauchs Wohnzimmer. Sieht nun also ganz danach aus, als habe ­Historiker Külow seinerzeit quasi "seine eigene" Braustraßen-Tafel weg­gegeben ...

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.11.2014

Angelika Raulien

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