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Lokales Gedenktafel erinnert an jüdischen Sportclub
Leipzig Lokales Gedenktafel erinnert an jüdischen Sportclub
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06:00 28.06.2018
Ein Stück Leipziger Sportgeschichte: ein Foto der Bar-Kochba-Mannschaft aus den 1920er-Jahren. Quelle: Foto:
Leipzig

Die Spuren sind verwischt. Auf dem Brachland an der Delitzscher Straße, wo in den 1930er-Jahren der jüdische Verein SK Bar Kochba seine Sportstätten hatte, walzten vor gut zwei Jahren Planierfahrzeuge bei Bauarbeiten alles platt. Unter anderem die so genannte „Judenmauer“ und das vermutlich unter Geröll verschüttete Relief mit David-Stern und Gedenk-Inschrift wurden zerstört. Um die Erinnerung an den Club und ihre teilweise von den Nazis ermordeten Mitglieder neu aufleben zu lassen, weihen morgen das Erich-Zeigner-Haus und der DGB-Stadtverband an jenem Ort eine Gedenkstele ein, wo einst Jugendhaus und Geschäftsstelle des jüdischen Fußballvereins zu finden waren: in der Elsterstraße 7.

Bernd Günther, früherer Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Leipzig, sowie Zeigner-Haus-Geschäftsführer Henry Lewkowitz und Frank Kimmerle (Ehrenvorsitzender des Vereins) wurden durch die LVZ-Berichterstattung von der Zerstörung auf das Thema aufmerksam und waren sich einig darüber, diesen Teil der Leipziger Geschichte nicht dem Vergessen überlassen zu wollen. Im Sommer 2017 begann ihre Recherche zu SK Bar Kochba. Beim Grundbuchamt erhielten sie die Bestätigung darüber, dass der Verein zentrumsnah seinen Sitz hatte.

Er hatte sich 1920 gegründet. In der Reichspogromnacht des 9. November 1938 verwüstete die Gestapo das Jugendhaus und die Geschäftsstelle in der Elsterstraße. Unter dem Zwang der Nazis wurde der Verein ein Jahr später aufgelöst. „Bis heute gibt es keine Erinnerung an dieses Kapitel jüdischer Sportgeschichte unter dem NS-System in Leipzig“, konstatiert Lewkowitz.

Die Initiatoren nahmen Kontakt zum Eigentümer der nun an dieser Stelle stehenden Immobilie auf, der Unitas GmbH. „Steffen Foede vom Vorstand war nicht nur offen für eine Gedenktafel, sondern regelrecht begeistert“, berichtet Kimmerle. Das Unternehmen übernahm die Kosten für das Fundament der Stele. Unterstützung kam unter anderem auch vom Familienportal „Tüpfelhausen“. „Es ist fantastisch, dass somit die Kosten für das Kunstwerk in Höhe von 4500 Euro abgedeckt sind“, freut sich Kimmerle. Was genau Künstler Michael Fischer-Art da auf einer 80 mal 60 Zentimeter großen Aluminiumplatte verewigt hat, wird Freitag am frühen Abend gelüftet.

Zu denen, die ab 17 Uhr die Stele einweihen, gehört neben Kulturamtsleiterin Susanne Kucharski-Huniat und Küf Kaufmann von der Israelitischen Religionsgemeinde auch Orly Goldstein. Sie ist die Enkelin eines früheren Bar-Kochba-Sportlers; eines der wenigen, die den Holocaust überlebten: Stürmer Hermann Bernhard Rafe reiste 1935 als Spieler des Maccabi-Fußballteams nach Israel zu den großen jüdischen Sportspielen, der Makkabiade – und blieb auf eisernes Beharren seines Cousins in Haifa.

Die Inschrift auf der Gedenktafel erinnert nicht zuletzt an diejenigen, deren Schicksal anders verlief. „Viele Vereinsmitglieder wurden verhaftet und inhaftiert, mussten fliehen, verloren ihre Heimat oder wurden ermordet“, wird zu lesen sein. Auch einige Fußballer sind zur Einweihung vor Ort, denn sie gilt als Auftakt zum 4. Internationalen Fußballbegegnungsfest in der Egidius Braun Sportschule von Freitag bis Sonntag.

Gut möglich übrigens, dass mit der Gedenkstele die Aufarbeitung von Bar Kochba nicht beendet ist: Auf dem weiten Areal an der Delitzscher Straße soll sich – als wohl letzte Spur – irgendwo unter dem Wildwuchs noch das Gerüst eines Tores befinden ...

Einweihung der Gedenkstele am Freitag um 17 Uhr, Elsterstraße 7. Das Zeigner-Haus in der Zschochersche Straße 21 lädt für morgen 18 Uhr außerdem zur Podiumsdiskussion „Finis Germania – Wie rechtes Gedankengut zum Spiegel-Bestseller wird“. Der Eintritt ist frei, Infos auf www.erich-zeigner-haus-ev.de.

Von Mark Daniel

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