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Lokales Gelebte Partnerschaft: Leipzigs Ferienspiel in Addis Abeba organisiert
Leipzig Lokales Gelebte Partnerschaft: Leipzigs Ferienspiel in Addis Abeba organisiert
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09:03 11.02.2019
Addis Abeba: Kinder beim Spiel „Stadt in der Stadt“, das behinderte und nicht behinderte Kinder zusammenbringt. Quelle: Stephanie von Aretin
Addis Abeba/Leipzig

Ein kleines Wäldchen spendet Schatten in der gleißenden Sonne. Die Zweige der Kiefern schlucken den Lärm der Fünf-Millionen-Metropole Addis Abeba, das Heulen der schweren Dieselmotoren, das Hupen der Taxis, das Kläffen der Straßenhunde. Die Stimmen von rund 100 Kindern, vergleichbar mit drei Schulklassen, verdichten sich zu einem gleichmäßigen Murmeln, wenn sie an verschieden Stationen Holz zusägen, eine Tischdecke sticken, Naturfarben herstellen.

Es ist Ferienzeit für äthiopische Großstadtkinder, aber nicht nur das: Ferienzeit vor allem auch für Kinder mit Down-Syndrom, mit Sehbeeinträchtigung, mit Beinen, die das eigene Gewicht mit Mühe tragen, mit Körpern, die nicht wachsen wollen.

Eine Junge mit Down-Syndrom hilft beim Besticken einer Decke. Links hinter ihm Katja Roloff und Benjamin Gaum (Haus Steinstraße), rechts Ulrike Bernard und Angela Teubert (Haus Steinstraße). Quelle: Stephanie von Aretin

Zwei Jahre lang hat das Team vom Haus Steinstraße in Leipzig, dem sozio-kulturellen Zentrum, das inklusive Ferienspiel in der äthiopischen Hauptstadt vorbereitet.Es wurde die German Church School als Partnerschule gefunden und zwei Standorte auf je einem Collegecampus. Ein kleiner Testlauf fand in Addis Abeba vor einem Jahr statt. Äthiopische Fachleute in der Arbeit mit behinderten Kindern kamen danach im Sommer nach Leipzig, um sich im Grünauer Robert-Koch-Park die Leipziger Ausgabe von „Stadt in der Stadt“ anzusehen. Im November wurde in Addis Abeba in einem stundenlangen Brain Storming ein Plan für Organisation, Verpflegung, Material, Öffentlichkeitsarbeit, Personal erarbeitet. Das 250000 Euro schwere Partnerschaftsprojekt, in dem „Stadt in der Stadt“ eines von vier Pilotprojekten ist, wird mit Fördermitteln von Engagement Global seit 2016 vom Referat Internationale Zusammenarbeit der Stadt Leipzig gemanagt (die LVZ berichtete).

Referentin Katja Roloff leitet daher die 15-köpfige Delegation, die zum Ferienspiel nach Addis Abeba reist. Einige, wie Angela Teubert vom Haus Steinstraße, arbeiten direkt an den Spielstationen mit. Gunther Jähnig, Geschäftsführer vom Behindertenverband Leipzig, begutachtet mit geschultem Auge die fast durchgängigen Leitsysteme auf den gepflasterten äthiopischen Fußwegen, aber auch plötzliche Abwasser-Schneisen, die selbst geübte Rollstuhlfahrer in Not bringen.

Doch wenn beim Ferienspiel das Mittagessen für die Kinder eine halbe Stunde zu spät kommt, liegt es nicht mehr in der Hand der Leipziger, daran etwas zu ändern. Sie haben nun das Privileg, zu beobachten, Erfahrungen zu sammeln, die sie selbst zu Hause anwenden können. Wie kreativ werden die Kinder in diesem freien Spiel, wie gehen sie mit dem Material um, der Laubsäge, dem Vorschlaghammer, den langen Holzlatten? Wie spielen sie miteinander, wie gehen Kinder ohne Behinderung mit denen mit Behinderung um?

Referentin Katja Roloff, die deutsche Botschafterin Brita Wagener und der stellvertretende Bürgermeister von Addis Abeba, Solomon Kidane, beim Tortenanschnitt. Quelle: Stephanie von Aretin

Die Abschlussveranstaltung am Freitagnachmittag ist ein gutes Beispiel, um die Atmosphäre des sommerlichen Ferienspiels in die Leipziger Winterlandschaft zu transportieren. Als nach dem offiziellen Programm die Musik weiterspielt, stürmen die Kinder die Bühne. Ein Junge mit Downsyndrom, ein Mädchen mit einer Gehbehinderung tanzen mitten in der fröhlichen Gruppe. Als Katja Roloff ein Foto des neuen, Demokratie-orientierten, Ministerpräsidenten Abiy Achmed nach oben hält, das sie geschenkt bekommen hat, brandet im Publikum begeisterter Applaus auf. Blinde Mädchen und Jungen posieren trotz des holprigen Asphalts stolz auf einer Modenschau. Ein sehbehindertes Mädchen trägt ein Gedicht vor.

„Wir sind durch dieses Projekt seit 2015 in kontinuierlichem Austausch mit einem gewachsenen Netzwerk an Partnern in Äthiopien“, sagt Katja Roloff. „Wir haben vieles gelernt: Es ist gut, jede große Zusammenarbeit mit kleineren Testläufen vorzubereiten, für die wir Mittel beantragen. Wir beziehen die äthiopischen Partner schon in der Konzipierung der Anträge ein.“ Auf der äthiopischen Seite beobachtete sie, dass die Ehrfurcht vor dem vermeintlich perfekten deutschen Partner in eine realistischere Einschätzung der deutschen Ansätze gerade in der inklusiven Bildung mündete. „Äthiopische Fachleute sehen ihre eigenen Errungenschaften jetzt mit mehr Selbstbewusstsein“, sagt sie.

Ulrike Bernard, Katja Roloff, Botschafterin Brita Wagener, die Dekanin des Entoto College Mulu Atsbha und eine Lehrerin der German Church School (v.l.) . Quelle: Stephanie von Aretin

Etwa 50 Fachleute aus Schulen, den Stadtverwaltungen, der Sozialarbeit und den beteiligten Verbänden und Vereinen haben in drei Jahren an dem Austausch zwischen den Partnerstädten teilgenommen. „Wir mussten vieles erkämpfen, zum Beispiel, dass Teilnehmer mit Behinderung überhaupt ein Visum für Deutschland bekommen“, sagt Ulrike Bernard, Geschäftsführerin im Haus Steinstraße. Vier Pilotprojekte zeigen, dass Inklusion – die Vielfalt beteiligter Menschen mit unterschiedlichen körperlichen und geistigen Voraussetzungen, mit unterschiedlichem sozialen und kulturellen Hintergrund, mit unterschiedlichem Alter – machbar ist. „Die Grundbedürfnisse sind überall die gleichen“, sagt Bernard: „Spielerisch und freiwillig zu lernen, sich gegenseitig zu respektieren, Neugier auf Neues und der Wunsch nach Inspiration.“ Unter diesen Voraussetzungen lassen sich Erfahrungen aus Leipzig nach Äthiopien übertragen, und Erfahrungen aus Äthiopien nach Leipzig.

Von Stephanie von Aretin

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