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Gemüse, Flugplatz und Brandauer

100 Jahre Leipziger Hauptbahnhof Gemüse, Flugplatz und Brandauer

Leipzigs imposanter Hauptbahnhof feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Das bekannte Bauwerk hat eine bewegte Geschichte hinter sich. In einer Serie blickt die LVZ zurück – heute: die Randgeschichten.

Die Reisegepäckannahme auf der Ostseite.

Quelle: Stadtgeschichtliches Museum

Leipzig.

In den 1930er-Jahren gab es die Vorstellung ungestümer Stadtplaner, einen Flugplatz auf dem Dach zu installieren – dies blieb im Gegensatz zu einer Art City-Tunnel aber graue Theorie.

Schon in der Planungsphase war die Idee einer unterirdischen Verbindung des Hauptbahnhofs mit dem Bayerischen Bahnhof geboren worden. Die sächsische Verwaltung besaß dafür einen Untergrundbahntunnel von 710 Metern Länge für die geplante Schnellverbindung dorthin. Dessen Sohle befand sich zehn Meter unter dem Personenbahnsteig 22/23 und sieben Meter unter dem Straßenniveau. Er senkte sich 480 Meter westlich der Brandenburger Brücke – nach einem Voreinschnitt von 180 Metern Länge – unter die Erde und führte bis zehn Meter vor die Vorderfront des Empfangsgebäudes. Diese Tunnelanlagen bestanden lange weiter, lediglich der vor dem Empfangsgebäude liegende U-Bahn-Tunnel wurde durch die Kriegseinwirkungen verschüttet.

Bereits Mitte der 1920er-Jahre richtete die Ufa in besagtem Tunnelteil unter Gleis 22/23 ein Kino ein, das 1955 als Zeitkino wiedereröffnet wird. Ein weiterer „Kultur- und Unterhaltungsraum“ am Querbahnsteig-Westflügel wird später vom Kulturhaus der Eisenbahner genutzt.

Bis 1934 treffen sich die Vorsteher beider Stationen Punkt 9 Uhr zum Uhrenvergleich. Mittlerweile tickt die vierte Uhren-Generation in den Hallen.

Von den Bahnsteigsperren, an denen einst Bahnsteigkarten abgerissen wurden, existiert noch ein Exemplar, das zum 100. Jahrestag 2015 wieder gezeigt werden soll.

Nach dem Krieg wurden die Dächer der Lichthöfe als Gemüse- und Kartoffelgärten genutzt, rund 40 Wohnungen unterm Dach befanden sich in dem weitläufigen Gebäude. Ebenso eine zweibahnige Kegelbahn, ab 1960 ein Kindergarten, der Laufmaschen-Eildienst und vieles mehr. Und in den Katakomben saß die Stasi. Zudem war der Hauptbahnhof „Trägerdienststelle“ für das Reichsbahn-Erholungsheim „Wittigsthaler Hof“ in Johanngeorgenstadt. Außerdem befanden sich im Hauptbahnhof – zumindest zeitweise – eine Außenstelle der Ingenierschule für Verkehrstechnik, eine Verkaufsstelle des Transexpreß-Verlags und die Geschäftsstelle des Deutschen Modellbau-Verbands.

In den Anfangsjahren befand sich eine Auswanderer-Registrierstelle der Schifffahrtsgesellschaften Hamburg-Amerika-Linie (Hapag) und Norddeutscher Lloyd Bremen in der Nähe von Bahnsteig 1. Ab 1929 wurden diese Räume für die Technische Nothilfe verwendet und im Jahr 1950 eine Turn- und Sporthalle für die BSG Lok Mitte eingerichtet.

Die Fürstenräume auf der Ostseite wurden zwischenzeitlich für die Betreuung von Kriegsgefangenen-Heimkehrern und für die Flüchtlingsfürsorge genutzt.

1959 wurde ein kleiner Intershop eingerichtet, der 1968 und 1974 wegen des Andrangs erweitert werden musste. Zwischenzeitlich gab es in der früheren Expressbügelei sogar einen Spezial-Intershop für Textilien.

Von einstmals 30 bis 40 Gepäckträgern samt Aushilfen zu Spitzenzeiten wie den Leipziger Messen waren Anfang der 1970er-Jahre noch vier vorhanden, die beiden letzten schieden 1982 aus.

Zu DDR-Zeiten gab es eine extra kombinierte Visa- und Fahrkartenstelle für den Rentner-Reiseverkehr in die Bundesrepublik. Für Großbetriebe mit vielen Dienstreisen gab es Vereinbarungen über einen Vorratskauf samt Selbstausgabe.

Der Hauptbahnhof war Quellen zufolge auch Filmset für mehr oder weniger bekannte Streifen – darunter „Shining Through“ (1992), „Obsession“ (1997), „Das fliegende Klassenzimmer“ (2003) oder „Mr. Nobody“ (2009) sowie für diverse Fernsehserien. Selbst für Hollywood und die Defa putzte er sich heraus. Angeblich sollen sogar für den 1981 angelaufenen Film „Mephisto“ mit dem berühmten Klaus Maria Brandauer Szenen im Hauptbahnhof gedreht worden sein. Die Faktenlage ist allerdings spärlich. Doch vielleicht können die LVZ-Leser ja das Rätsel aufklären.

Anfang der 1980er-Jahre wurden bei etwa 1000 Gaststättenplätzen – ohne Kioske, Versorgungswagen und Kaffeestuben – und ungefähr 800 Mitropa-Beschäftigten täglich 6000 Gerichte und 800 Suppen, 5000 Liter Limonade und 2200 Liter Bier verkauft.

Vielerlei Züge liefen in 100 Jahren den Bahnhof an – darunter Hamster- und Flüchtlingszüge nach dem Zweiten Weltkrieg, 2001 erstmals der ICE, Sonderzüge zu Messezeiten, kurz vor dem Fall der Mauer sogenannte Korridorzüge mit Transitreisenden, die über den Güterbahnhof umgeleitet wurden.

Durch die Fahrlässigkeit von Beschäftigten in den Umkleideräumen des Mitropa-Betriebes im Dachgeschoss des Mittelbaus entstand am 14. Oktober 1971 ein Großbrand, der fast den gesamten Dachstuhl des besagten Gebäudeteils erfasste.

Während des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 stürmten Demonstranten die Wache der Transportpolizei gegenüber Bahnsteig 1 und erbeuteten Waffen. Deren Anführer Herbert Kaiser wurde später verhaftet und im Dezember hingerichtet. Der Leichnam des ersten Leipziger Opfers des Volksaufstandes, Dieter Teich, wurde von Demonstranten durch die City in den Hauptbahnhof geschleppt. Dort wurde er beschlagnahmt. Verkäuferinnen von Blumen-Hanisch in der Westhalle hatten ihn zuvor mit Blumen überhäuft. Am Abend des Tages rollten sowjetische T-34-Panzer heran und flankierten die Eingangshallen bis zum nächsten Tag.

Die ersten Montagsdemos nach 1989 richteten sich Mitte der 1990er-Jahre gegen den Umbau samt geplanter Verwandlung der Gleise 25 und 26 in ein Parkhaus.

Von LVZ

Leipzig Hauptbahnhof 51.344814464511 12.381731229639
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