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Lokales Gentherapie gegen Krebs bald made in Leipzig
Leipzig Lokales Gentherapie gegen Krebs bald made in Leipzig
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13:37 10.07.2016
Professor Dietger Niederwieser, Chef-Hämatologe an der Leipziger Uniklinik, ist der wissenschaftliche Leiter des Leukämie- und Lymphom-Patienten-Kongresses, der in Leipzig tagte. Quelle: PR
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Leipzig

Bei Leukämie schießen den meisten Menschen sofort Bilder von aschfahlen, aufgedunsenen Kindergesichtern mit kahlem Schädel in den Kopf. „Doch Leukämie“, sagte Peter Gomolzig, Vorsitzender der Deutschen Leukämie- und Lymphomhilfe (DLH), „ist eine Erwachsenenkrankheit. Auf jedes erkrankte Kind kommen 40 bis 50 Erwachsene.“ Besonders betroffen: Menschen jenseits der 65. Insgesamt sind es jährlich etwa 16000 Erstdiagnosen in Deutschland. Hinzu kommen noch genauso viele neu diagnostizierte Lymphome, dem in der Öffentlichkeit weniger präsenten Lymphdrüsenkrebs. Bei beiden handelt es sich um Veränderungen der weißen Blutkörperchen, die unbehandelt oft sehr schnell zum Tod führen.

Der Bundesverband ist die Dachorganisation von rund 100 Selbsthilfegruppen in Deutschland, die sich diesen Blutkrankheiten verschrieben haben. Am Wochenende trafen sich mehr als 600 Patienten aus der ganzen Bundesrepublik zu ihrem jährlichen DLH-Kongress in Leipzig. Zwei Tage lang tauschten sie sich im Hotel Westin aus, diskutierten in Workshops und Podiumsdiskussionen mit Ärzten über Behandlungsstrategien, neue Therapien, den Einfluss von Sport und Ernährung auf den Heilungsprozess und darüber, wie sich Lebensqualität auch mit Krebs bewahren lässt.

Professor Dietger Niederwieser, Chefarzt für Hämatologie und internistische Onkologie am Leipziger Uniklinikum, schwärmte von geradezu „revolutionären Fortschritten“: „In meiner 40-jährigen Karriere hat es noch nie so viele Möglichkeiten gegeben wie in den letzten zehn Jahren.“ Die Chronische Myeloische Leukämie etwa lässt sich heute teilweise ganz ohne die nebenwirkungsreiche Chemotherapie mit tumorspezifischen Medikamenten in Form einer lebenslang einzunehmenden Tablette beherrschen. Doch bei aller Euphorie: Ein Ende des Zeitalters der Chemo sieht der Hämatologe nicht.

Die Zukunft sehen Forscher und Ärzte vielmehr in einer individualisierten Medizin. In ein, zwei Jahren rechnet Niederwieser mit der Verfügbarkeit einer Gentherapie gegen Blutkrebs. Sie wurde bisher an Patienten mit Akuter Lymphatischer Leukämie getestet. Das Prinzip der Car-T-Therapie basiert auf der Enttarnung der für die körpereigene Abwehr meist unsichtbaren Krebszellen. Dazu werden Immunzellen von Erkrankten im Labor so manipuliert, dass sie die Krebszellen aufspüren und zerstören. Leipzig kommt hier künftig eine Schlüsselrolle zu. „Der Pharmakonzern Novartis hat für seine Produktion in Europa einen Standort gesucht und sich für Leipzig entschieden“, so Niederwieser.

DLH-Vorsitzender Peter Gomolzig steht beispielhaft dafür, welche Fortschritte die Behandlung von Blutkrebs gemacht hat. Er selbst durchlief vor 15 Jahren alle Stationen des therapeutischen Höllentrips – von der herbeigeführten Zerstörung seines eigenen Immunsystems bis zum Aufbau einer neuen Körperabwehr durch eine Knochenmarktransplantation, verbunden mit monatelangem Klinikaufenthalt, Isolationsstation und allen möglichen Komplikationen. Der Kampf hat sich gelohnt. Inzwischen, sagte er, führt er ein zufriedenes Leben. „Vor 25 Jahren war die Chronische Myeloische Leukämie die Ankündigung des Todes. Heute ist sie gut behandelbar.“

Verloren hat Krebs seinen Schrecken dennoch nicht. „Krebs wird immer mehr zu einer chronischen Krankheit“, betonte Professor Anja Mehnert, die die Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Leipziger Uniklinikum leitet. Ein Umstand, der ganz neue Anforderungen an die Medizin stellt. Wie kommen Menschen mit den Langzeitfolgen einer Krebsbehandlung zurecht? Bei jedem Zweiten, ergab eine Studie, verursacht sie psychische Probleme. Oder führt zu neuen schweren Erkrankungen, so wie bei Holger Bassarek. Der 49-Jährige war 1997 an Blutkrebs erkrankt, wurde geheilt. Doch vor einigen Jahren entwickelte sich bei ihm ein Zweittumor, wahrscheinlich als Folge der Ersttherapie.

Selbsthilfegruppen bieten sowohl während als auch nach der Therapie eine Möglichkeit, sich auszutauschen, gegenseitig Mut zu machen und Unterstützung zu geben. In Leipzig gründete Waldemar Moses im vergangenen September die erste sächsische Selbsthilfegruppe Leukämie und Lymphome für Betroffene, Angehörige und Hinterbliebene. Die Lebensgefährtin des 83-Jährigen war vor drei Jahren an Leukämie gestorben. Die mittlerweile elf Mitglieder treffen sich jeden zweiten Mittwoch im Monat um 15.30 Uhr im Haus Leben in der Friesenstraße 8.

Von Klaus Staeubert

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