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Lokales Georgien: Innen – und Außenperspektiven
Leipzig Lokales Georgien: Innen – und Außenperspektiven
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16:51 10.10.2018
Rolf Schrader porträtiert das Volk der Chewsuren in Georgien Quelle: Rolf Schrade
Leipzig

Was mochtest du an Georgien nicht?“ Das ist die erste Frage, die der bekannte georgische Lyriker Dato Barbakadse der Leipziger Buchautorin Constanze John an diesem Abend stellt. Elf Wochen ist sie durch sein Heimatland gereist und hat ein Buch darüber geschrieben. Dennoch: eine Antwort fällt ihr sichtbar schwer. „Ich möchte nicht urteilen“, sagt sie. Von ihren Erfahrungen erzählen, das möchte John aber gerne. An diesem Abend tut sie das gemeinsam mit Dato Barbakadse, der seine Poesie - wohlgemerkt in deutscher Sprache – vorträgt. Gerahmt wird die Lesung im Haus des Buches von einer Fotoausstellung. Eindrucksvolle Bilder Rolf Schrades von einem georgischen Bergvolk, den Chewsuren, aus den Jahren 1960 und 2013 sind dort zu sehen. Farbenprächtige und kunstvoll gestaltete Trachten, Kinder in einer felsigen Landschaft spielend, ernst drein blickende Männer und Frauen mit sonnen gegerbter Haut. Einen folkloristischen Hauch haben diese bis 30. Oktober gezeigten Fotografien. In Kombination mit der georgischen Musik, die immer wieder durch die Lautsprecher des Cafés klingt und dem Angebot von georgischem Wein kommt so aber doch ein stimmiges Ambiente auf.

Trinksprüche mit Herz

Eindrücklich erzählt John – was Reiseliteraten nun einmal machen – von Gastfreundschaft, von Kulinarik wie den berühmten Chinkali-Teigtaschen, und von Trinkritualen. „Den Trinkspruch musst du mit Herz sagen“ belehrte sie in Tiflis ein Gastgeber. Zum Glück wagt sich John auch an den georgischen Alltag heran. Dass ein ruhiges, kleines Mädchen von ihrer Großmutter liebevoll „Hooligan“ genannt wird, erzählt sie und erklärt: Menschen mit einer ausgeprägten Neigung zum künstlerischen Ausdruck werden in Georgien gerne so genannt. Überhaupt spiele die Kunst eine große Rolle im modernen Georgien: „Ich hatte das Gefühl, nicht Geistliche, sondern Künstler sind jene, die sich in Georgien um die Seelen kümmern“ sagt sie, und der in Tiflis geborene Dato Barbakdse widerspricht nicht. Dennoch, es sind zwei Perspektiven auf das kleine kaukasische Land, die durch die deutsche Schriftstellerin und den georgischen Kollegen zusammenkommen: eine von innen und eine von außen.

„Warum aber gehen die Leute aus Georgien weg?“

Noch einmal mehr in dem Moment, in dem Barbakadse sein letztes Gedicht vorträgt. Er wechselt hierfür vom Deutschen in seine Muttersprache. Die zuvor von Barbakadses Gedichten durchaus gelockerte Stimmung des Publikums verändert sich, als nun georgische Worte durch den Raum hallen. Ein wenig klingen sie nach der Sprache der Elben, mag sich ein Herr-der-Ringe-Fan noch denken, auf jeden Fall aber ungewohnt und irgendwie magisch – fremd eben. Constanze John spricht diese Sprache nicht, das muss sie auf die Nachfrage einer kritischen Zuhörerin noch einmal betonen. Sie reiste als Gast durch Georgien und ihre Eindrücke sind die einer Besucherin – und es sind vorrangig positive. Den Georgier Dato Barbakadse stimmt das eher nachdenklich: „Wenn es bei uns doch so schön ist, warum nur gehen die Leute aus Georgien weg ?“, fragt er. Es ist das allgemeine Dilemma der Reiseliteratur, das hier zutage tritt. Die Freude am Fremden ist wichtig und nachvollziehbar, aber fehlt dann nicht das echte Verständnis für die Seele des Volkes?

Zwei Perspektiven auf ein Land

 Das Publikum ist an diesem Abend kritisch mit John und ihrer Außenansicht auf Georgien. Ob die Prägung der Menschen durch die sowjetische Vergangenheit in ihrem Buch „40 Tage Georgien“ vorkomme, wird John gefragt. Das Buch erschien im DuMont-Verlag im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse, Georgien ist in diesem Jahr Ehrengast. „Georgia – Made By Charakters“ unter diesem Slogan werden sich ab Mittwoche georgische Autorinnen und Autoren einem deutschen Publikum vorstellen, und – wer weiß – vielleicht können sie durch ihre Literatur den tieferen Blick in die Seele Georgiens ermöglichen. Denn das Interesse an dem Land wächst, sagt Constanze John, und ihr Buch biete einen ersten Einblick. Wer mehr erfahren will, für den hält Barbakadse noch zwei Literatur-Empfehlungen bereit: Michail Kwatschi und Guram Dotschanaschwili. Letzterer wird bei der Frankfurter Buchmesse dabei sein, ebenso wie Dato Barbakadse und Constanze John selbst.

Von Anna Flora Schade

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