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Lokales „Geparkte“ Kühlschränke blockieren Behindertenumkleide am Cospudener See
Leipzig Lokales „Geparkte“ Kühlschränke blockieren Behindertenumkleide am Cospudener See
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00:21 03.08.2017
Die Behinderten-Umkleidekabine – am 9. Juli zugestellt mit Kühlschränken.  Quelle: Foto: privat
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Leipzig

 Gunter Jähnig macht aus seinem Unmut keinen Hehl: „Diese Handlungsweise ist schon unverschämt und einfach peinlich für unsere Stadt“, ärgerte sich der Geschäftsführer des Leipziger Behindertenverbandes (BVL), als er dieser Tage eine E-Mail von Bettina und Carsten Jähn aus dem Erzgebirge erhielt. Es ging um den Baderolli und die dazugehörige Umkleidekabine für Rollstuhlfahrer am Cospudener See.

Im Juli 2010 war die Anlage am Nordufer des Cospudener Sees in Markkleeberg eröffnet worden: ein 47 Meter langer, behindertengerechter Badesteg, ein Häuschen mit behindertengerechter Umkleidekabine und WC plus ein dort untergestellter Baderolli. Die Anlage ist bundesweit eine Rarität, mit der sich die Stadt auch für auswärtige, badefreudige Rollstuhlfahrer empfiehlt – und für die der BVL zuvor mehr als zehn Jahre lang gekämpft hatte.

Pfingsten 2011 hatte diese Bademöglichkeit die Jähns aus dem erzgebirgischen Lauter angelockt. Bettina Jähn ist auf den Rollstuhl angewiesen und freute sich auf ihren Wasser-Ausflug. „So etwas findet sich ja leider wirklich sehr selten in Deutschland und wir lieben das Leipziger Neuseenland zudem sehr“, erzählte sie gegenüber der LVZ. Allerdings scheiterte sie damals an einer, wie sie sagten, vom benachbarten Imbiss mit Abstellgut befüllten Umkleidekabine, aus der nicht mal der ausleihbare Bade-Rolli zu fischen war. Enttäuscht reisten die Jähns seinerzeit wieder heim, versicherten aber dem BVL, der stets ein Auge auf die Rolli-Anlage am See hat, trotzdem „gern in die schöne Stadt Leipzig zurückzukommen und es später mit dem Baden noch einmal zu probieren“.

Nun, am 9. Juli, hatte es das Ehepaar erneut in hiesige Gefilde gezogen. Mit Freunden wurde die Gegend um den Cospudener See erkundet. Und wiederum lockte ein Top-Wetter zum Abkühlen in den Fluten. „Also lag es nahe, auch den mittlerweile in den Medien so beworbenen Rollstuhlbadestegs endlich einmal zu nutzen“, fanden sie, öffneten die Rollstuhlumkleide – und standen nunmehr vor zwei Getränkekühlschränken. Wieder Null Chance für Bettina Jähn, ins erfrischende Nass zu kommen. Die Riesengeräte verwehrten sowohl den Zugang zur Umkleidekabine als auch die Nutzung der Behindertentoilette sowie das Heraushieven des Baderollis. „Es ist sehr schade, dass Räume, die eine Gleichstellung behinderter Menschen ermöglichen, immer wieder als Abstellraum missbraucht werden“, schrieben sie – mittlerweile ganz schön verärgert – an Jähnig, nach der neuerlichen Bade-Pleite. „Rollstuhlfahrer, die eine solche Erfahrung machen, kommen sicher nicht wieder. Und wenn sich das unter ihnen herumspricht, ist das auch keine gute Werbung für den Cossi. Wir finden, das hat Leipzig einfach nicht nötig“, ließen sie wissen.

Die Freunde der Jähns wurmte das Ganze auch. Sie schilderten Geschäftsführer Christian Conrad vom Pier1 den Vorfall. „Ich stimme Ihrer Kritik zu“, schrieb dieser zurück. Der Imbiss „Strandblick“ sei jedoch von seiner GmbH an einen Pächter verpachtet worden. Und ja, man habe mehrfach in den letzten Jahren Probleme mit der Zugänglichkeit jener Nebenräume gehabt, räumte Conrad ein. Teils habe das auch daran gelegen, dass vom Architekten nicht an genügend Lagerraum gedacht worden sei. „Aber das ist natürlich kein Grund, dass Behinderten-WC zu missbrauchen“, stellte er klar und leitete die Kritik an den Imbiss-Pächter weiter. Daraufhin ging auch von diesem eine E-Mailpost gen Erzgebirge, in der er das Vorkommnis nunmehr bedauert. „Wir hatten am Samstag, den 8. Juli 2017, eine Großveranstaltung, die bis 22 Uhr ging. Die Kühlschränke waren von einer Firma geliefert worden und diese konnten am Sonntag nicht abgeholt werden. LKW-Fahrverbot“, erklärte er. Im letzten Jahr sei ihm bei solch einem Event so ein Kühlschrank gestohlen worden. Was ihn diesmal „zu der Lösung trieb“, sie in der Behindertenumkleide einzuschließen. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung, dass Ihr Ausflug an den Cospudener See nicht so verlief, wie Sie sich es vorgestellt haben.“

BVL-Chef Jähnig hat die Sache jedoch längst nicht verdaut. Für ihn war das „wieder so ein Beispiel von vielen“, die Behinderten den Alltag schwer machen. „Wir sind leider noch sehr weit davon entfernt, dass die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft trotz Handicap zur Normalität geworden ist. Immer wieder stoßen wir auf Gedankenlosigkeit und Barrieren in den Köpfen“, so sein Fazit.

Von Angelika Raulien

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