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Lokales Geschichtsstunde im Stadtrat – 2015 jährt sich die Ersterwähnung Leipzigs zum 1000. Mal
Leipzig Lokales Geschichtsstunde im Stadtrat – 2015 jährt sich die Ersterwähnung Leipzigs zum 1000. Mal
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17:16 23.06.2011
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Leipzig

Dann  ergriff Marco Götze von der Linksfraktion das Wort und zeigte: Wenn es um Geschichte geht, lässt sich ein Sachse so leicht nichts vormachen.

Torsten Bonew (CDU) ging es wohl weniger um die ganz genaue Darstellung der historischen Fakten. Statt dessen hatte er die Zukunft vor Augen, als er während der Ratsversammlung sagte: „1000 Jahre Leipzig sind 1000 Jahre des Handels, der Kunst und Kultur, des Glaubens, der Wissenschaft, des Rechts, der städtebaulichen Entwicklung und der Architektur, des Sports, der Industrie, Wirtschaft und des Verkehrs. 2015 ist eine Riesen-Chance für Leipzig, sich in den europäischen Metropolen zu präsentieren.“ In letzterem Punkt hat ihm auch niemand widersprochen. Doch mit den 1000 Jahren waren nicht alle einverstanden.

„Wir sind strikt dafür, bei der Planung der Feierlichkeiten von 1000 Jahren Ersterwähnung zu sprechen“, meldete sich Marco Götze von der Linksfraktion zu Wort. Und fügte hinzu: „Die Hauptbedeutung einer urkundlichen Ersterwähnung besteht ja in der eindeutigen Zuordnung eines Namens zu einem Ort, also der quellengestützten Absicherung einer Namenstradition. Worüber sie nichts aussagt, ist die tatsächliche Dauer ununterbrochener Besiedlung.“ Schon aus den Namen Leipzigs wisse man, dass der Ort schon lange vor der Eroberung der sorbischen Offenlandschaften durch die Deutschen im Jahr 929 bestanden haben müsse. (Eine kurze Internetrecherche offenbart die als gesichert geltende Ableitung des Namens Leipzig aus dem sorbischen Wort Lipsk, dass so viel bedeutet wie „Linden-Ort“.)

Sorbische Vorgeschichte

Spätestens jetzt hatte sich Götze warm geredet und begann einen Parforce-Ritt durch die Geschichte. „Wir sollten die Geschichte der eroberten und christianisierten Sorben des Gaus Chutizi unserer Gegend nicht negieren.“ Eben so wenig solle man den von Dietmar von Merseburg 1015 erwähnten deutschen Burgwart samt dazugehöriger Siedlung zum Ausgangspunkt Leipziger Geschichte erklären. Schließlich habe die sorbische Bevölkerungsgruppe bis zum Ansturm der großen Ostsiedlungswelle der Sachsen, Flamen und Franken nach 1150 die Bevölkerungsmehrheit gestellt. Der Prozess der Vermischung der Gruppen zu einer neuen Bevölkerung habe sich bis ins hohe Mittelalter gezogen.

Außerdem müsse man sich entscheiden: „Meinen wir mit Leipzig die Siedlung mit formalen Stadtrechten – 1165 wäre dann das Gründungsdatum. Meinen wir unsere Siedlungsgeschichte, dann ist Leipzig weit älter. Meinen wir nur das Stadtzentrum und seine Geschichte oder gehört dazu auch die Geschichte der vielen Ortsteile mit slawischen und deutschen Namen, die sich auf unserem Stadtgebiet befinden?“ Spätestens an dieser Stelle saß auch der nach langer Sitzung etwas ermüdete Oberbürgermeister Burkhard Jung wieder hellwach auf seinem Stuhl. Am Ende seiner Rede ordnete Götze mit einem Knall sein Manuskript auf dem Redepult, der anschließende Applaus kam von allen Fraktionen.

Liebe zur fernen Vergangenheit

Die kleine Episode zeigt eines: Für Früh-Geschichte, wenn sie süffisant vorgetragen wird, können sich offenbar alle hiesigen Stadträte begeistern. Und auch in punkto Genauigkeit darf es dabei ruhig detailliert zugehen. Auf seine alte Vergangenheit ist Sachsen stolz. Der Vollständigkeit halber sollte nicht unerwähnt bleiben: Im ersten Punkt des Grundsatzbeschlusses zu den Festlichkeiten stand auch vor der Rede schon, dass in das Jahr 2015 „der 1000. Jahrestag der Ersterwähnung“ fällt.

Clemens Haug

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